Alternde Gesellschaft
Mit 66 Jahren…
…fängt das Leben an, behauptet ein populärer Schlager. Doch dies ist gar nicht so leicht, denn unsere Gesellschaft hat sich auf die Bedürfnisse ihrer älter werdenden Mitglieder noch nicht eingestellt. Langsam ändert sich dies nun – denn Unternehmen erkennen, dass das Design seniorengerechter Produkte kein Zauberkunststück ist.
Schnurlostelefon für die ganze Familie: Sowohl Opa als auch der Sprössling können mit dem Siemens Gigaset E150 problemlos umgehen. Das Telefon ist nach dem Prinzip des "Design for All" konzipiert
Ellen Gorisch ist ratlos. 20.000 Musiktitel soll der MP3-Player vor ihr auf dem Tisch speichern. "Und wie bringe ich die Lieder meiner Platten da rein?" Die 70-Jährige blättert in der Anleitung. Nichts. Auch die anderen Senioren verlieren langsam die Lust, dabei sind die meisten Profis. Seit Jahren testen sie Elektronikprodukte am Institut für Arbeitswissenschaft und Produkt-Ergonomie der Technischen Universität Berlin, zuerst im Projekt SENTHA (Seniorengerechte Technik für den häuslichen Alltag), jetzt in der selbst gegründeten Senior Research Group. Das jüngste der 26 Mitglieder ist 50, das älteste 95. Ellen Gorisch nennt sich selbst "technikfern". Dennoch bedient sie mittlerweile ihren Videorecorder und ruft per SMS Busfahrpläne ab – und ist damit sicher nicht repräsentativ für dieses Alter.
Doch das wird sich ändern. Die Generation 50plus (50+), wie sie noch zaghaft tituliert wird, wird ums Jahr 2040 die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Bereits in den nächsten 20 Jahren kommen Menschen ins Seniorenalter, die mit Computer und Videorekorder aufgewachsen sind und solche Geräte auch bedienen können – oder könnten, wenn die Sehkraft nicht nachlassen würde und die Gelenke noch beweglicher wären.
Die Industrie reagiere bisher oft mit "orthopädischen Hilfsmitteln", schimpft Kai-Uwe Neth, Leiter der Senior Research Group sowie zweier Designbüros in Berlin und Stuttgart und Dozent für Ergonomie an der TU Berlin. Statt Gehhilfe aus dem Sanitätshaus erwarten die Senioren aber anspruchsvolle Konsumgüter, hat Neth festgestellt. Schon gar nicht wollten sie mit Behinderten in einen Topf geworfen werden. Dank Fortschritten in der Medizin entkoppelt sich das gefühlte vom kalendarischen Alter um zehn bis 20 Jahre. Der Spiel- und Lerntrieb ist ebenso vorhanden wie bei Jüngeren, aber der Anspruch an Bedienbarkeit und Wertigkeit steigt mit dem Alter.
"Habe ich den Herd ausgemacht?"Kaum hat man das Haus verlassen, tauchen solche Zweifel auf. Gerade Senioren wollen gerne sicher sein, weiß Gerhard Fuchs, bei der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH) Ansprechpartner für seniorengerechtes Design. Die BSH hat darauf reagiert: Auf der Messe RehaCare International Ende 2004 zeigte das Unternehmen etliche Produkte, die besonders für ältere oder behinderte Menschen attraktiv sind. Einige Hausgeräte melden beispielsweise via Serve@Home-Technik ihren Betriebszustand an ein Display im Wohnzimmer, an einen Computer oder per SMS ans Handy, so dass man auch unterwegs feststellen kann, ob der Herd aus ist. Die BSH berücksichtigt das "Design for All" als Bestandteil des Produktentwicklungsprozesses, etwa durch Vorgaben, welche Stellkräfte ein Drehschalter haben sollte oder welche Beschriftung günstig ist, um für alle Altersgruppen eine gute Bedienung zu ermöglichen. Wichtig ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Entwicklungsteam, vor allem, wenn es um widersprüchliche Anforderungen geht – so sind berührungslose Schalter zwar für Menschen mit motorischen Einschränkungen gut, aber schlecht für Blinde, weil diese dann nicht mehr fühlen können, wie der Schalter gerade steht. Viele BSH-Lösungen zeigen, dass oft simple Ideen die nützlichsten sind, beispielsweise:
? ein Backofen, dessen Tür seitlich aufschwenkt. Der Vorteil: Der Nutzer muss sich nicht mehr so weit über die ausladende Tür beugen,
? Knöpfe, die nur in Nullstellung versenkbar sind. So ist der Zustand "Aus" leicht ertastbar,
? eine Kochstelle, bei der die Kochzonen nicht mehr im Quadrat angeordnet sind, sondern nebeneinander (oben). Schwere Töpfe muss man nicht mehr über andere hieven. Weil die Kochstelle zwar breit aber nicht tief ist, lässt sie sich in der Arbeitsplatte weiter hinten einbauen – günstig in Haushalten mit kleinen Kindern – oder weiter vorne, was Menschen mit Rücken- oder Greifproblemen entgegenkommt,
? eine Waschmaschine mit einem großen, kontrastreichen Display, in dem die Waschprogramme und sogar Fleckentipps in Klartext angezeigt werden (wählbar in 17 Sprachen).
