Personalisierung – Gesundheit
Individuell optimal betreut
Das Gesundheitswesen von morgen wird auf personalisierte Smartcards und digitale Patientenakten setzen – und auf große, sich ständig verbessernde Wissensdatenbanken, die Daten über Krankheiten und genetische Zusammenhänge enthalten. Dies alles wird künftig individuellere Behandlungen ermöglichen.
Gesundheitskarten können Zugang zu Daten über Allergien, Blutgruppe oder medizinische Vorgeschichte bieten. Damit lassen sich Unverträglichkeiten oder unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten feststellen – ein wichtiger Schritt in Richtung einer effizienteren und individuelleren Gesundheitsversorgung
In vielen Krankenhäusern werden digitale Systeme vernetzt, die bisher unabhängig voneinander in radiologischen Abteilungen, Notaufnahmen und Operationssälen standen. Diejenigen Kliniken, die hier am weitesten fortgeschritten sind (etwa Lakeside), bereiten die medizinischen Daten weiter auf und verdichten sie mit Informationen aus der Verwaltung zu einer elektronischen Patientenakte – einem personalisierten, stets aktuellen und für die berechtigten Personen überall (auch außerhalb des Krankenhauses) verfügbaren Dokument, das die Qualität der medizinischen Versorgung geradezu revolutioniert.
Dank solcher IT-Anwendungen wird das Gesundheitssystem zunehmend personalisierter. Bereits heute kann etwa ein auf Kinder spezialisierter Kardiologe auch nachts und vom heimischen PC aus den Herzschlag eines Fötus analysieren, um das Pflegepersonal bei der optimalen Behandlung der Mutter zu unterstützen. Auch kann eine spezielle Software die vom Arzt verschriebenen Rezepte auf Risiken für den jeweiligen Patienten untersuchen und Kontraindikationen anzeigen. Und in einigen Jahren könnten genetische Daten des Patienten genutzt werden, um ihm präventive Gesundheitsmaßnahmen vorzuschlagen, wenn er eine Veranlagung zu bestimmten Krankheiten besitzt. "Personalisierung heißt, das gesamte Gesundheitswesen auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten auszurichten", erklärt Michael Mankopf, Leiter E?Health und Digital Hospitals bei Siemens Medical Solutions.
Funketiketten von Siemens: Sie bieten Zugang zu medizinischen Daten und können Namensschilder und Barcodes ersetzen – wie hier in einer Klinik in New York
Neuartige Datenbanken.quicklab ist aber nur der Anfang. Dessen Daten sollen – wie auch die von konventionellen Medizingeräten – in Datenbanken einfließen. Um die Unmengen komplexer Informationen sinnvoll nutzen zu können, müssen neue Datenbankstrukturen entwickelt werden, die neben klinischen Befunden und Bildern auch Gen- und Proteinprofile verwalten können. Noch wichtiger ist es, Methoden zu entwickeln, um daraus nützliche Erkenntnisse für die klinische Arbeit zu gewinnen.
Diese Themen werden von einem Team unter Leitung von Dr. Dorin Comaniciu (Beitrag Patente) bei Siemens Corporate Research in Princeton, USA, untersucht. Das Forscherteam arbeitet – wie auch andere Siemens-Gruppen – mit Kliniken in aller Welt sowie dem amerikanischen National Institute of Health und der E-Health-Arbeitsgruppe der Europäischen Union zusammen. Gemeinsam will man Wege finden, wie sich durch herkömmliche bildgebende Verfahren generierte Informationen mit Daten über molekulare und zelluläre Prozesse zusammenführen lassen. "Unsere Vision ist, Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Alzheimer auf molekularer Ebene erkennen und behandeln zu können. Traditionelle bildgebende Verfahren möchten wir so weit verbessern, dass wir mit ihrer Hilfe die Therapien überwachen können", erklärt Dr. Mohammad Naraghi, Leiter Business Development bei Siemens Medical Solutions (Med).
Millionen Einwohner der Lombardei in Norditalien profitieren von einer Gesundheitskarte, die ein Konsortium führender IT-Firmen entwickelte – darunter Siemens Informatica, ein Joint Venture von Siemens Business Services und Telecom Italia. Bis April 2005 wurden bereits acht Millionen Karten ausgeliefert. Dabei waren Siemens Informatica und Siemens Communications (Com) für die Smartcard, deren Betriebs- und Sicherheitssystem sowie die Schnittstelle zu den Gesundheitsanwendungen verantwortlich. Diese Karte soll die Krankheits- und Todesfälle, die aus falschen Verschreibungen resultieren, deutlich verringern. Sie enthält Daten über Allergien, Blutgruppe und Krankengeschichte. Die Gesundheitskarte wird beim Arztbesuch vorgelegt, und der Besitzer identifiziert sich durch eine PIN. Die verschriebenen Rezepte werden automatisch an eine Datenbank übermittelt. Der Patient holt die Arzneien mit der Karte in einer Apotheke ab. "Wenn nun durch die Einnahme des Medikaments ein spezielles Risiko entstünde oder wenn zwei Ärzte Arzneien verschrieben haben, die unerwünschte Wechselwirkungen verursachen könnten, wird das System den Apotheker warnen", erklärt Werner Braun, Sales Manager bei Com. Der Kunde, Lombardia Informatica, erhofft sich dadurch Einsparungen von 100 Mio.€ pro Jahr – auch weil mit der Karte zudem der Rezeptmissbrauch eingedämmt wird. Ähnliche Gesundheitskarten sollen demnächst in Österreich, Slowenien und Spanien eingeführt werden, sowie später in Deutschland (ab 2006) und der Schweiz.
Doch schon heute bringt die IT-Revolution die Medizintechnik deutlich voran. So entwickeln Forscher des Teams Computer-aided Diagnosis & Therapy (CAD) in Malvern, Pennsylvania, datenbankgestützte Entscheidungshilfen für die Lungen-, Brust-, Darm- und Herzdiagnostik. Diese Systeme durchsuchen riesige Bibliotheken mit medizinischen Aufnahmen, um Ärzten beim Erkennen von Anomalien zu helfen. syngo LungCare für die Lungendiagnostik ist bereits auf dem Markt. "Wir wollen dem Arzt ein Hilfsmittel an die Hand geben, das relevante Informationen vieler verschiedener Quellen kombiniert und sie unmittelbar für die Diagnose des einzelnen Patienten zur Verfügung stellt", erläutert Dr. Alok Gupta, der die CAD-Gruppe leitet. Comanicius Team entwickelt parallel mathematische Software-Tools: Damit lassen sich unterschiedliche Daten verschmelzen, Statistiken erstellen und Hypothesen nach ihrer Wahrscheinlichkeit bewerten.
Die IT-Vernetzung, die Einführung von quicklab, die Entwicklung von Werkzeugen zur Interpretation der Gen- und Proteindaten sowie personalisierte elektronische Patientenakten, Gesundheitskarten und universelle Datenbanken – auf all diesen Innovationen beruht die Vision für das effiziente Gesundheitswesen von morgen.
Arthur F. Pease