Remote Services – Fahrzeuge
Mit Blaulicht und Computer
Dienste aus der Ferne helfen bei Pkw, Lkw und Zügen, frühzeitig mögliche Störfälle zu erkennen. Die Vorteile: Die Stillstandszeiten bei Fuhrparks sinken, und die Kunden erhalten ihre Waren pünktlicher. Ein elektronischer Pfadfinder kann sogar Leben retten.
Die Feuerwehr Iserlohn gehört zu den schnellsten in Deutschland: In 90 % aller Fälle ist der Rettungsdienst der Sauerland-Gemeinde innerhalb von acht Minuten zur Stelle. Sobald ein Anrufer über Festnetz einen Notfall meldet, erscheint dessen Adresse auf dem Bildschirm der Leitstelle. Per Mausklick sendet die Feuerwache die Daten an das Navigationssystem des Einsatzfahrzeugs. Bislang musste oft der Beifahrer den kürzesten Weg suchen, denn selbst in einer kleineren Stadt wie Iserlohn mit knapp 100 000 Einwohnern kennen die meist jüngeren Rettungsfahrer nicht alle Straßen.
"Natürlich konnten wir hier kein Standard-Flottenmanagementsystem einsetzen", sagt Ralf Hoffmann, Kommunikationsspezialist bei Siemens VDO Automotive, dem Lieferanten des Systems. "Wir mussten Anpassungen an Geräten und Software vornehmen, damit die Route vor dem Starten des Motors ohne Tastendruck auf dem Bildschirm erscheint." Bei den Remote Services geht es aber nicht nur darum, mit elektronischen Pfadfindern Fahrzeuge schneller, effizienter und sicherer zu steuern. Dienste aus der Ferne helfen auch, mögliche Schäden und Störfälle frühzeitig zu erkennen und zu beheben. Und es lassen sich die Positionen von Fahrzeugen bestimmen, sodass Kunden und Lieferanten wissen, wo sich ihre wertvolle Fracht gerade befindet
Mehrere Entwicklungen haben dies erst möglich gemacht: Immer bessere, kleinere und billigere Sensoren sammeln in den Fahrzeugen fortlaufend Betriebsdaten. Schnelle On-Board-Computer verarbeiten diese in Echtzeit und senden sie per GPRS an eine Leitstelle. Obendrein übernimmt Software zunehmend die Funktionen von Hardware, sodass Fernservices auch nachträglich relativ leicht installiert werden können. Und schließlich wird derzeit die Breitband-Infrastruktur aufgebaut, um auch umfangreiche Datenmengen aus – und in – schnell fahrenden Autos und Zügen übertragen zu können.
Ebenso wie für den Rettungsdienst in Iserlohn bietet Siemens VDO maßgeschneiderte Telematik-Lösungen für Speditionen, Fuhrparks und Abschleppdienste an. Damit kann z.B. die Zentrale per SMS Liefer- und Ladeadressen ins Fahrerhaus eines Lkw übermitteln. Dort werden die Informationen vom Navigationsrechner übernommen, so dass der Fahrer den kürzesten Weg nimmt – auch im Ausland. Zudem erlaubt das System, die Lastwagen jederzeit per Satellit zu orten und mögliche Abweichungen der festgelegten Route zu ermitteln. Vor allem bei wertvollen Transporten geben die Auftraggeber in der Regel verbindlich eine Fahrstrecke vor, damit ein Diebstahl sofort auffällt.
Über dieses so genannte Tracking und Tracing bemerkt die Zentrale zudem frühzeitig drohende Verspätungen. "Wenn sich abzeichnet, dass ein vereinbarter Liefertermin nicht eingehalten werden kann, rufen wir beim Kunden an", sagt der Fuhrunternehmer Peter Lüllau aus Hanstedt, der das Siemens-VDO-System einsetzt. Die rasche Reaktion beugt Verärgerungen vor und hilft Image-Schäden bei den Kunden zu vermeiden.
menschliches Zutun möglich. Seit Juni 2004 bietet Siemens VDO die Datcom S-Box an, mit der unbemannte Fahrzeuge wie Lkw-Anhänger, Sattelauflieger, Eisenbahn-Waggons oder auch Container ausgerüstet werden können. Das System, das vor allem für Werttransporte gedacht ist, meldet automatisch jeden Standortwechsel und informiert die Zentrale, wenn die Türen eines Waggons oder Containers geöffnet werden. Die S-Box, die auf lange Haltbarkeit und minimalen Verbrauch ausgelegt ist, funktioniert mehrere Jahre lang völlig ohne Wartung oder externe Stromversorgung.
Warenverfolgung: Systeme von Siemens können den Standort von Fahrzeugen und wertvollen Containern orten und den Kunden über Verspätungen informieren
Stille Revolution. Auch bei privaten Pkw erlaubt die intelligente Vernetzung von Navigationssystemen mit Telematik neue Dienste. Mit der Software C-IQ von Siemens VDO erhält der Fahrer stets die neuesten Straßenkarten sowie Informationen über Tempolimits und fest installierte Radarkontrollen. Das System gibt Tipps zu Hotels und Restaurants, Museen, Kaufhäusern und Tankstellen. Über TMC – Traffic Message Channel – werden aktuelle Informationen über Staus, Baustellen oder geänderte Straßenführungen eingespielt. "Jedoch müssen dem Autofahrer stets die Grenzen bewusst sein", sagt Jutta Huber von Siemens VDO. "Die Anbieter von Navigationssystemen und den dazugehörigen Diensten können keine Haftung für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Auskünfte übernehmen, und nach wie vor bleibt der Fahrer für seine Fahrweise verantwortlich. Selbst das ausgefeilteste System kann ihn nur unterstützen, ihm aber nicht seine eigentliche Aufgabe abnehmen, nämlich sein Auto sicher durch den Verkehr zu steuern."