Der Hit auf der Messe RehaCare war der so genannte Easy-Store-Kühlschrank (rechts). Statt Gitter- oder Glasablagen besitzt er ausziehbare Schubladen. Gerhard Fuchs: "Der kam bei allen gut an, egal ob alt, ob jung oder behindert. So etwas ist Design for All pur."
Vorhanden ist zudem das Geld: So verfügen die 30,2 Millionen Personen der Generation 50+ in Deutschland nach einer aktuellen Studie der GfK Marktforschung über ein jährliches Netto-Einkommen von 643 Mrd. € – fast 30 Milliarden mehr als die 30- bis 50-Jährigen. Das Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen rechnet mit bis zu einer Million neuer Arbeitsplätze, wenn "die Kaufkraftpotenziale der Alten verstärkt beachtet werden". Eine enorme Chance für die Wirtschaft – schließlich wird 2020 jeder vierte Deutsche über 60 sein, 2050 sogar jeder dritte, heute ist es erst jeder fünfte. Die von Siemens beim Wirtschaftsforschungsinstitut TNS Infratest in Auftrag gegebene europaweite Studie Horizons2020 (in Pictures of the Future, Herbst 2004) geht davon aus, dass dann nicht mehr die Kraft der Jugend, sondern die Weisheit des Alters die Gesellschaft antreibt.
Senioren denken anders. Wie aktiviert man dieses Potenzial? Selbst ein Fachmann wie Neth hat im SENTHA-Projekt Lehrgeld bezahlt: "Die Senioren denken anders, als wir dachten." Und: Die Senioren gibt es nicht, weil sich nicht alle älteren Menschen gleich verhalten, wenn sie mit Technik konfrontiert werden. Einige Ergebnisse verblüffen:
? Viele Senioren verfahren nicht nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum". Wer als Kind eins auf die Finger bekam, wenn er am Röhrenradio drehte, hat verinnerlicht, dass Geräte kaputt gehen können, wenn man sie falsch bedient. Ältere gehen deshalb in der Regel streng nach Bedienungsanleitung vor und kapitulieren schnell, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. "Auch ich musste erst lernen, dass ich beim Herumspielen nichts kaputtmache", sagt Ellen Gorisch.
? Manche älteren Menschen kennen keine Undo-Funktion und können nicht nachvollziehen, dass man Menübäume nicht nur hinab-, sondern auch wieder hinaufsteigen kann. Wer zeitlebens mit der Schreibmaschine getippt hat, weiß nichts von einer Löschfunktion. Kein Witz: Es gibt sogar Senioren, die zum Tippex greifen, um Fehler auf dem Bildschirm zu kaschieren. Auch müssen viele Senioren das Prinzip des Scrollens erst erlernen, weil sie glauben, dass Inhalte, die vom Bildschirm verschwinden, endgültig weg sind.
? Ältere Menschen kaufen eher kleine Mobiltelefone mit schickem Design. Der Grund: Senioren fürchten sich in der Regel vor der Stigmatisierung des Alters. Auch kaufen Senioren meist ungern Verbrauchsmaterial nach, weil das einen Zusatzaufwand bedeutet und die Kosten schwer abzuschätzen sind.
