Remote Services – Telemedizin
Puls messen via Mobilfunk
Ein Trend in der Medizin ist, Patienten zu Hause per Mobilfunk oder Internet zu betreuen und so manche Arztbesuche überflüssig zu machen und Krankenhausaufenthalte zu verkürzen. Software-Lösungen von Siemens unterstützen das medizinische Personal bei der Auswertung, Interpretation und Verwaltung der Daten.
Überfüllte Arztpraxen könnten bald passé sein: Routinemessungen können viele Patienten auch zu Hause machen und die Werte per Telefon oder Handy übertragen. Der Arzt hat so mehr Zeit für andere Patienten; außerdem spart es Kosten. Nach einer Studie von Frost & Sullivan von 2004 wird das die Telemedizin kräftig vorantreiben. Allein in Europa werde der Markt bis 2011 jährlich durchschnittlich um 42 % wachsen (Fakten und Prognosen).
"Unsere Telemedizin-Lösung im Rahmen des so genannten Soarian-Systems kann die Messdaten von verschiedenen Untersuchungsgeräten empfangen", sagt Michael Mankopf von Siemens Medical Solutions (Med) in Erlangen. In den USA gibt es bereits mehrere Dienstleister, die den kostspieligen Besuch ambulanter Pflegedienste reduzieren helfen. Herzstück des Systems sind kleine Zentraleinheiten, an die sich spezielle Messgeräte anschließen lassen. Per Sprachausgabe wird der Patient angeleitet. Herz-Kreislauf-Patienten erfassen damit z.B. Körpergewicht, Blutdruck und Puls. Weitere Messgeräte gibt es für Diabetiker, Infarktpatienten oder Menschen, die an COPD (chronisch-obstruktiver Bronchitis) erkrankt sind. Über Mobilfunk lassen sich die Daten an das Soarian-System eines medizinischen Zentrums übertragen, auf das berechtigte Personen Zugriff haben.
Soarian ist ein Krankenhausinformationssystem von Siemens, das die Vorgänge im Hospital transparenter macht und so die Arbeitsabläufe verbessert (Lakeside Hospital). Es kann Patientendaten verwalten, Behandlungsschritte synchronisieren und über eingebaute Analyse-Programme den Arzt bei seinen Entscheidungen unterstützen. Es gibt verschiedene Module wie Soarian Cardiology, das auf die speziellen Anforderungen in der Herzdiagnostik ausgerichtet ist. Soarian Clinical Access verwaltet Patientendaten und ist auf die Einführung der elektronischen Patientenakte vorbereitet. Soarian Integrated Care schließlich ist die Telemedizin-Lösung zum Austausch von Informationen und medizinischen Bildern.
Patient zu Hause: Ältere Menschen messen Blutdruck- oder Diabeteswerte selbst und übertragen sie zum Arzt oder in die Klinik. Dort übernimmt Software von Siemens die Auswertung der Daten
Im deutschen Gesundheitswesen existiert noch kein Abrechnungsmodell für Dienstleistungen der Telemedizin. Zahlreiche Projekte untersuchen aber zur Zeit die Möglichkeiten der fernmedizinischen Betreuung. Ein bayerisches Pilotprojekt setzt bei COPD-Patienten auf die Verbindung von Medizin mit Psychologie: Patienten messen zu Hause jeweils vor und nach der Einnahme von Medikamenten ihre Lungenfunktion und beantworten Fragen zu ihrem Wohlbefinden. "Wir können COPD-Patienten zwar nicht heilen, aber ihre Lebensqualität verbessern", sagt Dr. Bernhard Werner von der Fachklinik für Erkrankungen der Atmungsorgane in Donaustauf bei Regensburg. Weil das Messgerät an ein Modem angeschlossen ist, genügt ein Knopfdruck, um die Daten über die Telefonleitung an eine Soarian-Datenbank in der Klinik zu übertragen. Der Hausarzt und Fachärzte können – ebenfalls per Modem – darauf zugreifen.
Patientenbetreuung per Handy. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich der Mobilfunk als Übertragungsweg durchsetzen", prophezeit Mankopf. Zu seinen Partnern in den USA zählt das South Carolina Heart Center, wo bei einer achtwöchigen Testinstallation die direkte Kommunikation zwischen einem Siemens-Handy CX65 und einer Personenwaage sowie einem Blutdruckmessgerät erprobt wurde. Bluthochdruck- und Herzpatienten konnten mit diesem System zu Hause Gewicht, Blutdruck und Herzfrequenz messen. Das Handy empfing die Messwerte automatisch über eine Strom sparende Variante des Kurzstreckenfunks Bluetooth – dadurch hält die Batterie in den Messgeräten bis zu drei Jahren – und schickte die Daten an die Soarian-Software im Krankenhaus.
