Remote Services – Experten-Interview
"Skandinavien ist der Telemedizin-Pionier"
Interview mit Siri Birgitte Uldal
Die Diplom-Ingenieurin Siri Birgitte Uldal (36) arbeitet am Zentrum für Telemedizin der Uniklinik in Tromsø, Norwegen. Uldal ist Präsidentin der Nordic Telemedicine Association, einer Vereinigung der skandinavischen Telemedizin-Gesellschaften.
Wieso sind die skandinavischen Länder Vorreiter bei der Telemedizin?
Uldal: Den Anstoß dazu gab die Norwegische Telekom (jetzt Telenor), die 1989 das Programm "Telemedizin in Nord-Norwegen" initiierte. Grund war vor allem die dünne Besiedelung. Von einigen Orten aus sind längere Fahrten zum Arzt oder Krankenhaus nicht einfach, vor allem nicht im Winter. Hinzu kommt, dass ganz Skandinavien über eine exzellente Kommunikationstechnik verfügt. Je nachdem, welche Schwerpunkte die Politik verfolgt hat, haben sich verschiedene Stärken herausgebildet. So ist Dänemark führend im Austausch von textbasierter Information, zum Beispiel über Patienten oder Laborwerte. Schon früh hat man dort dafür E-Mails eingesetzt. Norwegen hingegen hat einen Vorsprung bei Bildern, etwa bei Videokonferenzen und der Übertragung medizinischer Bilder.
Welche Trends beobachten Sie?
Uldal: Die klassische Telemedizin beschränkte sich auf Videokonferenzen zwischen Ärzten und den Austausch medizinischer Bilder zwischen Krankenhäusern. Heute werden die Patienten stärker einbezogen, Telemedizin oder E-Health wird persönlicher. Konkret bedeutet das, dass Patienten zu Hause betreut werden, damit sie sich die Reise zum Arzt oder ins Krankenhaus sparen können.
Welche Art der Überwachung ist das?
Uldal: Am häufigsten sind EKG-Messungen. Bei Herz-Kreislauf-Patienten werden auch Blutdruck, Puls und Gewicht gemessen. Bei Diabetikern wird der Blutzuckerwert ermittelt, und Asthmatiker bekommen die Lungenfunktion überprüft. Für diese Anwendungen sind mehr und mehr kommerzielle, vom Patienten einfach zu bedienende Geräte verfügbar. Die Daten können anschließend per Telefonleitung an den Arzt übertragen werden.
Wie verbreitet sind diese Messungen in Skandinavien?
Uldal: Im Moment gibt es etwa 20 bis 30 zumeist kleinere Pilotprojekte. In Norwegen fotografieren Mitarbeiter in der häuslichen Pflege die Wunden von Patienten und übertragen die Bilder mit anderen medizinischen Daten an ein Krankenhaus. Es gab auch ein Projekt zu Hautausschlägen bei Kindern, wo die Eltern die Fotos machten und die Informationen an das Krankenhaus sandten. Das ersparte manchmal eine Reise. In Finnland läuft zur Zeit ein Projekt, bei dem EKG-Daten und Röntgenbilder übermittelt werden. Das wurde für Assistenzärzte eingerichtet, die manchmal die Hilfe eines erfahrenen Kollegem benötigen.
Und was bringt die Zukunft?
Uldal: Aktuell ist die drahtlose Kommunikation der wichtigste Trend. Künftig wird der Schwerpunkt wohl auf funktioneller Kleidung liegen. Ich denke, dass der rasche Fortschritt bei den Handys diese Entwicklung maßgeblich anstoßen wird. Wenn Computer leicht sind, kann man sie auch bequem bei sich tragen.
Das Interview führte Michael Lang