Senioren beim Testen: Im Fahrsimulator werden rasch die Schwächen eines Cockpits erkannt (links). Auch Gegenstände des Alltags entpuppen sich oft als nur bedingt brauchbar für ältere Menschen
Kai-Uwe Neth schließt aus diesen Erfahrungen, dass bei der Gestaltung seniorengerechter Produkte meist die falschen Fragen gestellt werden: Sind die Tasten groß genug? Ist der Kontrast des Displays ausreichend? Das wollen die Hersteller wissen, wenn sie ihre Neuentwicklungen dem Urteil der Seniorengruppe stellen. Neth kontert dann mit der Bemerkung, dass ältere Menschen auch keine dickeren Finger haben und dass ein guter Kontrast auch Jungen nützt. Diese Erkenntnis führt zum Prinzip des "Design for All". "Gestalte für die Alten und du schließt Junge ein. Gestalte für die Jungen und du schließt Alte aus", lautet eine Designerweisheit. Viele Unternehmen hätten das noch nicht begriffen, findet Prof. Ernst Pöppel von der Ludwig-Maximilians-Universität München (siehe Interview). "Rechtshändige junge Ingenieure", sagt er, "entwerfen was sie können, nicht was die Menschen brauchen. Ihr Maß ist die Technik, das menschliche Maß wird vernachlässigt." Der 65-Jährige leitet das Generation Research Program (GRP) in Bad Tölz, das sich neben der Entwicklung altersgerechter Produkte vor allem mit der Erforschung physiologischer und psychologischer Besonderheiten älterer Menschen beschäftigt, etwa mit der Verarbeitung von Sinnesreizen oder mit der Zeitwahrnehmung. Auf einen so genannten Age-Explorer verzichtet das GRP. Dieser schwere Anzug verlangsamt die Bewegungen des Trägers, ein Helm mit Sichtfenster beschränkt das Blickfeld. Er wird oft von Firmen gemietet, um jungen Entwicklern zu zeigen, mit welchen Handicaps Ältere zu kämpfen haben. Wie sich ein alter Mensch tatsächlich fühle, könne man damit allerdings nicht wirklich erleben, weil sich die eigene Wahrnehmung im Lauf des Lebens ja auch verändere, meint Pöppel.
Mit ihrer Forschung versuchen die 40 Mitarbeiter des GRP – ein Doktorand ist über 60 – "anthropologischen Randbedingungen" auf die Spur zu kommen und die Erkenntnisse in Produkte einfließen zu lassen. Ein Beispiel: Der Mensch kann sich nur auf Dinge konzentrieren, die innerhalb eines Winkels von maximal 10 ° neben der Blickrichtung liegen. Autoherstellern wurde deshalb empfohlen, das Navigationsgerät in Blickrichtung Straße anzubringen und nicht in der Mittelkonsole.
"So wie man mit dem 18. Jahrhundert die Französische Revolution und mit dem 19. die Industrialisierung verbindet, so könnte man einst dem 21. Jahrhundert eine ganz andere Art der Revolution zuschreiben: die Umkehrung der Alterspyramide. Vielen Alten stehen immer weniger junge Menschen gegenüber. Dies geschieht weltweit, allerdings nicht synchron, sondern zunächst in der westlichen Welt und in Japan, gefolgt von China und Russland mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahrzehnten. Ausnahmen bilden nur einige asiatische Länder und fast ganz Schwarzafrika.
Grund für diese Entwicklung sind zwei sich gegenseitig verstärkende Trends. Zum einen der Fortschritt auf dem Gesundheitssektor: Geringere Säuglingssterblichkeit, verbesserte medizinische Versorgung und geringerer Verschleiß durch weniger körperliche Arbeit lassen die statistische Lebenserwartung steigen. Die Zahl der Stockwerke und die Besetzung der oberen Etagen der Bevölkerungspyramide nehmen zu – künftig werden mehr Geburtenjahrgänge zur gleichen Zeit leben. Dies bedeutet allerdings nicht unbedingt auch mehr Generationen nebeneinander. Denn zugleich steigt das Alter, in dem Männer und Frauen Lebensgemeinschaften eingehen und sich für Kinder entscheiden – ebenfalls ein weltweit gültiger Trend, wie die UNO in ihrem World Fertility Report schreibt. Die Zeitspanne von einer zur nächsten Generation nimmt zu.
