CT India
Made for India – in India
Indien boomt fast so stark wie die chinesische Wirtschaft. Zusammen mit dem neuen Corporate-Technology-Team forciert deshalb Mukul Saxena in Bangalore Entwicklungen für den heimischen Markt.
Der indische CT-Chef Mukul Saxena: Mit intelligenter Bildverarbeitung haben die Forscher Kunden in Indien gewonnen und dabei weltmarktfähige Technik produziert
We are the new kids on the block", lacht Dr. Mukul Saxena und meint damit sein junges, 39-köpfiges Forschungsteam, das er im indischen Bangalore innerhalb des weltweiten Netzwerks der Corporate Technology (CT) bei Siemens etabliert hat. Seit April 2004 baut der 43-jährige Ingenieur und Manager das Zentrum auf. Bangalore gilt als indisches Silicon Valley im Süden des Halbkontinents. In den beiden Technoparks Whitefield und Electronics City erbringen rund 800 IT-, Biotech- und Nanotech-Firmen mehr als nur kostengünstige IT-Leistungen: Bangalore ist seit 15 Jahren ein exzellenter Forschungsstandort. Eines der besten IT-Institute des Landes, das indische IT-Flaggschiff Infosys und die HP Labs sind direkte Nachbarn der neuen CT India. Dort arbeiten vor allem indische Ingenieure mit Kollegen aus aller Welt an verteilten Systemen für die Bildgebung und computergestütztem Sehen sowie Software-Entwicklung.
Saxena hat den Aufstieg Bangalores jahrelang von den USA aus verfolgt und schließlich selbst mitgestaltet. Der studierte Ingenieur arbeitete zunächst für das globale F&E-Team von General Electric (GE). 1997 kehrte er nach Indien zurück und leitete nach einem Intermezzo bei einem Automobilzulieferer ab 2000 vier Jahre lang ein 140-köpfiges Forschungsteam in Bangalore und Niskayuna (USA). Er bestimmte maßgeblich die Forschungsaktivitäten für hochentwickelte Automatisierungstechnik mit und saß im Vorstand der Medical Systems bei GE in Indien. "Damit war ich an einem Punkt meiner Karriere angelangt, an dem ich in die USA hätte zurückkehren müssen." Aus persönlichen Gründen lehnte Saxena ab. Dazu kam: "Ich wollte Wachstum in Indien generieren, das hätte ich dann nicht mehr so stark in der Hand gehabt".
Genau dies bietet ihm seine neue Aufgabe bei Siemens. Ein Teil von Saxenas Team arbeitet für Siemens Medical India. "Wir entwickeln sehr flexible Client-Server-Architekturen, die in Echtzeit große Mengen an 3D-Bilddaten auf Rechner mit weniger Leistung verteilen", erläutert Romain Moreau-Gobard. Der französische Wissenschaftler ist zugleich der Verbindungsmann zu Siemens Corporate Research (SCR) in Princeton, wo er zuvor vier Jahre tätig war. Mit Systemen, die auf Forschungsergebnissen aus Bangalore beruhen, sollen Chirurgen künftig im Operationssaal in Echtzeit auf Computertomographie-Aufnahmen zugreifen können. Für solche Daten, die oft mehr als ein Gigabyte umfassen, sind dann keine Hochleistungsrechner mehr nötig. Stattdessen werden Ressourcen vieler Rechner im Hintergrund so ausgenutzt, dass die Aufnahme – mit einer speziellen Visualisierungssoftware – über eine Workstation aufrufbar ist.
Kostengünstige Lösungen. Eine enge Verzahnung zwischen der CT India und Siemens Information Systems Ltd. (SISL), dem stark wachsenden indischen Software-Haus mit 3 420 Mitarbeitern (im Herbst 2006 sollen es bereits über 4 300 sein), steht bei Saxena ganz oben auf der Agenda: "Als gemeinsames Team bringen wir die Technologie schneller in unsere Endprodukte und komplexen Lösungen". Sein oberstes Ziel lautet, in Indien für den indischen Markt zu forschen und erfolgreich kostengünstige Lösungen umzusetzen. "Was treibt den lokalen Markt und wie müssen Lösungen angepasst werden, die etwa in den USA 1000 US-$ kosten, für den indischen Markt aber nur ein Zehntel so teuer sein dürfen?" fragt er.
