Remote Services – Szenario 2015
Stets zu Diensten
Mai 2015. Der Augmented-Reality-Spezialist Jan Brenner arbeitet seit kurzem bei einem Dienstleister für weltweiten Fernwartungsservice. Heute muss er einen australischen Truck wieder flottmachen.
Im Hardware-Zentrum des Unternehmens Superior Remote Services bieten drei Experten via Datenleitung Unterstützung bei der Wartung, Reparatur und Optimierung verschiedener Produkte – von Fahrzeugen über Kraftwerke bis zu Computertomographen. Sie können sich ins System der Geräte einwählen und sehen dieselben Benutzer-Informationen wie die Kunden vor Ort
Na, Tony", fragt Jan Brenner. "Irgendwas los während meiner Kaffeepause?" "Nein, alles ruhig. Ich hatte sogar Zeit, mir die aktuellen Leistungsdaten der Computertomographen der Mayo-Kliniken anzusehen. Sehen alle bis auf einen gut aus. Ich hab’ dem Cheftechniker eine Nachricht hinterlassen, dass er demnächst eine ausführliche Diagnose machen sollte – das geht nicht während des laufenden Betriebs. Ich vermute, die Röntgenröhre macht’s nicht mehr lange", berichtet Tony Wang, während er die Betriebsdaten von Geräten anderer Krankenhäuser durchgeht.
Jan setzt sich wieder auf seinen Platz im Hardware-Zentrum von Superior Remote Services (SRS). Er arbeitet nun seit zwei Monaten für das bedeutendste Unternehmen der Fernwartungsbranche, das seinen Umsatz ausschließlich mit Dienstleistungen macht, bei denen alle erdenklichen Geräte, Maschinen und Anlagen aus der Ferne überwacht, gesteuert oder optimiert werden. Zuvor hatte Jan als Augmented-Reality-Spezialist für ein Software-Unternehmen gearbeitet, das virtuelle Computerwelten für Erlebnisbäder entworfen hatte. Aber die Stellenanzeige, die ihm sein Personal Agent aus dem Web gefischt hatte, klang zu interessant. Und so hatte er bei SRS angefangen.
Anfangs war er erschlagen von der Bandbreite der Services, die das Unternehmen anbietet. SRS hatte vor 15 Jahren als kleiner Dienstleister für PC und Spielekonsolen angefangen, als die Virengefahr aus dem Internet noch sehr groß war. Mit schnellen und zuverlässigen Online-Hilfen hatte sich SRS bald einen Markt erobert. Nach und nach waren Überwachungs- und dann auch Wartungsaufträge größerer Firmen hinzugekommen. Durch Zukäufe und Kooperationen mit Herstellerfirmen gewann SRS schließlich Know-how über industrielle Anlagen und Prozesse bis hin zu Kraftwerken, Gebäudetechnik und den Diagnosegeräten in Krankenhäusern. Jan hatte schnell gemerkt, dass der Erfolg der Firma letztlich darauf beruhte, dass sie führende Spezialisten aus aller Welt beschäftigte. Nach vier Wochen Einarbeitung in der Zentrale in Dublin war er zurück in seine Heimatstadt Prag gekommen. Dort ist eine der vier großen Niederlassungen. Wenn er sich gut machte, konnte er vielleicht bald in Shanghai, Bangalore oder Boston arbeiten.