Der zweite Trend, der die Bevölkerungspyramide umkehrt, ist die abnehmende Geburtenrate. Nur wenn Frauen durchschnittlich 2,1 Kinder gebären, entspricht der Altersaufbau der Pyramidenform. Doch weltweit gehen die Geburten zurück. Die Gründe sind vielfältig: die Verbreitung von Verhütungsmitteln, der steigende Wohlstand und erhöhte Frauenerwerbstätigkeit senken die Geburtenrate. Faktoren wie beispielsweise gute Betreuungseinrichtungen für Babys und Kleinkinder wirken in die andere Richtung. Hinzu kommt die aktive Bevölkerungspolitik in manchen Ländern – wie etwa die Ein-Kind-Politik in China.
Kinder und Enkelkinder sind die Basis der Bevölkerungspyramide – die in vielen Ländern bereits bröckelt
Die Folgen, die ein Umsturz der Bevölkerungspyramide mit sich bringt, sind erheblich. So wird die Struktur der Weltbevölkerung neu zusammengesetzt, durch Veränderungen zwischen Ländern und Kontinenten ebenso wie zwischen den ethnischen Gruppen innerhalb eines Landes – etwa in den USA. Nach UN-Bevölkerungsstudien nimmt Europas Bevölkerung bis 2050 um über 120 Millionen ab, während die Weltbevölkerung insgesamt noch um drei Milliarden Menschen ansteigen wird. Manche Experten vertreten die These, dass Gesellschaften mit einem jüngeren Altersdurchschnitt bei vergleichbar leistungsfähigen Bildungssystemen innovativer seien als solche mit älterer Bevölkerung. Wenn dies stimmt, hätte die Bevölkerungsentwicklung direkten Einfluss auf die regionale Verteilung von Technologieführerschaft und Wachstumsdynamik und auf die künftige globale Wohlstandsverteilung. Der Frage, ob und inwieweit Länder fehlenden eigenen Nachwuchs kompensieren können – durch Zuwanderung oder durch Produktivitätssteigerungen – gehen beispielsweise Forscher des McKinsey Global Institute nach. Damit verbunden sind weitere Fragen, etwa: Wie wirkt sich eine stark rückläufige Bevölkerung auf die Kapital- oder Immobilienmärkte aus?
Offensichtlicher ist, dass sich mit der Umkehr der Bevölkerungspyramide die Relation von Versorgungsempfängern zur erwerbstätigen Bevölkerung drastisch verschlechtert – und damit ein wichtiger Bestandteil vieler staatlicher Rentensysteme. Die private Zusatzvorsorge wird daher zunehmen müssen. Das wiederum erhöht die Sparquoten und bremst die Konsumneigung. Viele derartige Zusammenhänge, die von den Veränderungen im Altersaufbau ausgehen, sind noch längst nicht ausreichend erforscht. Inzwischen bewegt dieses Thema mehr und mehr Menschen, wie der Bestseller-Erfolg des deutschen Publizisten Frank Schirrmacher mit seinem Buch "Das Methusalem-Komplott" zeigt. Denn letzlich geht es um den Umgang mit einem Phänomen, für das die Menschheitsgeschichte keinerlei historisches Erfahrungswissen bereithält.
Sabine Saphörster
Das GRP-Team untersucht unter anderem in einer Halle an einem Fahrsimulator, wie Schalter angebracht werden müssen, damit sie Senioren mühelos erreichen können. "Zu viele Bedienelemente, die zu weit verstreut sind", lautet oft das Urteil. Auch Bediensysteme mit zu vielen Menüpunkten könnten alte Leute schlecht nutzen, beklagt Pöppel, und das werde sich auch in 20 Jahren nicht ändern, da die Grundfähigkeiten hinsichtlich Sinneswahrnehmung oder Reaktionsvermögen seit zigtausend Jahren in unserem genetischen Erbe verankert seien.
Technik im Auto könnte aber älteren Menschen die Fahrt auch erheblich erleichtern. So hat das GRP-Team festgestellt, dass es bei Senioren oft deutlich länger als eine Sekunde dauert, bis sie den rechten Außenspiegel ins Visier genommen haben. Daher hält Pöppel es für sinnvoll, Rück- und Seitenspiegel durch Kameras zu ersetzen, die ihr Bild auf einen Monitor ins Cockpit übermitteln. Sein Team denkt auch über reduzierte Schnittstellen nach. Bei Stress stellt das Cockpit nur noch die Funktionen bereit, die für die jeweilige Situation wichtig sind. Gemessen wird der Stress über einen Sensor im Lenkrad, der den Händedruck überwacht. Solchen adaptiven Systemen gehört laut Pöppel die Zukunft.