"Die Lösung heißt sicherlich nicht an Technik sparen – im Gegenteil", sagt Saxena und gibt ein Beispiel: Know-how über Maschinelles Sehen war wesentlich daran beteiligt, dass Siemens bevorzugter Lieferant für indische Kunden wurde. So wurden 70 Zigarettenmaschinen der Indian Tabacco Company mit Spezialkameras, einer Infrarotlampe und Sensoren ausgerüstet. Damit wird das verwendete Zigarettenpapier per Infrarot beleuchtet und auf seine Dichte überprüft. Auf diese Weise lässt sich schnell kontrollieren, ob das richtige Papier für die sechs Zigarettenvarianten in der Maschine ist. "Damit haben wir eine günstige Lösung für den indischen Markt geschaffen, die ich zugleich für weltmarktfähig halte", sagt Saxena.
Algorithmen für Kameras. Unter Leitung von Rita Chattopadhyay wird zudem an optimierten Lösungen für Kamerasysteme zur Verkehrsüberwachung geforscht – unter anderem, damit Spezialkameras bessere Bilder in der Dämmerung liefern. Zudem konzentriert sich die Forscherin auf eingebettete Software für Sicherheitskameras. "Sie sollen erkennen, wenn etwas Ungewöhnliches passiert und von selbst Alarm auslösen", sagt Chattopadhyay. Sie entwickelt Algorithmen, die auf die kleine Prozessorleistung der Kameras und den Echtzeit-Einsatz angepasst sind. Auch sollen Kameras künftig drahtlos miteinander kommunizieren. "Sobald jemand aus dem Sichtfeld einer Kamera gerät, übernimmt die nächste die Überwachung".
Eng arbeitet die Inderin dabei mit SCR in Princeton und Siemens-Forschern in Karlsruhe zusammen, die auf Gebäudetechnik, Videoüberwachung sowie computergestütztes Sehen fokussiert sind. Gebäudetechnik ist nur eine der Sparten, die auf dem indischen Markt neben Energieerzeugung, Industriedienstleistungen, Automatisierungs-, Verkehrs- und Medizintechnik boomt.
"Unsere Forschung wird künftig in Wachstumsmärkten wie Indien maßgeblich Wirkung zeigen", lautet Saxenas Prognose. 2006 steht deshalb ganz unter seinem Forschungsmotto "Made for India – in India". Gleichzeitig forciert er die Integration in das bestehende Forschungsnetzwerk von Siemens, was für ihn auch die Globalisierung der Forschung durch Impulse aus Indien bedeutet. Hier ist der Anfang mit laufenden Kooperationen mit den Siemens-Labors in Princeton und Karlsruhe bereits gemacht.
Nikola Wohllaib
Siemens feiert 2006 in Indien 50-jähriges Jubiläum als Fertigungsstandort. Heute arbeiten an über 60 Einzelstandorten fast 12 000 Angestellte – darunter 4 000 Forscher, Entwickler und Software-Ingenieure. Es gibt 13 Fertigungsstätten für Energieübertragung, Automatisierungs-, Medizin-, Kommunikations- und Gebäudetechnik – und bald eine mehr. Diese Sparten sind die Hauptkunden des Forschungszentrums von Corporate Technology in Bangalore. In der Software-Entwicklung kommen Kunden wie IBM India und HP India dazu. In Bangalore erstellt Siemens ein neues Gebäude, das bald etwa 1 000 Mitarbeiter beherbergen soll. Siemens Information Systems Limited (SISL), unter dessen Dach die CT India angesiedelt ist, verzeichnete 2005 ein Wachstum bei Neuaufträgen von 42 %. Das liegt deutlich über dem Wirtschaftswachstum Indiens, das zuletzt bei 7%nbsp;% lag und auf 7,5 % für 2006 geschätzt wird. Schon bald wird es in Indien drei Megacities mit über zehn Millionen Einwohnern geben – was, neben der wachsenden Mittelschicht von derzeit über 350 Millionen Menschen, eine hohe Nachfrage nach Infrastrukturleistungen aller Art stimulieren wird, ob bei Energie, Wasser, Transport, Gesundheit oder Industrie.