DVB-H-Standard
Fernsehen mit dem Handy
Der Standard DVB-H hat viele Vorteile. So können viele Nutzer gleichzeitig mit TV-Programmen versorgt werden. Siemens treibt die Technik voran und hat erste Feldtests laufen – etwa in Tschechien.
Fußball als Zugpferd: Zur Weltmeisterschaft 2006 wird es bereits Feldtests mit DVB-H geben, der Durchbruch für das Handy-TV kommt aber erst 2008
Zahlreiche Pilotversuche in aller Welt zeigen, dass Handy-TV über den neuen digitalen Fernsehstandard DVB-H (Digital Video Broadcasting for Handhelds) technisch funktioniert und viel versprechende Anwendungen bietet. So nutzt etwa in Tschechien der Mobilfunk-Provider T-mobile das DVB-H-Equipment von Siemens für interaktives mobiles Fernsehen – seit Oktober 2005 können dort Handynutzer auch unterwegs auf das TV-Angebot zugreifen.
Möglich machen das Handy-Prototypen mit integrierten DVB-H-Chips vom taiwanesischen Hersteller BenQ, der die Handy-Sparte von Siemens übernommen hat. "Darauf laufen rund um die Uhr Nachrichten des Online-News-Senders CT-24 oder Häppchen der beliebten Reality-Show VyVolení (Big Brother)", sagt Stefan Schneiders, bei Siemens Communications für die Geschäftsentwicklung Mobile Broadcast zuständig. "Weitere Feldversuche in Kooperation mit Mobilfunkunternehmen in ganz Europa werden folgen."
Vor etwa zwei Jahren wurde das terrestrische Digitalfernsehens DVB-T (Digital Video Broadcasting) zu DVB-H weiterentwickelt und international standardisiert. DVB-H kann gemeinsam mit DVB-T auf demselben Frequenzband betrieben werden. Bisher haben die Landesmedienanstalten jedoch interessierten Anbietern noch keine Frequenzen zugewiesen. Der neue digitale Fernsehstandard ist die stromsparende, für den mobilen Empfang optimierte Variante für Geräte mit kleinen Displays bis etwa 20 cm Bildschirmdiagonale. Bei DVB-H kommt das Zeitschlitz-Verfahren zum Einsatz. Dabei werden verschiedene Programme und Dienste auf einem Kanal sukzessive in Zeitschlitzen gesendet. Das Handy geht nur in dem Zeitschlitz auf Empfang, der dem tatsächlich gewählten Dienst zugeordnet ist.
Damit verbraucht der Empfänger nur dann Energie, wenn Datenpakete auch empfangen werden. Siemens hat zudem eine Lösung entwickelt, die Bilder automatisch auf die Displays kleiner Endgeräte oder Handys anpasst. Bei Fußballspielen wäre der Ball sonst nur ein kaum wahrzunehmender Punkt. Zwischen dem Signal und dem Endgerät ist eine Schnittstelle, die das Fußballspiel aufnimmt, bei totalen Aufnahmen an den Ball heranzoomt und den vergrößerten Bildausschnitt weitersendet.
Der größte Vorteil von DVB-H gegenüber anderen Übertragungsverfahren: Während etwa bei UMTS nur ein Dutzend Teilnehmer in einer Mobilfunkzelle Streaming-Dienste – also Videos – gleichzeitig empfangen können, kann ein Sender über DVB-H wie beim Rundfunk an viel mehr Teilnehmer ausstrahlen. Mehr als 20 TV- und Hörfunkprogramme kommen so über einen einzigen Kanal. Zudem besteht durch die Mobilfunkanbindung der Endgeräte ein Rückkanal zum Sender. Damit können die Nutzer z.B. interaktiv fernsehen – etwa während einer TV-Sendung über ihren Lieblingsstar abstimmen oder bei Live-Wetten mitbieten. Die neue Technologie ist deshalb ein Paradebeispiel für die Konvergenz der Märkte von TV und Rundfunk mit der Telekommunikation.
Seit 2004 ist Siemens bei einem der ersten DVB-H-Pilotversuche in Deutschland dabei. "Wir waren Gründungsmitglied des Broadcast Mobile Projekts in Berlin", berichtet Schneiders, "um frühzeitig das komplexe Zusammenspiel von Infrastruktur, Endgeräteherstellern und Inhalteanbietern zu testen." Berlin nimmt dabei eine Sonderstellung ein, weil es bereits 2003 als erstes Bundesland auf das terrestrische Digitalfernsehen (DVB-T) umgestellt und eine Testfrequenz für DVB-H freigegeben hat.
Seitdem optimieren Schneiders und sein Team die DVB-H-Technik, damit die Infrastrukturlösung mit den Systemen der Rundfunkanstalten ebenso zusammenspielt wie mit denen der Mobilfunkunternehmen: "Unser Testsystem umfasst unter anderem einen Electronic Programm Guide (EPG), also einen elektronischen Führer durchs Programm. Darüber hinaus managt das System die Inhalte und authentifiziert die Nutzer, ob sie berechtigt sind, auf bestimmte Inhalte zuzugreifen, und schließlich übernimmt es auch noch die Abrechnung für die Inhalte", erläutert Schneiders.
TV mit Rückkanal. Im Live-Betrieb zu sehen war das Siemens-Testsystem auf der weltgrößten Telekommunikationsmesse, dem 3GSM World Congress in Barcelona im Februar und auf der CeBIT im März 2006. Nutzer konnten hier nicht nur auf verschiedenen Endgeräten – Handys oder PDAs – fernsehen, sondern auch Quizfragen beantworten oder wetten. Laut Schneiders sind aber noch viele Herausforderungen bei DVB-H zu meistern: Wer ist der Besitzer des künftigen Handyfernsehens, die Rundfunkanstalten oder die Mobilfunkbetreiber? Welche Frequenzen können weltweit freigeräumt werden? Wie sehen Erfolg versprechende Geschäftsmodelle rund um das Handy-TV aus?
Schneiders räumt dem Handy-TV deshalb noch etwas Zeit ein, bevor es einen Massenmarkt erreicht: "Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 werden so genannte Friendly User Tests mit wenigen 100 Endgeräten laufen". Mit dem Durchbruch für das mobile Fernsehen rechnet der Siemens-Manager ab dem Jahr 2007. "Großflächig zum Einsatz kommen wird DVB-H dann 2008 zur Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, sowie wenig später bei den Olympischen Spielen in Peking." Bis dahin werden wohl erst nur wenige Nutzer gebannt auf ihre Handys blicken, um live Sport-Events zu verfolgen – von kurzen Videoaufzeichnungen der spannendsten Tore, die schon jetzt beispielsweise über UMTS übertragen werden können, mal ganz abgesehen.
Nikola Wohllaib