Remote Services – Experten-Interview
"Höchste Verfügbarkeit dank Fernwartung"
Interview mit Gerald Weiß
Gerald Weiß (46) ist Leiter Technischer Service Kraftwerke bei Vattenfall Europe. Der gelernte Diplomingenieur ist beim fünftgrößten europäischen Energieversorger für den reibungslosen Betrieb von zehn Kraftwerken mit insgesamt mehr als 12 000 MW installierter Leistung zuständig.
Was sind die Vorteile der Fernwartung?
Weiß: In erster Linie der Faktor Zeit. Bei hochwertigen Anlagenteilen haben wir nicht ständig einen Servicepartner vor Ort, gleichzeitig haben wir als Betreiber oft nicht die umfassende Sachkenntnis bis zur letzten Schraube. Wenn eine Unregelmäßigkeit auftritt, kommt es meist darauf an, den Fehler so schnell wie möglich zu beheben.
Sie gewinnen Zeit, weil der Servicepartner schneller reagieren kann?
Weiß: Genau, Verfügbarkeit spielt eine große Rolle. Wir haben Grundlastanlagen, die wir mit einer Arbeitsverfügbarkeit von mehr als 90 % fahren. Das ist nicht nur deutschlandweit Spitze. Ein weiterer Vorteil: Ein Servicepartner wie Siemens kann die Kenntnis seiner Anlagenflotte einbringen und uns dadurch frühzeitig auf Probleme aufmerksam machen.
Wie funktioniert die Diagnose?
Weiß: Wir haben drei Diagnosesysteme. Bei der Offline-Diagnose nehmen wir regelmäßig Messdaten auf. Daran sehen unsere Experten, wann Reparaturen nötig sind, etwa bei Motoren an großen Pumpen. Die Online-Diagnose wählen wir, wenn die Verfügbarkeit besonders wichtig ist. Solch große Aggregate – speziell an den neu gebauten Blöcken der Kraftwerke Schwarze Pumpe oder Boxberg – sind an einen zentralen Leitstand gekoppelt. Die dritte Variante, die Fernwartung, nutzen wir insbesondere bei der Leittechnik, wo wir gute Erfahrungen mit dem Siemens Remote Expert Center in Karlsruhe gemacht haben.
Können Sie so den Wirkungsgrad verbessern oder vorausschauend warten?
Weiß: Ja. Jede Verbesserung des Wirkungsgrads senkt z.B. die spezifischen Kohlendioxid-Emissionen. Mit zielgerichteter Diagnose können wir Stellen erkennen, die für einen gesunkenen Wirkungsgrad verantwortlich sind oder wo ein Verschleißteil ersetzt werden muss. Noch vor etwa zehn Jahren haben wir regelmäßig die Turbine in ihre Einzelteile zerlegt und wieder zusammengebaut. Jetzt sehen wir dank der Diagnosen, dass wir die komplette Überprüfung einer Turbine noch gar nicht brauchen. So konnten wir bei den Blöcken der Grundlastkraftwerke die Intervalle für eine Revision, also die komplette Überprüfung, deutlich verlängern. Früher haben wir das alle drei bis sechs Jahre gemacht, heute nur noch alle vier bis acht Jahre.
Wie läuft die Fernwartung ab?
Weiß: Über eine ISDN-Leitung kann der Techniker von Siemens in Karlsruhe mit unserer Erlaubnis die komplette Leittechnik eines Kraftwerks am Bildschirm sehen und Funktionen mit unseren Technikern diskutieren oder auch neue Software einspielen.
Wie sieht ein konkretes Szenario einer Störung aus, etwa am Wochenende?
Weiß: Bei den Grundlastanlagen haben wir durchgehende Schichten, auch an Feiertagen. Bei Unregelmäßigkeiten ist der erste Ansprechpartner der Fachingenieur beim Technischen Service und zwar per Handy. Für Sonderfälle haben wir Vereinbarungen mit Servicepartnern. Da kann ein Anruf bei der Hotline ausreichen, das kann aber auch so weit gehen, dass sich jemand aus der Ferne zuschaltet. Aber nicht jedes Problem muss sofort gelöst werden. Es gibt oft Dinge, die bis Montag warten können, weil wir bei vielen Komponenten Redundanzen haben.
Thema Datenschutz und Sicherheit. Haben Sie kein Problem damit, wenn Ihnen ein Servicepartner wie Siemens auf die Finger schaut?
Weiß: Nein. Wir haben nichts zu verheimlichen, und der Servicepartner ist vertraglich verpflichtet, mit den Daten vertraulich umzugehen. Ein Problem sehe ich eher beim Thema Verantwortung oder Gewährleistung: Wir leiten unsere Daten ungeprüft an den Servicepartner weiter. Im Servicezentrum wird eine Unregelmäßigkeit nicht bemerkt und die Anlage fällt aus. Wer haftet dann? Selbstverständlich ist natürlich, dass die Kommunikation über absolut sichere Kanäle läuft.
Ihre Vision für das Jahr 2015?
Weiß: Wir müssten dann bei der Diagnose von Maschinen, Turbosatz und Generator weiter sein und ein Servicepaket für die gesamte Anlage aus einer Hand haben. Wartungen sollten dann allein vom Zustand abhängen, und mit den Daten sollte der Prozess optimiert werden. Beispielsweise können neuronale Netze Unregelmäßigkeiten erkennen helfen. Kürzlich trat etwa am laufenden Block ein Speisewasserverlust auf. Die Leittechnik hat eine zweite und dritte Pumpe zugeschaltet, bis schließlich jemand gemerkt hat, dass es eine undichte Stelle in der Leitung gab. Ein neuronales Netz, das alle Messwerte berücksichtigt und auf Plausibilität prüft, hätte diesen Fehler viel schneller erkannt. Da liegt die Zukunft. Hier forschen wir mit verschiedenen Partnern gemeinsam, auch mit Siemens. Eines ist aber klar: Auch in Zukunft wird kein neuronales Netz unser Fachpersonal ersetzen können.
Das Interview führte Norbert Aschenbrenner