Personalisierung – Trends
Meins – nicht deins
Kein Mensch ist wie der andere. Doch darauf nehmen technische Lösungen oft keine Rücksicht. Wer hätte sich noch nicht gewünscht, dass sich Technik dem Menschen anpasst und auf seine individuellen Wünsche und Bedürfnisse eingeht? Dies muss keine Utopie sein. Neue Lösungen von Siemens lassen sich nicht nur individuell einstellen, sondern sie passen sich sogar automatisch dem Nutzer an.
Fühlende Handys: Personalisierbare Geräte wie das Siemens-Handy CX70 Emoty bringen Abwechslung in den Alltag. Das Gerät kann Stimmungen des Besitzers an den Gesprächspartner weitergeben. Im Gehäuse stecken Drucksensoren, die zwischen Schütteln oder Streicheln unterscheiden können
Menschen fühlen sich von Technik oft überfordert. So beklagen 57 % der Deutschen, dass Geräte immer komplizierter werden, wie es in einer Studie von Research International Deutschland heißt. Sollten deshalb die Geräte mit weniger Produkt-Features auskommen und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Benutzer zugeschnitten sein? Dann würde so manche Innovation unter den Tisch fallen. Einen Ausweg biete personalisierte Technik, meint Dr. Irene Walther vom Bayerischen Forschungsverbund FORSIP, der an der intelligenten Individualisierung von Mensch-Maschine-Schnittstellen forscht. "Wer den Trend zur Personalisierung verpasst, läuft Gefahr, Wettbewerbsvorteile aufs Spiel zu setzen", sagt die Expertin.
Bei Siemens macht sich Dr. Stefan Schoen Gedanken über Usability – zu deutsch Bedienerfreundlichkeit – von Produkten und damit auch über das Spezialthema Personalisierung. Schoen leitet das User Interface Design Center von Siemens Corporate Technology. Personalisierung bei medizintechnischen Geräten, Automatisierungsanlagen, Auto-Cockpits, Handys und vielen anderen Systemen ist seiner Ansicht nach mehr als nur ein Marketing-Gedanke, der Kunden an ein Produkt binden soll. Sie kann auch helfen, komplexe Bedienungen zu vereinfachen. Schoen sieht prinzipiell zwei Ansätze, wie Bedienung, Inhalt und Funktionen technischer Systeme personalisierbar gestaltet werden können: "Entweder verändert der Kunde selbst die Eigenschaften oder das Aussehen eines Produkts, oder ein technisches System passt sich automatisch an die Gewohnheiten seines Besitzers an." Zur ersten Kategorie gehört etwa, wenn Nutzer die Oberschalen von Handys austauschen oder die Software anpassen können, etwa mit Favoriten-Menüs, der individuellen Belegung von Funktionstasten, neuen Bildschirmhintergründen – oder neuen Klingeltönen fürs Handy. Zu tief in die Verästelungen der Software wollen die Forscher den Nutzer mit seiner Veränderungslust allerdings nicht eindringen lassen; die Bedienlogik des Produkts darf nicht beeinträchtigt werden.
Auswahl mit Profil. Zur zweiten Kategorie, der automatischen Personalisierung, gehören "Collaborative Filtering"-Ansätze, wie sie etwa Online-Geschäfte wie Amazon.com praktizieren. Die Software bietet jedem Kunden eine Auswahl von Produkten an, die ihn interessieren könnten – ermittelt werden sie anhand des bisherigen Kaufverhaltens und eines Vergleichs mit anderen Kunden. Ein ähnlicher Ansatz ist das Siemens-interne Enterprise Portal, das künftig abhängig vom Aufgabenbereich eines Mitarbeiters vorsortierte Inhalte zusammenstellen soll. Auswahlkriterien des Web-Portals sind dann im System hinterlegte Profile. Sie enthalten etwa Informationen über das Jobprofil und den Einsatzbereich des Mitarbeiters. Statt eines vordefinierten Profils könnte auch eine selbst lernende Software den Nutzer "beobachten", wie er mit den Funktionen eines Geräts umgeht und danach die Benutzeroberfläche auf ihn zuschneiden. Diese Entwicklung steht bei Enterprise Portalen noch am Anfang. Unproblematisch sei eine automatische Personalisierung aber nicht, gibt Schoen zu bedenken: "Wenn der Benutzer nicht weiß, welche Daten eine Software über ihn sammelt, können Überwachungsängste aufkeimen". Und eine automatische Anpassung ans Nutzerverhalten werde auch nur akzeptiert, "wenn die Bedienung sich nicht ständig so ändert, dass sie den Nutzer verwirrt und er öfters umlernen muss." Jede Art der Personalisierung müsse immer transparent und nachvollziehbar bleiben. Schoens Kollege Bernd Holz auf der Heide vom Siemens-Bereich Communications (Com) nennt ein Beispiel: Wenn künftig jemand jeden Freitag um die gleiche Zeit sein Handy in einen Wochenendmodus schaltet, also etwa andere Klingeltöne oder Displayhintergründe wählt, und er am Montag wieder auf seine Business-Oberfläche wechselt, könnte eine selbst lernende Software zum richtigen Zeitpunkt selbst die Benutzeroberfläche wechseln. "Das Gerät muss aber den Nutzer vorher fragen, ob er umschalten möchte", sagt der gelernte Psychologe, der sich in der Entwicklungsabteilung der Mobiltelefone um adaptive Systeme kümmert. Ähnlich funktionieren könnte das Herunterladen von Musik aus dem Netz. Das Handy oder der dahinterstehende Server merkt sich bereits gehörte Titel und kombiniert daraus den Musikgeschmack des Nutzers. Beim nächsten Einloggen könnten dann passende Musiktitel angeboten werden.