Prof. Bernhard Wolf vom Heinz-Nixdorf-Lehrstuhl für Medizinische Elektronik der TU München bietet mit der Firma Sendsor unter anderem Lungenkapazitätsmessungen und automatische Blutdruckmessungen rund um die Uhr an. "Durch die Verwendung des Handys reicht ein einfaches Messgerät ohne teures Display", erklärt er. "Anhand der Daten können wir überprüfen, ob ein Patient nur beim Arzt zu hohe Werte hat oder tatsächlich unter Bluthochdruck leidet." Manchmal führe die besondere Situation in der Praxis zu verfälschten Werten. Für weitere Dauermessungen hat Wolf Sensoren entwickelt, die an der Innenseite eines Armreifs oder Rings angebracht werden. Sie messen z.B. Puls oder Hautfeuchte und funken die Daten über RFID-Technik (Radio Frequency Identification) ans Handy.
Neben Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wird Diabetes in den Industriestaaten drastisch zunehmen. Hauptrisikofaktoren für die Stoffwechselerkrankung sind Übergewicht, Bewegungsmangel und eine unausgewogene Ernährung. Um die Kosten für das Gesundheitswesen zu senken, soll telefonische Betreuung Arztbesuche reduzieren. Bei neu Erkrankten reicht das jedoch häufig nicht aus. "Wenn die Diagnose gestellt wird, müssen die Betroffenen ihre gesamte Lebens- und Ernährungsweise von einem auf den anderen Tag umstellen", erklärt Lena Mamykina von Siemens Corporate Research in Princeton. Mamykina will dabei helfen, indem sie den Diabeteskranken den Zusammenhang zwischen ihrer Lebensweise und dem Blutzuckerspiegel aufzeigt. Ihr Projekt zielt auf ältere Menschen, die sich vorwiegend zu Hause aufhalten und einen geregelten Tagesablauf haben. Mit Zustimmung der Patienten installiert sie in deren Wohnung Bewegungssensoren; die Diabetiker bekommen die Glucowatch der kalifornischen Firma Cygnus. Dieses Messgerät ermittelt über eine an der Haut angelegte geringe elektrische Spannung alle zehn Minuten die Glucosekonzentration im Gewebe zwischen Haut und Blut. Über Funk werden die Blutzuckerwerte und der Ort des Patienten an ein Notebook geschickt und verknüpft. Die Patienten sollen auf diese Weise lernen, schlechte Blutzuckerwerte mit einem vorangegangenen Aufenthalt am Esstisch oder Kühlschrank in Verbindung zu bringen. Mamykina überträgt derzeit das Programm auf PDA und Handys, damit der Hausarzt per Mobilfunk ebenfalls auf die Daten zugreifen kann.
Demenz-Pilotprojekt. Ein ähnliches System von Intel soll die Pflege von Alzheimerpatienten erleichtern. Es ermöglicht Angehörigen, trotz der Verpflichtung für die Pflege weiter ihrem Beruf nachzugehen. Druck-, Geräusch- und Bewegungssensoren stellen etwa fest, ob ein Patient schläft oder aus dem Sessel gefallen ist. Die Auswertung übernimmt eine Datenbank des Soarian Disease Managements. "Für uns besteht die Herausforderung darin, die erzeugten Daten sinnvoll aufzubereiten", sagt Keith Crownover, Leiter von Siemens Residential Health Solutions in Altoona im US-Staat Pennsylvania. Noch in diesem Jahr wird Crownover mit dem Gesundheitsspezialisten Meridian in einem neunmonatigen Pilotprojekt die Sensoren erproben.
Angesichts intelligenter Software, die Patientenmessungen und Überwachungsdaten von alleine auswertet, könnte sich die Frage stellen, ob der Arzt künftig noch gebraucht wird. "Telemedizin kann die Arztbesuche auf ein Minimum reduzieren, aber natürlich nicht vollständig abschaffen", sagt Dr. Kai-Uwe Schmidt von Siemens Med. Und: "Wer am Patienten misst, wird leicht haftbar gemacht", erklärt Schmidt. Letztlich trage nach wie vor der Arzt die Verantwortung.
Michael Lang