Remote Services – Gebäudesicherheit
Das ferngesteuerte Kaufhaus
Immer mehr Firmen lassen ihre Gebäudeleittechnik nicht vor Ort, sondern aus der Distanz betreiben. Damit können Sicherheits- und Wachdienste gebündelt und Energiekosten gespart werden. Denn in den entfernten Schaltzentralen sitzen professionelle Techniker, die wissen, wie man die Systeme so steuert, dass sie optimal und wirtschaftlich arbeiten.
Wenn im Winter ein Kaufhaus öffnet, ist es drinnen mollig warm. Klimaanlagen surren und regeln mit aufwändiger Prozessorsteuerung die Heiztemperatur, bestimmen die Luftfeuchte und bringen Ventilatoren in Schwung. Problematisch wird es, wenn die Anlage ausfällt. Kaum ein Kaufhausbetreiber kann es sich leisten, eigene Klimatechniker zu beschäftigen, die alle technischen Details kennen und Defekte im Handumdrehen beheben. Spezialisten müssen schnell anrücken.
Künftig sollen solche Noteinsätze vermieden werden. Firmen lassen ihre Gebäude zunehmend rund um die Uhr aus der Ferne überwachen. Per Internetverbindung meldet die Klimaanlage ihre Betriebsdaten an eine entfernte Leitzentrale, wo Heizungs- und Klimatechniker – ähnlich Fluglotsen – vor Bildschirmen sitzen und im Notfall rechtzeitig eingreifen. Informationen von tausenden Gebäuden laufen dort auf: Glasbruchsensoren melden Einbrecher, Temperaturfühler Defekte in Kühlhäusern, und Melder signalisieren, dass Hochwasser die Computer bedroht.
"Das Interesse an Fernüberwachung ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen", sagt Bernard Wehrli, verantwortlich für den Aufbau der Betrieblichen Dienstleistungen beim Siemens-Bereich Building Technologies (SBT) im schweizerischen Zug. Bei der klassischen Gebäudeleittechnik ohne Fernwartung, dem Brandschutz oder der Zutrittskontrolle verfüge Siemens in Europa über das dichteste Servicenetz. Für Deutschland schätzt er den Marktanteil auf 35 %. "Mit der Fernwartung setzen wir jetzt eine neue Dienstleistung auf die bewährte Gebäudeleittechnik auf. Damit gehören wir sicherlich zu den Trendsettern." Zukünftig will Wehrli das Angebot erweitern. "Wir wollen dem Kunden zusätzliche Unterstützung anbieten – und dies soweit möglich aus der Ferne, um effizient zu sein." Dazu zählt etwa die optimale Steuerung der Anlagen, um den Energieverbrauch bei gleichbleibendem Komfort zu senken.
Für die britische Einzelhandelskette Tesco war genau das der Grund, ihre Kaufhäuser sukzessive mit einer Leitzentrale zu verknüpfen. In Großbritannien hat Tesco etwa 800 Filialen. Die Energiekosten belaufen sich auf über 100 Mio. £ jährlich, bei einer Energiemenge, mit der man 100 000 Einfamilienhäuser versorgen könnte. Das war zuviel. Jetzt überwachen Fachleute von SBT die ersten 38 Filialen im "Advantage Operation Center" in Cumbernauld in Schottland. Per Knopfdruck können sie die Daten jeder Anlage abrufen. Am Bildschirm erscheint automatisch ein Signal, wenn eine Anlage ungewöhnliche Werte meldet – etwa, wenn nachts Licht brennt oder wenn die Lüftung am Sonntag auf vollen Touren läuft. "Das klingt trivial, aber tatsächlich wird durch derlei Fehlbedienungen viel Energie verbraucht", sagt Peter Schmitt von der Gebäudeautomation der SBT, Projektleiter für den Aufbau der globalen technischen Fernbetriebs-Infrastruktur. "So wird häufig nach Wartungsarbeiten vergessen, die Zeitschaltautomatik wieder zu aktivieren." In solchen Fällen werden programmierte Sollwerte überschritten, auf dem Monitor erscheint die Warnmeldung. Wie sich zeigte, bleiben ohne Überwachung zudem viele Energielöcher unentdeckt. "Einfach deshalb, weil alles zu kurz kommt, was gut läuft." So kommt es vor, dass die Heizung im Keller unbemerkt auf vollen Touren läuft, obwohl draußen 30 °C sind und in den Räumen alle Thermostate auf Null stehen.