Design für Jung und Alt. Siemens hat als eines der ersten Unternehmen die Bedeutung des "Design for All" erkannt, bei der Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH wird es schon seit Anfang der 90er Jahre – unter anderen Bezeichnungen – praktiziert (siehe Kasten). In der Mobilfunksparte hat es länger gedauert. Während frühere Handys übersichtliche Menüs hatten und auch für Ältere gut zu bedienen waren, steigen die Anforderungen für ein "Design for All" durch die wachsende Komplexität und immer kürzere Produktzyklen enorm an.
Bei Siemens schlug damit die Stunde von Klaus-Peter Wegge (siehe Pictures of the Future, Herbst 2003, Accessibility). Der Informatiker vom C-LAB in Paderborn – einem gemeinsamen Foschungsinstitut von Siemens und der Universität Paderborn – hilft den Siemens-Bereichen, insbesondere Communications, bei der Umsetzung des "Design for All"-Konzeptes. Spezielle Produkte für Behinderte sind für ihn nur dann ein Thema, wenn "Design for All" nicht mit vernünftigem Aufwand machbar ist – und dies obwohl er seit seiner Kindheit blind ist.
"Produkte für Senioren sollten auch keinesfalls als solche vermarktet werden", fordert er. Entsprechend ausgelobte Produkte würden von allen anderen Käufergruppen gemieden und von den Senioren selbst als stigmatisierend empfunden und nicht gekauft. Dagegen kann das erste Siemens "Design for All"-Schnurlostelefon, das Gigaset E150, als Erfolg gelten. Das klare, funktionale Design wurde mit Blick auf Senioren entwickelt, spricht aber offenbar auch Jüngere an – gerade weil es nicht als Seniorenprodukt angeboten wird.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, kurz BAGSO, hat ermittelt, dass es im übrigen gar nicht die Handys und Hausgeräte sind, die den Senioren das größte Kopfzerbrechen bereiten, sondern unhandliche Verpackungen, schlechte Beschriftungen und Kauderwelsch in Bedienungsanleitungen. Manchmal ist die Ursache klein und der Ärger groß – nicht nur für Ältere. Ellen Gorisch z.B. kauft ihren Fahrkartenvorrat für den Berliner Nahverkehr grundsätzlich am Schalter. Zwar sei das Menü der Automaten eigentlich einfach, findet die vierfache Großmutter. "Aber das Geld fällt immer durch."
Bernd Müller
Interview mit Ernst Pöppel
Prof. Ernst Pöppel (65)
ist Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie sowie Geschäftsführender Vorstand des Humanwissenschaftlichen Zentrums der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im oberbayerischen Bad Tölz leitet er das Generation-Research-Program, das sich mit Generationen übergreifender Grundlagenforschung und mit der Konzeption innovativer Technologien für die Generation 50+ beschäftigt.
Werden Menschen, die älter als 50 Jahre sind, vernachlässigt?
Pöppel: Eindeutig ja. Dabei birgt die 50+ Generation ein riesiges Potential: Allein in Deutschland verfügen 20 Millionen ältere Menschen über Hunderte von Milliarden Euro, die sie allerdings kaum ausgegeben können, weil es keine passenden Produkte gibt. Ältere Menschen möchten High-tech-Produkte kaufen, die sie auch benutzen können.
Brauchen sie dafür spezielle Geräte?
Pöppel: Mit Produkten nur für Senioren wird man nie erfolgreich sein. Es darf keine Segmentierung der Gesellschaft geben, sonst fühlen sich die Menschen stigmatisiert, denn sie möchten ja dazugehören. Im übrigen können auch Jüngere Geräte besser nutzen, wenn sie bedienerfreundlicher gestaltet sind.
Wie ist das zu erreichen?