Auch, wenn der Fahrer sie nicht bemerkt, leisten Remote Services einen großen Beitrag zu mehr Sicherheit: Sensoren können künftig laufend Informationen über alle Komponenten des Antriebsstrangs sammeln – von der Lenkung und dem Motor übers Getriebe bis zu den Achsen und Bremsen. Diese Daten können an Service-Zentren übermittelt und dort ausgewertet werden. Durch den Abgleich der Informationen mit Erfahrungswerten erkennen Fachleute frühzeitig Störungen, Verschleiß und den drohenden Ausfall von Komponenten.
Ein Autobesitzer kann beispielsweise vor einer Urlaubsreise Fahrzeugdaten an seine Werkstatt schicken. Dort werden anhand von Fehlerstatistiken Ausfallwahrscheinlichkeiten berechnet. Der Fahrer kann so noch vor der Reise sein Auto gezielt warten lassen. Laut den Marktforschern von Frost & Sullivan sollen 2009 in Europa etwa 5,4 Millionen Pkw mit Remote Diagnostics verkauft werden. 2002 waren es erst 250 000 Fahrzeuge (Fakten und Prognosen). "Ferndiagnose ist die stille Revolution, die im europäischen Automarkt jetzt einsetzt", heißt es in der Studie. Heute noch das Privileg von Luxusautos, wird Telediagnostik in den nächsten Jahren auch in Mittelklassewagen zur Serienausstattung gehören. Die Preise für ein Remote-Diagnostic-System sollen bis 2009 auf etwa 350 € sinken. Auch der Autohersteller profitiert: Garantieleistungen sind weniger aufwändig, und mit einer statistischen Auswertung der Daten lässt sich überdies leicht feststellen, ob bestimmte Störfälle zufallsbedingt oder unter Umständen auf Konstruktionsfehler zurückzuführen sind. So kann der Hersteller rechtzeitig reagieren.
Lok unter Fernbeobachtung. In gleicher Weise arbeiten Techniker, Ingenieure und Software-Spezialisten von Siemens Transportation Systems (TS) an integrierten Remote Services für Schienenfahrzeuge. Ein prominentes Beispiel sind die Dispoloks, die an private Bahnbetreiber vermietet werden. Zu den wichtigsten Kunden gehört die deutsche TX Logistik aus Bad Honnef, die etwa 300 Güterzug-Verbindungen anbietet; viele davon ins benachbarte Ausland. Für das Management ist es von Vorteil, zu wissen, wo sich welcher Zug gerade befindet. Per Mausklick kann TX Logistik jederzeit den Standort der Loks sehen. Wie bei Straßenfahrzeugen können auch bei Schienenfahrzeugen funktionskritische Komponenten per Ferndiagnose auf sich abzeichnende Schäden überwacht werden. Meldet das System Daten, die auf eine Fehlfunktion schließen lassen, nehmen Wartungsspezialisten von Siemens Kontakt mit dem Bordrechner der Lok auf, um den Zustand genauer zu analysieren.
Infodienste im Zug. Remote Services verbessern auch den Komfort für Bahnreisende. Künftig sollen in ICE-Zügen bordeigene drahtlose Netze (WLAN) geschaffen werden, die unter anderem den Empfang von Fahrgastinformationen erlauben. "Die Übertragung funktioniert auch bei Zuggeschwindigkeiten von 300 km/h und im Tunnel", versichert Hermann Dorn, Geschäftssegmentsleiter bei TS Trains. An den Tunneleinfahrten müssten nur entsprechende Antennen installiert werden. "In spätestens drei Jahren ist die Technik einsatzreif". Über die WLAN-Hotspots können Dienste per Handy, PDA oder Notebook zur Verfügung gestellt werden, etwa Informationen über Anschlüsse oder das Wetter am Zielort. Natürlich können sich die Fahrgäste auch ins Internet einwählen. Und schließlich könnten künftig von jedem Ticketschalter Sitzplatzreservierungen in den fahrenden Zug übertragen werden – sogar bis kurz vor Abfahrt.
Die Sicherheit der Passagiere ist ein weiteres großes Zukunftsthema von Remote Services. Beispielsweise könnte die Leitstelle über Videokameras und Breitband-Verbindung die einzelnen Waggons überwachen. Das wird vor allem für den Nahverkehr von Bedeutung sein. Zudem kann auch das Passagieraufkommen aus der Ferne abhängig von Tageszeit, Saison und Großveranstaltungen erheblich genauer als bisher ermittelt werden. In der Schweiz haben S-Bahn-Betreiber bereits Systeme eingeführt, mit denen die Fahrgäste beim Ein- und Aussteigen gezählt werden. So passen die Verkehrsbetriebe die Kapazitäten der Züge besser als bisher an den aktuellen Bedarf an.
Günter Heismann