Mehr als Wache schieben. Der Mehrwert einer spezialisierten Leitstelle besteht laut Schmitt darin, dass dort nicht nur Wachpersonal sitzt, das Störungsmeldungen weiterleitet. "Wir verknüpfen das mit Gebäude-, Heizungs- und Klima-Expertise. In der Leitzentrale sind Leute, die ungewöhnliche Werte interpretieren können." Da moderne Anlagen über Schnittstellen für Ferndiagnose verfügen, können die Techniker aus der Leitstelle ins Herz der Anlage blicken. So lässt sich der Fehler schnell ermitteln. Ist eine Pumpe ausgefallen oder ein Modul, das die Lüftung kontrolliert, oder wurde einfach vergessen, einen Handschalter wieder auf Automatik-Betrieb zu stellen? Per Telefon teilen die fernen Kollegen dann dem Haustechniker vor Ort mit, was zu tun ist.
Auf das Stopfen von Energielöchern haben sich auch Robert Gärtner und seine Mitarbeiter aus einem anderen SBT-Geschäftszweig spezialisiert. Sie entwickelten ein Programm, das das Energieverhalten von Gebäuden analysiert. Vor allem Behörden oder große Unternehmen, die viele Gebäude verwalten müssen, wissen häufig wenig darüber, wo die meiste Energie verpulvert wird. "Allein die Stapel mit Rechnungen geben einen groben Eindruck davon, wie viel Strom, Gas oder Öl man im letzten Winter verbraucht hat", sagt Gärtner. Sein Programm "Energy Monitoring & Controlling" (EMC) sammelt Verbrauchsdaten aus den Gebäuden – etwa aus den Gas- oder Stromzählern. Lässt es die Gebäudetechnik zu, können die Zähler auch automatisch übers Internet ausgelesen werden. "Schon durch die Optimierung der Heizungs- und Klimaanlagen oder durch Verhaltensänderungen der Nutzer können in der Regel zwischen fünf und 15 % an Energie eingespart werden", berichtet Gärtner. Inzwischen überwacht EMC unter anderem den Energieverbrauch in den staatlichen Schulen Österreichs.
Ein Vorteil der Leitstellen – der Central Monitoring Stations (CMS) – ist, dass sie Informationen von vielen tausend Kunden bündeln. Das reduziert den Personalaufwand vor Ort und erlaubt zudem, hochqualifiziertes Überwachungspersonal rund um die Uhr effizient einzusetzen. Zudem lassen sich auch Produkte anderer Hersteller integrieren. Das SBT-Geschäftsgebiet Security Systems (SES) unterhält 20 Leitstellen weltweit – unter anderem in Österreich, Mexiko, den USA und Deutschland. Sie registrieren Einbrüche, Feuer- oder Rauchbildung, leckende Wasserleitungen, austretende Gase oder andere Alarme. Allein in USA werden 12 000 Liegenschaften überwacht. Einer der größten Vorteile derartiger Sicherheitscenter besteht für Maria Leontaridis, Marketing-Managerin bei SES, darin, dass durch die Verknüpfung mit verschiedenen Sensoren und Warnsystemen eine ganze Palette möglicher Störungen abgedeckt wird. "Darüber hinaus ist es unsere Aufgabe, Meldungen zu überprüfen, um Fehlalarme auszuschließen", sagt Leontaridis. Rückt nämlich die Polizei aus, weil ein Zweig ans Fenster geschlagen hat, kann es teuer werden.
Erreicht eine Alarmmeldung die Zentrale, blinkt zunächst in charakteristischer Farbe die Kategorie des Alarms am Bildschirm auf – "Einbruch" zum Beispiel. Zugleich öffnet sich ein Programmfenster mit den Daten des Kunden. In Sekundenschnelle wählt der Computer gespeicherte Kontaktpersonen an. Noch bevor die Polizei alarmiert wird, kann dann vor Ort geprüft werden, ob tatsächlich etwas passiert ist. Ist der Ansprechpartner nicht erreichbar, ruft der Rechner automatisch weitere Kontakte nach Plan an. Hektisches Blättern in Fax- und Telefonlisten gehört damit der Vergangenheit an. In anderen Fällen erscheinen auf den Computern in der Leitzentrale Bilder von Überwachungskameras. "Bei einem Brand werden Polizei oder Feuerwehr und wir mitunter gleichzeitig informiert – wir können dann noch rechtzeitig den Hauswart kontaktieren, damit der die Tore aufschließt, bevor sich die Feuerwehrleute den Weg freikämpfen müssen", erklärt Leontaridis. Dass vertrauliche Daten via Internet-Leitung in falsche Hände geraten, befürchtet sie nicht: "Die Informationen fließen über besonders gesicherte Datenleitungen." Und bei einem Stromausfall verfügen die Leitstellen über eine eigene Notstromversorgung, so dass sie in jedem Fall voll einsatzfähig bleiben.
Tim Schröder