Elemente des Lebens – Experten-Interview
"Sauberes Wasser ist eine weltweite Herausforderung"
Interview mit Catherine Day
Catherine Day (50)
ist seit 2002 Generaldirektorin der Europäischen Kommission für den Bereich Umwelt. Davor war sie unter anderem für die Beziehungen zum Balkan und den Mittelmeeranrainerstaaten verantwortlich. Die Irin hat an der Universität Dublin "International Trade and Economic Integration" studiert.
Vielen Menschen in Industrieländern wurde die Bedeutung von sauberem Trinkwasser erst durch die Tsunamis in Südostasien deutlich. Laut Jan Egeland, UN-Koordinator für Katastrophenhilfe, könnte das verunreinigte Wasser schlimmere Folgen haben als die Katastrophe selbst. Sehen Sie einen Bewusstseinswandel im Umgang mit Trinkwasser?
Day: Ja, die tragischen Ereignisse vom 26. Dezember 2004 haben sicher vielen Menschen unsere Abhängigkeit von sauberem Trinkwasser und funktionierenden Sanitäreinrichtungen neu vor Augen geführt. Allerdings hat die UN bereits im Jahr 2000 in ihren Millenniums-Entwicklungszielen festgelegt, dass die Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser (derzeit 1,2 Milliarden) und hinreichenden sanitären Anlagen – das betrifft 2,4 Milliarden Menschen – bis 2015 halbiert werden soll. Auch die EU hat dem Thema Wasser sehr hohe Priorität eingeräumt und die EU-Wasserinitiative gestartet – das ist unser Beitrag, um die UN-Ziele zu erreichen. Die EU investiert über eine Milliarde Euro pro Jahr in Wasserprojekte. Seit dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002 haben wir weitere 250 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, hauptsächlich für Gebiete in Afrika, der Karibik und der Pazifik-Region.
In der EU haben die meisten Menschen Zugang zu sauberem Wasser. Wo sehen Sie hier noch Handlungsbedarf?
Day: Nachholbedarf haben vor allem unsere neuen Mitgliedsländer: Hier sind noch lange nicht alle Häuser ans Wasser- und Abwassernetz angeschlossen. In einigen Gebieten gibt es zudem starke Nitratbelastungen. Künftig werden wir uns auch stärker mit Themen wie Erbgut verändernden Substanzen im Wasser auseinander setzen müssen. Dazu werden wir in den kommenden zwei bis drei Jahren die EU-Trinkwassergesetzgebung überarbeiten. Momentan konzentrieren wir uns auf Methoden zur durchgehenden Überwachung der Wasserqualität.
Müssen sich angesichts des Klimawandels und sinkender Grundwasserspiegel auch bald einige Länder in der EU – vor allem im Süden – Sorgen um ihre Wasserversorgung machen?
Day: Das tun sie heute schon! In Spanien, Portugal, Griechenland, Italien und Südfrankreich ist Wassermangel längst an der Tagesordnung. Wir müssen daher einen umfassenden Ansatz entwickeln, wie wir Wasserressourcen managen können, um ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Vorrat und Verbrauch zu schaffen. Eine angemessene Preisstruktur und das Prinzip der Kostendeckung für die Wassernutzung – einschließlich umwelt- und ressourcenbezogener Kosten, also das Verursacherprinzip – werden Teil davon sein. Bei der Bewässerung in der Landwirtschaft müssen wir in innovative Berieselungssysteme investieren und stärker als bislang wiederaufbereitetes Wasser verwenden. Das Verursacherprinzip und ein integriertes Wassermanagement sind zentrale Punkte der EU-Wasserrichtlinie.
Für Siemens sind Wassertechnologien ein zukunftsweisendes Geschäftsfeld. Welche Rolle spielen für Sie Public-Private-Partnerships (PPP)?
Day: PPP zwischen Politik und Wirtschaft werden vor allem in Entwicklungsländern eine wichtige Rolle spielen, denn nur mit innovativen Finanzierungsmodellen können wir die Milleniumsziele erreichen. Allerdings erfordern PPP auch immer eine entsprechende gesetzliche, finanzielle und administrative Infrastruktur, damit öffentliche und private Interessen nicht miteinander in Konflikt geraten.
Wie könnte die Situation im Jahr 2020 aussehen – insbesondere angesichts wachsender Bevölkerung und Urbanisierung? Welche Folgen hat dies für die Wasserversorgung?
Day: In Europa werden die Niederschläge wegen des Klimawandels viel stärker variieren als heute. Das heißt, wir werden wohl mit mehr Überschwemmungen und Dürren leben müssen. Auf der anderen – positiven – Seite wird sich der Zustand unseres Grund- und Oberflächenwassers spürbar verbessern, wenn die EU-Wasser-richtlinie vollständig umgesetzt ist. Wir werden dazu innovative und kosteneffizientere Lösungen für die Trink- und Abwasseraufbereitung identifizieren. Auf globaler Ebene erwarte ich bedeutende Fortschritte bei der Versorgung mit Trinkwasser und sanitären Einrichtungen – ich glaube, dass wir die Millenniumsziele erreichen werden. Allerdings könnten häufigere Dürren und Überschwemmungen zu politischen Konflikten und Verteilungskämpfen führen. Um dies zu vermeiden, müssen Regierungsvereinbarungen getroffen werden, die grenzüberschreitende Wasserangelegenheiten fair regeln.
Das Interview führte Florian Martini