Pöppel: Produkte sollten barrierefrei und integrativ, also für die 10- bis 80-Jährigen gleichermaßen, entwickelt werden, sich dabei aber an den Bedürfnissen der 50+ Generation orientieren. Ansonsten grenzt man die Alten aus. Bislang spielen ästhetische Gesichtspunkte eine größere Rolle als die Usability. Viele Ingenieure meinen noch, der Mensch müsse sich an die Technik anpassen. Das Gegenteil ist richtig: Die Technik muss sich anpassen (s. Pictures of the Future, Herbst 2003, Benutzerfreundlichkeit, Anm.d. Red.).
Was wäre das dann für eine Technik?
Pöppel: Eine, die anstrengungslos verfügbar ist. Wir können anstrengungslos die Augen öffnen und sofort sehen. Das Gegenwartsfenster des Menschen beträgt allerdings nur zwei bis drei Sekunden, innerhalb derer er maximal drei Informationsquellen berücksichtigen kann. Dabei verarbeitet das Gehirn Informationen analog, nicht digital – also keine Zahlen, sondern Normwerte. Auf dem Tacho schaut man nicht auf die Zahlen, sondern auf die Position des Zeigers. Oder nehmen Sie das Navigationssystem im Auto: Sinnesphysiologisch ist es oft völlig falsch angebracht, nämlich weit außerhalb des Blickwinkels. Ist der nötige Blickwinkel größer als 10 °, hat man eine Latenzzeit von 0,4 s, um das Blickziel zu erreichen. Das kann gefährlich werden. Das Wissen um solche Zusammenhänge sollte jeder Produkt-Designer haben.
Welche richtigen Ansätze sehen Sie?
Pöppel: Etwa die Sprachsteuerung oder intuitive Technologien bei der Internetbenutzung, mit denen man schnell das Gesuchte findet. Davon profitieren alle – Junge ebenso wie Menschen mit altersbedingten Einschränkungen. Generell sollten Informationen nur kontextabhängig angezeigt werden – also nur dann, wenn ich sie für die aktuelle Situation wirklich benötige.
Gibt es zwischen Alt und Jung Unterschiede in der Wahrnehmung?
Pöppel: Die Informationsverarbeitung im Gehirn verlangsamt sich im Lauf des Lebens – bis zu 50 % bei einem gesunden Altern. Auch die Entscheidungsprozesse werden langsamer, was oft zu Missverständnissen führt, denn oft wird Intelligenz mit Schnelligkeit gleichgesetzt. Ältere Menschen werden daher häufig als begriffsstutzig angesehen. Das ist aber grundfalsch: Die qualitative, so genannte kristalline Intelligenz, bleibt bei Gesunden bis zu einem Alter von etwa 100 Jahren erhalten.
Was charakterisiert die Generation 50+?
Pöppel: Sie ist keineswegs homogen, sondern viel variabler als die der 20- bis 40-Jährigen. Nach dem Berufsleben gibt es keine Fremdbestimmung mehr, wir haben also Zeit, persönliche Bedürfnisse zu entdecken und Neues auszuprobieren – man kann ja als Rentner nicht jeden Tag Golf spielen. Wenn eine Firma erfolgreich sein will, muss sie diese individuellen Bedürfnisse berücksichtigen, etwa durch die Personalisierung von Produkten.
Wie ist die Situation in anderen Ländern, etwa in Asien?
Pöppel: Im Gegensatz zu Mitteleuropa werden Alte dort nicht pathologisiert, sondern ernst genommen und respektiert. Das schlägt sich auch auf die Benutzerfreundlichkeit von Produkten nieder, die in asiatischen Ländern einen hohen Stellenwert hat. Senioren sind dort daher auch viel aufgeschlossener gegenüber High-tech, was wiederum der ganzen Gesellschaft zugute kommt.
Sie gehören ja zur Generation 50+. Wie ist Ihr Verhältnis zu High-tech-Produkten?
Pöppel: Ich vermisse beispielsweise Handys mit wirklich großem Display – dann könnten sie ruhig auch voluminöser sein. Generell habe ich nur Dinge, die mir nutzen. Allerdings versuche ich mit den neuesten Entwicklungen Schritt zu halten und schaffe mir auch neue Computer fürs Büro an. Die vielen Funktionen bleiben mir dabei anfangs oft verschlossen, aber zum Glück habe ich ja gute und auch junge Mitarbeiter.
Das Interview führte Florian Martini