Handy mit Gefühl. Das CX70 Emoty ist ein Schritt in Richtung einer stärkeren Personalisierung. Das Mobiltelefon, das Siemens kürzlich auf den Markt gebracht hat, reagiert auf Berührungen und kann Stimmungen per Bild an einen Gesprächspartner übermitteln. Über die Tastatur werden 3D-Figuren gesteuert, die bis zu zehn Gefühlsregungen zeigen. Ob die Charaktere Laura, Joey oder Wobble lustig, traurig oder ärgerlich sein sollen, registrieren Bewegungs- und Drucksensoren im Gehäuse, je nachdem ob das Handy gedrückt, gestreichelt oder geschüttelt wird. Per MMS (Multimedia Messaging Service) werden diese Animationen verschickt.
Stimmungen versenden: Mit den 3D-Charakteren des Handys CX70 Emoty kann der Nutzer zehn verschiedene Emotionen ausdrücken und per MMS mit Freunden teilen
"Die Emoty-Figuren sind aber nur die zarten Anfänge einer Technik, die wir Avatare nennen", erklärt Holz auf der Heide. Wobble und Co. müssen heute noch manuell in Stimmung gebracht werden, aber "in der nächsten Generation können solche Avatare wesentlich mehr". Zum Beispiel wird man nicht nur das Aussehen eines Avatars bestimmen können, auch sein Verhalten wird differenziert einstellbar sein (siehe Pictures of the Future, Herbst 2003, Living Characters). Soll er eher aktiv oder passiv agieren? Ist er eher seriös oder lustig? "Künftig wird der Avatar ein individueller Ansprechpartner sein, er tritt wie ein persönlicher Butler auf und kann möglicherweise sogar auf Emotionen des Besitzers reagieren", sagt Holz auf der Heide und zeigt einen ersten Prototypen eines solchen Avatars: Der Nutzer will etwa, dass sein elektronischer Butler eine bestimmte Nummer wählt. Der Anschluss ist besetzt. Auch beim zweiten Versuch klappt die Verbindung nicht, der Avatar verzieht frustriert sein Gesicht, imitiert also die wahrscheinliche Emotion seines Users. Wenn der Anschluss dann erneut besetzt ist, zeigt sich der Avatar noch wütender und schlägt vor, die Aktion abzubrechen und in ein paar Minuten zu wiederholen. Bestätigt der Nutzer dies, meldet sich der Butler später wieder.
"Dieses einfache Modell lässt sich ausweiten", erklärt Holz auf der Heide. Über die Handy-Kamera ließe sich die Mimik des Benutzers erfassen und mit einer Bilderkennungssoftware dessen emotionaler Zustand einschätzen. Weitere Sensoren könnten nicht nur auf Bewegungen des Handys reagieren, sondern die emotionale Disposition des Nutzers etwa über die Hautfeuchte oder den Hautwiderstand erfassen. "Personalisierte Dienste und Angebote werden ein wichtiger Trend sein", prognostiziert Holz auf der Heide. "Das Mobiltelefon ist ein ideales Medium, denn es kann die reale Welt des Nutzers zu jeder Zeit und an jedem Ort bedarfsgerecht erweitern." Etwa in der virtuellen Welt: Ein Avatar könnte selbstständig durchs Netz reisen und nach interessanten Angeboten suchen.
