Personalisierung – Lakeside Hospital
Die Daten-Klinik
Das Alegent Health Lakeside Hospital in Omaha, Nebraska, ist eines der Krankenhäuser mit dem höchsten Grad an IT-Integration – und zugleich mit dem höchsten Maß an persönlicher Betreuung. Ein Widerspruch? Keineswegs.
In Lakeside sind alle nötigen Informationen überall verfügbar – ob beim Empfang oder einer schnellen Konsultation, im OP oder bei der Hinzuschaltung externer Experten (unten, von links) ... oder wenn es darum geht, jungen Patienten eine Operation zu erklären (großes Bild)
W er die großzügige Lobby des Alegent Health Lakeside Hospital im Westen der 400 000 Einwohner zählenden Stadt Omaha betritt, hat den Eindruck, eher in einem großen Jagdhotel zu sein als in einer Klinik. Der Duft von frisch gebackenem Brot liegt in der Luft, einladende Ledersofas und bequeme Sessel stehen vor einem großen Kamin, im Hintergrund ertönt Klaviermusik. Eine Wohlfühl-Atmosphäre.
Dass die Patienten hier entspannter sind als in anderen Kliniken, hat aber noch einen weiteren Grund: Sie wissen, dass Ärzte und Pflegepersonal alle für Therapie und Betreuung relevanten Daten jederzeit und überall zur Hand haben – egal, ob während einer Operation eine Expertenmeinung benötigt wird, oder ob eine Mutter mit Hilfe eines Vorher-Nachher-Vergleichs von Röntgenbildern genau wissen möchte, wie es um ihre Tochter steht.
Wayne A. Sensor, der Leiter des Krankenhauses, erläutert die Hintergründe: "Es kommt uns nicht so sehr auf die schiere Menge der Geräte und Einrichtungen der Informationstechnologie an – die gibt es in vielen Kliniken. Entscheidend ist, dass wir hier eine durchgängige und integrierte IT-Lösung haben. Unsere Systeme kommunizieren alle miteinander – das ist entscheidend für eine bessere Patientenbetreuung."
10-Jahres-Projekt mit Siemens. Das sei ein zukunftsweisender neuer Blick auf die Medizin, sagt Tom McCausland, Präsident von Siemens Medical Solutions, USA: "Lakeside ist eines der Krankenhäuser mit dem höchsten Grad an technologischer Integration weltweit." Lakeside ist der Pionier in einem auf zehn Jahre angelegten Projekt von Alegent Health und Siemens, in dem die digitalen Systeme aller neun Krankenhäuser und 100 Servicestellen von Alegent standardisiert werden sollen: Systeme für Diagnose und Chirurgie ebenso wie für Beleuchtung, Gebäudesteuerung, Brandschutz, Sicherheit und IT – ein Projekt, das auch die siemensweiten Synergien der Geschäftsbereiche deutlich macht.
Von der Aufnahme bis zur Entlassung werden alle Informationen, die zu einem Patienten gehören, in einer elektronischen Patientenakte erfasst – ob Diagnose und Therapie, Diät, Medikation, Labordaten, Abrechnung oder Versicherungsunterlagen. "In der zentralen Datenbank kommen alle Informationen zusammen", erläutert Cindy Alloway, Chief Operating Officer von Lakeside. "Autorisiertes Pflegepersonal kann von jedem Ort aus auf die Daten zugreifen."
Die Basis ist Soarian von Siemens, eine Software zum Management von klinischen und administrativen Informationen (siehe Internationalisierung in Pictures of the Future, Herbst 2004), sowie das Siemens-System SIENET zur Bildarchivierung und -übermittlung. Im Lakeside Hospital, das im Sommer 2004 seine Pforten öffnete, hat mit der Einführung dieser Systeme eine kleine Revolution bei der Arbeitseffizienz stattgefunden. "Dank Soarian hat unser Pflegepersonal endlich wieder mehr Zeit für die Patienten", erklärt Alloway. "Statt Patientendaten oder klinische Werte zuerst auf Papier zu notieren und sie dann in einen PC einzugeben, kann das Personal das jetzt sofort über einen fahr- oder tragbaren drahtlosen Computer direkt am Krankenbett erledigen."
Karen Sweeney, die Leiterin des Pflegepersonals, fügt hinzu: "Ich denke, dass unsere IT-Systeme noch viel mehr für unsere Patienten leisten können. Wir stehen erst am Anfang. Aber schon jetzt stellen wir fest, dass wir dank der IT-Lösungen wieder mehr Zeit für die Pflege haben."
Die Ärzte haben jetzt bei der Visite einen Tablet-PC dabei. Sie können Röntgenbilder und Laborwerte abrufen und mit den Patienten direkt besprechen – einer der Gründe, warum die Patientenzufriedenheit ungeahnte Höchstwerte erreicht hat. Außerdem überprüfen immer mehr Ärzte schon morgens zu Hause die aktuellen Daten ihrer Patienten, so dass sie, noch bevor sie in die Klinik fahren, bereits wissen, bei welchen Patienten die Werte kritisch sind.
