Kinder vor der Datenflut: Um in einer Wissensgesellschaft bestehen zu können, muss jeder Einzelne bereits in frühen Jahren zum lebenslangen Lernen motiviert werden
Wissensgesellschaft ist kein Schlagwort, wir sind auf dem Weg dorthin. Manche leben schon darin", sagt Prof. Dr. Rolf Kreibich, Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin. In den Industrieländern sind Wissen und Know-how die Treiber von Wachstum und Fortschritt. Während vor 100 Jahren fast 80 % der Beschäftigten in Landwirtschaft und Produktion tätig waren, hat sich das Verhältnis heute zugunsten des Dienstleistungssektors umgekehrt darunter fällt ein Großteil unter Informationsdienstleistungen, also etwa Banken, Versicherungen, Medien oder Wissenschaft (siehe Grafik). "80 % aller Wissenschaftler, die auf der Erde je lebten, forschen heute", sagt Kreibich. 5 EB digitale Daten eine 19-stellige Zahl wurden 2002 neu erzeugt und gespeichert, haben Forscher der Universität Berkeley ausgerechnet; das sind knapp 800 MB pro Erdbewohner. Aus isolierten Bits der Datenflut müssen Informationen geformt werden, die sich in den Köpfen zu Wissen ausbilden, das schließlich zu sinnvollem Handeln befähigt. Das ist die Herausforderung der Wissensgesellschaft.
Um aus dem Potenzial des vorhandenen Wissens den größten Nutzen ziehen zu können, stehen Unternehmen, die Gesellschaft und jeder Einzelne vor gewaltigen Aufgaben. Unternehmen müssen Wissensstrategien entwickeln Arbeitnehmer müssen sich auf lebenslanges Lernen einstellen, da Wissen extrem schnell veraltet. "Selbst in einfachen Berufen nimmt Wissen einen immer höheren Stellenwert ein", sagt Andreas Schleicher, Experte bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris und verantwortlich für die Pisa-Studie ein Leistungsvergleich bei 15-jährigen Schülern in den 30 OECD-Mitgliedsstaaten. So müsse ein Automechaniker heute mit Betriebsanleitungen umgehen, die nahezu 15 000 Seiten hätten. Eine Gesellschaft muss laut Schleicher den Bürgern nicht nur Basiswissen vermitteln, sondern sie vor allem zum Lernen motivieren. Die Fähigkeit, sich zu motivieren, bildet sich sehr früh heraus, daher ergeben sich höhere Anforderungen an die Bildungssysteme. Ein Ansatz ist das Lernen am Computer. Online-Vorlesungen geben heute schon einen Vorgeschmack, wie künftig Wissen vermittelt werden kann: interaktiv und multimedial (siehe Beitrag e-Learning).
Die OECD arbeitet nun nach dem Vorbild des Pisa-Tests an einer Studie mit Erwachsenen. "Wir wollen eine empirische Grund-lage dafür schaffen, wie lebensbegleitendes Lernen am besten ermöglicht werden kann." Befragt werden pro Land jeweils 5 000 Personen verschiedener Altersgruppen. Auch ohne das Ergebnis der neuen Untersuchung vorwegnehmen zu wollen, ist für Schleicher das Teilen von Wissen ein herausragender Faktor.
E-Mail: Im Jahr 2002 wurden pro Tag 31 Mrd. e-Mails versandt mit einer Durchschnittsgröße von 60 kB pro Jahr summiert sich das auf 668 000 TB. Rund ein Drittel davon ist Spam, e-Mail-Müll
Wissen hat die besondere Eigenschaft, dass es sich vermehrt und nicht abnimmt, wenn es geteilt wird. Wissensmanagement hat deshalb bei Siemens seit Jahren einen hohen Stellenwert kein Wunder, sind die Grundlage des Unternehmens doch Innovationen, die auf neuem Wissen beruhen. Die richtige Bewirtschaftung des Wissens gelingt aber nur mit einer Organisationsstruktur, die den Austausch fördert, und den nötigen technischen Voraussetzungen sowie einem Anreiz für die Menschen, ihr Wissen weiterzugeben (siehe Knowledge Management). Bei Siemens gibt es mehr als 1 500 so genannte Communities of Practice, in denen sich weltweit rund 90 000 Fachleute verschiedenster Wissensgebiete virtuell und bei persönlichen Treffen austauschen. Sie können Fragen zu speziellen Problemen stellen oder beantworten und Wissensobjekte mit dokumentierten Lösungen oder Erfahrungen herunterladen.
Communities im Internet, die im Prinzip für jeden zugänglich sind, bieten eine neue Form des Treffens über Unternehmens- oder Landesgrenzen hinweg. Der Austausch ist unkompliziert, und Kompetenz zählt mehr als Hierarchien (siehe Communities). In Communities verwirklichen Experten und Nicht-Experten gemeinsam Projekte, sie schreiben etwa Software lizenzfreie Programme wie das Betriebssystem Linux oder Office-Tools wie OpenOffice. Die Programmierer dieser Open-Source-Software sehen ihre Belohnung darin, gemeinsam etwas zu schaffen, anderen zu helfen und durch Wissen an Ansehen zu gewinnen. Open-Source beruht wie Wissensmanagement auf Geben und Nehmen. Siemens hat z.B. eine Software für Mitarbeiter-Portale im Internet veröffentlicht. "Wir bekommen zwar keine Lizenzeinnahmen, zeigen aber in der Community Flagge und können vom Servicegeschäft profitieren", sagt Karsten Ehms, der sich bei Siemens Corporate Technology mit Wissensmanagement beschäftigt.