"He, Jan, was träumst du vor dich hin", reißt ihn Elizabeth Rowley aus seinen Gedanken. "Du hast einen Call aus Australien!" Die dunkelhaarige Irin blitzt ihn kurz an, dreht sich wieder um und redet auf russisch weiter. Sie ist mit einem Gasturbinenkraftwerk in St. Petersburg verbunden und versucht den Ingenieuren klarzumachen, dass sie es doch mal mit den von ihr optimierten Betriebsparametern versuchen sollten – damit könnten sie den Wirkungsgrad deutlich steigern. Schon leicht genervt erklärt sie dem Schichtleiter, dass die Werte auf einer Vergleichsanalyse von 250 anderen Kraftwerken beruhen. Dabei wippt die studierte Maschinenbauingenieurin ungeduldig mit ihrem Fuß
In ihren Augen bin ich bloß der kleine Spieleentwickler, denkt Jan und wendet seinen Blick von Elizabeths Beinen ab. Abwesend spricht er in sein Headset: "SRS Hardware-Zentrum, AR-Abteilung. Mein Name ist Jan Brenner, was kann ich für Sie tun." "Hi, Jan, wie es aussieht, sitze ich im Outback fest", sagt eine sonore Stimme. "Einen Moment noch, dann müsste die Bildübertragung stehen." Sekundenbruchteile später sieht Jan auf seinem großen Monitor die Führerkabine eines Lastwagens, im Hintergrund den Ayers Rock. Plötzlich schwenkt das Bild und ein verschwitzter Mann mit Hut taucht auf, der sich offenbar gerade die Handykamera vors Gesicht hält. "Hi, ich bin Thomas von TALogistics – wir haben einen Wartungsvertrag mit euch. Hab’ gefrorene Schweinehälften hinten drin, und mein Motor ist ausgefallen. Es wird bald dunkel. Kannst du dich mal einklinken und nachsehen, was los ist? Hoffentlich ist es nichts Ernstes, sonst schmelzen mir die Viecher aus dem Kühlraum." Während Thomas noch über seinen Witz grinst, hat Jan die Funkverbindung zum Bordcomputer hergestellt. Er lässt sich das Einloggen von Thomas mit einem Code freigeben und schaut sich die letzten Aufzeichnungen an. "No worries", beruhigt er. "Es sieht mir nicht nach einem mechanischen Defekt aus. Aber die Temperatur unterhalb der Fahrerkabine ist extrem hoch. Ich sehe auch, dass ein Lüfter für den Bordcomputer ausgefallen ist. Vermutlich ist das System wegen Überhitzung abgestürzt. Moment, ich lade mir die Betriebsanleitung für den Truck, öffne du bitte schon mal die Klappe zum Bordcomputer. Ich zeige dir dann genau, wie du die Handykamera halten musst."
Jan erklärt dem Lkw-Fahrer die Handgriffe. Thomas sieht auf dem Display des Handys Markierungen, die ihm Jan anhand der Videos in der Betriebsanleitung einblendet. So zeigt der Experte dem Lkw-Fahrer, in welcher Reihenfolge er welche Schrauben lösen und welche Abdeckungen er entfernen muss. Nach zehn Minuten hat er den Lüfter freigelegt. "Aha, ich seh’ schon, hier hat sich ein Kontakt gelockert. Diese Straßen hier müssen endlich mal geteert werden", schimpft der Trucker vor sich hin. "Steck’ das Kabel ran, schraub’ alles wieder zu und boote deinen Computer neu. Vielleicht solltest du deinen Kaugummi drüber kleben", witzelt Jan.
"Übrigens, hast du in letzter Zeit mehr Diesel verbraucht?" "Woher weißt du das?" fragt Thomas. "Ich hab schon gedacht, das Zeug verdunstet aus dem Tank!" "Naja, es liegt wohl eher an der Einspritzung. Unser automatisches Diagnosetool hier schlägt ein Software-Update vor, das sollte die Synchronisation optimieren. Ich kann dir das Update sofort aufspielen." Jan nimmt sich vor, auch die anderen Lkw des Transportunternehmens zu überprüfen, während er Thomas noch eine gute Fahrt wünscht und das Gespräch beendet.
Neben ihm hat Elizabeth inzwischen die russischen Ingenieure überzeugt und ihnen einen Jahresvertrag für das Optimierungstool verkauft. Sie hat Jan wohl schon eine Weile zugesehen. "Wow, unser Neuer hat ja wirklich was drauf", sagt sie und ihr Blick hat zum ersten Mal nicht diesen spöttischen Zug. Jetzt oder nie, denkt Jan. "Ähm, Elizabeth, wir haben doch auch einen Wartungsvertrag mit diesem Nobel-Italiener, du weißt schon, bei der Karlsbrücke. Sollten wir denen nicht endlich unser neues Energiesparmodell zeigen? Was meinst du: Könnten wir beide da nicht mal spontan vorbeischauen, heute abend vielleicht..."
Norbert Aschenbrenner
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