Doppelt so effizient. "Alles ist verfügbar, wo und wann man es braucht. Wir können die Bilder ansehen, den Bericht erstellen und sofort abzeichnen", erklärt die Radiologin Dr. Patty Helke: "Ich arbeite nun vermutlich doppelt so effizient wie noch vor sechs Monaten."
Um die Effizienz noch weiter zu erhöhen, testet die Klinik Handheld-Computer bei der Visite. Auch könnten die Patientenarmbänder von den heutigen Barcodes auf RFID-Funketiketten umgestellt werden. Damit könnten – ähnlich wie in einem Projekt von Siemens am Jacobi Medical Center in New York ( PatenteForscher in Pictures of the Future, Herbst 2004) – die Patienten leichter identifiziert und der Zugang zu ihren Daten auf dem Server sicherer und schneller gestaltet werden. Patienten und ihre Familien profitieren ebenfalls von der drahtlos vernetzten Umgebung: So können sie ihre Laptops mitbringen und sich überall einloggen. Ein weiteres Beispiel: Wenn ein Patient morgens einen Röntgentermin hat, verständigt Soarian automatisch die Küche, dass kein Essen benötigt wird. Ist er dann zurück, kann er Frühstück von einer Speisekarte bestellen. "Studien zeigen, dass die Umgebung die Genesung beeinflusst", erklärt die Alegent-Sprecherin Amy Protexter. "Deswegen sind die Privatsphäre und ein möglichst persönliches Umfeld für Lakeside wichtige Themen."
Dass dies alles zu Lasten des Datenschutzes gehen könnte, steht nicht zu befürchten: Der Zugang zur Klinik wie auch zu den medizinischen Berichten wird über ID-Karten, Passwörter und biometrische Systeme geschützt. "Soarian stellt sicher, dass der Datenzugriff die strengen Auflagen des Health Insurance Portability and Accountability Act der US-Regierung erfüllt", sagt der Chief Information Officer Ken Lawonn. "Soarian protokolliert, wer sich was ansieht. Alles wird dokumentiert, so dass die Möglichkeit des Missbrauchs extrem begrenzt ist. Die IT-Systeme erlauben zwar einen breiteren Zugang zu Daten – auf der anderen Seite lassen sich damit aber auch alle Zugriffe diskret und wirkungsvoll kontrollieren."
Soarian überall: Auch das Gebäudemanagement (links) und die Verwaltung der Arzneimittel-Verschreibungen (rechts) läuft mit der Software von Siemens
Gesundheitsportale für Patienten. Da der Datenzugriff genau reglementiert werden kann, gibt es nun auch Pläne, den Patienten und – mit dessen Zustimmung – externen Ärzten einen Zugang einzurichten. "Warum sollte ich als Patient meine eigenen Laborergebnisse nicht einsehen dürfen?" fragt Sensor. "Mit Hilfe von Siemens schaffen wir hierfür eine Plattform. Damit haben wir dann sehr fortschrittliche Patientenportale und wir unterstützen einen Trend, bei dem der Patient aktiver Teil seiner Gesundheitsfürsorge ist, und nicht nur passiver Leistungsempfänger."
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Dokumentation. "Um ein Höchstmaß an Sorgfalt in der Pflege zu sichern, wollen US-Regierungsbehörden und Versicherungsfirmen künftig medizinische Einrichtungen auch unter dem Gesichtspunkt bewerten, wie gut sie medizinische Berichte führen", betont Alloway. "Daher verlangen sie immer mehr die Verwendung elektronischer Berichte."
Alegent Health und Siemens nehmen daher nun die nächste Phase der "Soarianisierung" in Angriff: die Implementierung eines CPOE-Systems (Computer-assisted Physician Order Entry), mit dem Ärzte ihre Anweisungen computergestützt eingeben und dokumentieren. "Wenn CPOE online geht", sagt Alloway, "ist dies eine enorme Verbesserung: Dann kann es nicht mehr passieren, dass eine Anweisung, der Name des Patienten oder eines Medikaments falsch verstanden oder gelesen wird. Die Software, die wir gerade testen, kann zudem bei Unstimmigkeiten Alarm schlagen – wie falsche Kommastellen oder Kontraindikationen bei Patienten mit Allergien."
Auch diese CPOE-Software und andere neue IT-Funktionen werden genau auf die Bedürfnisse der Nutzer zugeschnitten. In wöchentlichen Web-Meetings und regelmäßigen Vor-Ort-Terminen optimieren die Software-Experten von Siemens die Soarian-Module gemeinsam mit den Ärzten, IT-Spezialisten und dem Pflegepersonal von Lakeside. Der Umgang mit dem neuen System wird so einfach wie möglich gestaltet, aber ein kleiner Kulturschock wird nicht ausbleiben. "Es ist nicht einfach, sich an neue Technologien zu gewöhnen", erklärt Sensor. "Ärzten und Pflegepersonal klarzumachen, dass sie mit der Einführung der elektronischen Berichte keine Patientenblätter auf Papier mehr bekommen werden, ist schon ein ziemliches Unterfangen. Aber das ist genau das, was wir tun werden und auch tun wollen."
Arthur F. Pease
"Unsere durchgängig vernetzten Systeme kommunizieren alle miteinander – zum Nutzen unserer Patienten." Wayne A. Sensor, CEO Lakeside Hospital