Elemente des Lebens – Szenario 2020
Die hochreine Göttin
Im Jahr 2020 hat Indien seine Wasser- und Abwasseraufbereitung erheblich verbessert. Davon profitiert auch der Ganges – eines der ältesten Heiligtümer des Landes –, wie zwei englische Studenten auf Bildungsreise erfahren...
Wasser- und Abwasseraufbereitungsanlagen sorgen in Zukunft für saubere Flüsse und reines Trinkwasser – wie die englischen Studenten Nigel und Mia in Indien erfahren. Ein pensionierter Professor, der ein rituelles Bad im Ganges nimmt, weiht sie in die Geheimnisse des heiligen Flusses ein: Seine Badewasserqualität im Jahr 2020 verdankt er vor allem hoch effektiven Klärverfahren
Der Fluss strömt so schwerfällig dahin, als könne er sich nur mit Mühe seinen Weg durch die hitzegeschwängerte Luft bahnen. Die drückende Mittagssonne bekommen auch zwei junge Engländer zu spüren: Nigel und Mia stehen am Ufer des Ganges und beobachten erschöpft, wie ein paar Kinder im Wasser plantschen. "Auch Lust auf ein Bad?", lacht Mia und knufft ihren Begleiter unternehmungslustig. "Verzichte dankend", entgegnet Nigel. "Die Abwässer von über 20 Millionen Menschen und unzähligen Fabriken werden mehr oder weniger ungeklärt in den Ganges geleitet – das hat mir zumindest mein Vater erzählt, und der hat lange in Indien gearbeitet. Gehen wir lieber weiter."
Wenig später eröffnet sich den beiden ein fantastischer Anblick: Vor einem Hindutempel tummeln sich Dutzende von Menschen in den Fluten, tauchen andächtig unter oder stehen meditierend im Wasser. "Rituelle Bäder", bemerkt Mia beeindruckt. "Die Hindus glauben, dass der Ganges ihre Seele und ihren Geist reinigt. Ein einziger Tropfen soll schon genügen, um alle Sünden wegzuwaschen." "Eine Sünde ist es allerdings auch, einen heiligen Fluss derart zu verschmutzen", meint Nigel trocken.
"Damit haben Sie durchaus recht", ertönt es da in nahezu akzentfreiem Englisch aus dem Ganges. Vor ihnen im Wasser steht ein älterer, aber rüstiger Inder, der sie freundlich anlächelt. "Aber glücklicherweise haben wir dieses Problem vor ein paar Jahren bereits gelöst. Der Fluss hat nun, wenn Sie so wollen, beste Badewasserqualität." Die beiden betrachten den Alten verwundert – der gepflegte Akzent will partout nicht zu dem Äußeren eines Hindu-Pilgers passen. "Auch ein pensionierter Hochschulprofessor pflegt religiöse Traditionen", erklärt der Inder und reicht ihnen die Hand. "Gestatten, Professor Mishra, Universität Mumbai, ehemaliger Lehrstuhlinhaber für Wasserbau."
"Wie haben Sie den Schmutz aus dem Fluss bekommen?", will Mia wissen. "Mit politischem Willen und großen finanziellen Mitteln", sagt Mishra. "Und vor allem mit Hilfe dieser Technik." Der Professor deutet auf zwei hochmoderne Anlagen in der Nähe des Tempels. "Jedes größere Dorf und jede Fabrik am Ganges hat inzwischen eine eigene kleine Abwasser- und Wasseraufbereitungsanlage. Dort im vorderen Gebäude ist die Kläranlage untergebracht. Sie ist mit modernen Membranbioreaktoren ausgestattet, die Wasser und Feststoffe voneinander trennen und den anfallenden Klärschlamm reduzieren. Bevor das geklärte Wasser unterhalb des Dorfes in den Fluss strömt, wird es mit starkem ultraviolettem Licht bestrahlt – das eliminiert alle noch vorhandenen Keime."
Mishra rückt seine Brille zurecht. "Noch vor zehn Jahren gingen rund 80 % aller Krankheiten in Indien aufs Konto von verschmutztem Wasser", doziert er. "Heute ist eher die ungesunde Ernährung der Hauptgrund – wie bei Ihnen in England. So gesehen haben wir uns doch gewaltig weiterentwickelt, nicht wahr?" "Und im anderen Gebäude befindet sich die Trinkwasseraufbereitungsanlage?", hakt Nigel etwas verlegen nach. "In der Tat", antwortet der Professor. "Ein Großteil unseres Trinkwassers stammt aus dem heiligen Fluss – sozusagen von der Göttin Ganga selbst. Wir bereiten es völlig ohne Chemie auf, nur mit reiner Elektrizität. Genauer gesagt: mit gepulster elektrischer Hochspannung. Die hohen Feldstärken zerstören alle Krankheitserreger, gleichzeitig entstehen dabei keimtötende Substanzen, die das Wasser zusätzlich desinfizieren. Das wirkt übrigens auch gegen Lösungsmittel oder Pflanzengifte aus der Landwirtschaft."
Mishra schöpft etwas Wasser aus dem Fluss und hält es vor ihren Augen in seinen gewölbten Handflächen. "Das hier ist für Millionen meiner Landsleute nicht nur lebenswichtig, sondern auch essentiell für unsere Kultur", erklärt der Professor. "Hätten die Menschen den Ganges immer weiter verschmutzt, wäre irgendwann kein Gläubiger mehr zum Fluss gekommen. Die Tradition würde aussterben, damit die Kultur und letztendlich der Glaube."
Mia ist von der Kombination aus Tradition und Moderne sichtlich beeindruckt. Interessiert lässt sie ihren Blick über die Szenerie schweifen. Dabei fällt ihr ein kleiner blauer Kasten ins Auge, der unmittelbar am Flussufer auf einer Plattform steht. Fragend blickt sie den Professor an. "Ihr Wissensdurst ist beachtlich", sagt Mishra vergnügt. "Das ist unsere Analysebox. Darin verbirgt sich ein Mini-Labor, dass selbstständig und kontinuierlich die Wasserqualität bestimmt. Die Ergebnisse liefert es in Minutenschnelle und funkt sie dem Beauftragten für Gewässergüte auf seinen PDA. Entlang des Ganges hat die Regierung etliche dieser Kästen installiert. Damit wissen wir beispielsweise sofort, ob jemand ungeklärtes Abwasser eingeleitet hat. Faszinierend, nicht wahr?"
"Apropos Wissensdurst", sagt Nigel, "Bei dieser Hitze ist mir die Kehle trocken geworden. Gibt es hier irgendwo was zu trinken?" "Aber selbstverständlich, bedienen Sie sich", antwortet der Inder und weist auf seinen Beutel, der ein paar Meter weiter am Ufer liegt. Nigel nimmt eine Flasche Wasser heraus und beäugt sie misstrauisch. "Woher stammt denn das", fragt er. "Etwa auch aus dem Ganges?" "Aber nein", meint Mishra. "Das ist reinstes Themse-Wasser..." Er lacht, als er Nigels entsetzten Blick sieht. "Kleiner Scherz. Trinken Sie ruhig – es ist bestes Tafelwasser aus Südfrankreich."
Florian Martini
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