Ein dankbares Objekt für Personalisierung ist auch das Auto – eine ganze Zubehörindustrie lebt davon. Siemens VDO Automotive stellte bereits 2003 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) die Studie eines modularen Cockpits aus Fahrer-, Beifahrer- sowie Mittelkonsole vor. Die Elemente haben eine standardisierte elektronische Schnittstelle und können so leicht ausgetauscht werden. Inzwischen wurde das Konzept mit Ideen aus der PC-Welt weiterentwickelt: Der Fahrer kann oft genutzte Multimedia-Funktionen mit wenigen Handgriffen in einer Favoritenliste sammeln und damit schneller auf seine Lieblingsradiosender, CD-Titel oder Telefonnummern zugreifen. Wichtige Informationen wie Geschwindigkeit oder Fahrtroute projiziert ein Head-up-Display auf die Windschutzscheibe. Auch da bleibt dem Nutzer die Wahl, welche Inhalte er lieber auf der Scheibe oder auf einem Kombi-Instrument in der Armaturentafel angezeigt haben möchte. Ideal wäre es für Guido Meier-Arendt, Spezialist für Mensch-Maschine-Schnittstellen bei Siemens VDO, wenn "statt elektromechanischer Anzeigeinstrumente künftig nur noch Displays verwendet würden". Dann gäbe es ganz neue Chancen: Aus einem Baukasten verschiedener Kombi-Instrumente könnte der Nutzer seine Favoriten auswählen, etwa ob die Tankuhr im Blick sein soll oder der Drehzahlmesser. Auch für das Multimedia-Display, mit dem Radio, CD, DVD oder TV bedient werden, hat Meier-Arendt neue Ideen. Warum sollte sich der Kunde mit verschiedenen Benutzeroberflächen herumschlagen, wenn er die Menüs seiner häuslichen Stereoanlage oder seines PDA (Personal Digital Assistent) gewöhnt ist? Es wäre einfacher, sie auch im Auto zu verwenden (siehe Heim auf Rädern).
Küche unter Kontrolle: Die Vernetzung von Hausgeräten mit der mobilen Kommunikation schafft Freiräume. So testet Siemens unter anderem das Abschalten des Herds mit dem Handy
Projekt Smart Home. Für Siemens sind das nicht nur Gedankenspiele. Seit längerem erarbeiten Teams im unternehmensweiten Projekt "Smart Home" Ideen für gemeinsame Benutzeroberflächen. Zunächst sollen alle Geräte in Haus und Wohnung vernetzt und dann über Telekommunikationsnetze nach draußen verbunden werden (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2004, Smart Home und Herbst 2004, Software-Standardisierung). Die Deutsche Telekom hat im März 2005 ein Demonstrationshaus in Berlin eröffnet, in dem bis Dezember wechselnde Bewohner die intelligenten Anwendungen testen. Siemens hat dieses T-Com-Haus mit Hausgeräten und Lösungen der Telekommunikation, Unterhaltungselektronik und Hausautomatisierung ausgestattet, beispielsweise mit Media-Servern für Audio und Video oder Set-top-Boxen für Internet und Kabelfernsehen. Wenn jemand fernsehen will und dafür die Jalousien schließen und die Beleuchtung dimmen möchte, kann er dies bequem vom Sofa aus mit dem PDA tun. Ein anderes Szenario: Das Schnurlostelefon dient als universelles Informations- und Kommunikationsgerät, um etwa Besucher an der Haustür über die Türsprechstelle zu empfangen. Auch von unterwegs können sich die Bewohner mit dem Handy in die Hauszentrale einwählen und etwa die Heizung regulieren oder prüfen, ob die Herdplatte noch eingeschaltet ist – und sie dann ausschalten.
Experten sind sich einig, dass diese Entwicklungen voranschreiten – die Frage ist nur, mit welcher Geschwindigkeit. "Bedarf und Angebot müssen übereinstimmen. Wenn der Datenschutz verletzt wird oder ein negatives gesellschaftliches Klima entsteht, dann wird sich die Personalisierung langsamer durchsetzen", urteilt der Wirtschaftsinformatiker Prof. Peter Mertens von der Universität Erlangen-Nürnberg. Für Prof. Norbert Szyperski von der Betriebswirtschaftlichen Forschungsgruppe Innovative Technologien an der Universität Köln, steht fest, dass "die Personalisierung bei technischen Lösungen eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre sein wird". Und der Usability-Experte von Siemens, Stefan Schoen, bringt es auf den Punkt: "Personalisierung muss für den Anwender einen klar erkennbaren Mehrwert haben, für den er auch bereit ist zu bezahlen."
Rolf Sterbak