Quelle: Roy Williams, California Institute of Technology
Das Internet ist eine Art Wissenspool der Menschheit, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Der Wahrheitsgehalt der nackten Informationen ist für den Einzelnen schwer überprüfbar. "Wir werden mit Informationen überschüttet, auch mit Informationsmüll", bestätigt Rolf Kreibich vom IZT. "Um zukunftsfähig zu bleiben, brauchen wir selektives Wissen." Im Alltag sei unser Gehirn dazu hervorragend in der Lage. Beim Autofahren etwa strömen Milliarden Sinneseindrücke auf uns ein, verarbeitet werden aber nur die wichtigsten, die eine unfallfreie Fahrt garantieren. "Um Orientierungswissen zu erlangen, müssen wir genauso vorgehen", fordert Kreibich. Das bedeutet auf das Internet übertragen, dass ein Computer künftig weiß, was bestimmte Informationen bedeuten und in welchem Kontext sie stehen. In einem so genannten semantischen Web, an dem Experten bereits arbeiten (siehe Pictures of the Future, Herbst 2002, Semantisches Web), sind Webseiten mit Hintergrundinformationen und beschreibenden Markierungen versehen, die die Kommunikation von Computern vereinfachen und die Arbeit von Suchmaschinen erleichtern.
Festplatten: Auf Festplatten wurden 2002 bis zu 2 EB Daten gespeichert, eine Verdopplung gegenüber 1999
Hilfreich wäre auch eine Art Gütesiegel für die Qualität einer Information im Netz, wie Wolfgang Krohn anregt. "Informationen und Wissen im Internet müssen verlässlich sein", sagt der Soziologe und Professor am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Bielefeld. Daran seien auch die Wissensproduzenten interessiert. Krohn kann sich vorstellen, dass Ratingagenturen, ähnlich denen, die heute Firmen auf Kreditwürdigkeit prüfen, künftig die Informationsqualität im Internet bewerten. Eine einfache Qualitätssicherung, wie sie bei Siemens in einigen Communities schon praktiziert wird, ist das Feedback der Wissensnutzer von "sehr nützlich" bis "unbrauchbar".
"Wissen hat nie die Stabilität eines heutigen Massenprodukts im Kaufhaus", meint Krohn. "Wissen verändert sich ständig." Er fordert daher eine experimentelle Lebenshaltung. Aufgrund des breiten Zugangs zu Informationen kann jeder in eigener Sache forschen, wenn etwa eine Urlaubsreise ansteht und im Internet nach den schönsten Stränden gesucht wird oder der Kauf einer neuen High-Tech-Ausstattung geplant ist und die besten Geräte verglichen werden. Krohn beobachtet das Vordringen dieses praktischen Forschens in alle Lebensbereiche. Umgekehrt verlässt die wissenschaftliche Forschung zunehmend die abgeschlossene Laborwelt. Der Soziologe spricht von Realexperimenten, die so komplex sind, dass sie im Labor nicht verwirklicht werden können ähnlich wie auch bei Freisetzungsexperimente von genetisch veränderten Nutzpflanzen. "Es ist ein Merkmal einer Wissensgesellschaft, dass die Forschung stärker in die Gesellschaft getragen wird", sagt Krohn.
Zuviel Information ist schädlich. Was Wissenschaftler aber gewohnt sind, nämlich Schlussfolgerungen aufgrund unvollständiger und ungenauer Informationen zu ziehen, löst beim Normalbürger eher Unbehagen aus. Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, untersucht, welche Art Wissen richtig und welche Dosis Wissen sinnvoll ist. Die überraschende Erkenntnis des Psychologen: Zuviel Informationen sind oft sogar schädlich für die Qualität einer Entscheidung. Ein kritischer Faktor ist dabei die Erfahrung des Einzelnen. So zeigte Gigerenzer Handballprofis ein Video einer Spielszene und fror das Bild an einer bestimmten Stelle ein. Nun sollten die Experten spontan äußern, wie sie sich verhalten würden. Die Antworten verglichen Trainer später mit Aussagen, die die Spieler nach eingehendem Betrachten gemacht hatten. Die Bewertung ergab, dass die spontanen Antworten besser als die vermeintlich fundierten waren. Offenbar können Experten eine Situation in sehr kurzer Zeit anhand weniger Schlüsselinformationen erfassen, ein Übermaß an Informationen verwirrt dann eher.
TV: Weltweit wurden 2002 rund 31 Millionen Stunden TV-Programm produziert ohne Wiederholungen. Das entspricht je nach gesendeter Datenrate bis zu 70 000 TB
Gigerenzer zieht daraus die Schlussfol-gerung, dass wir alle Entscheidungsprinzi-pien entwickeln müssen, die an Unsicherheit angepasst sind. Ein Weg dafür ist Vereinfachung. Der Psychologe hat zum Beweis eine Methode ersonnen, die anhand weniger Fragen entscheidet, ob eine Person mit schweren Brustschmerzen besser auf eine Intensivstation oder ein reguläres Krankenzimmer kommt. In den USA schicken Ärzte aus Angst vor Klagen 90 % auf die teure Intensivstation, viele davon aber unnötig. Gigerenzer fragt zunächst nach einer speziellen Anomalie im EKG, ist diese vorhanden, kommt der Patient sofort auf die Intensivstation. Die zweite Frage gilt den primären Beschwerden der Person. Rühren diese nicht vom Herzen her, wird sie auf eine normale Station verlegt. In Untersuchungen hat sich gezeigt, dass die Methode besser als komplexe Expertensysteme abschneidet. Ein weiterer Vorteil: Anhand eines Entscheidungsbaumes kann der Arzt den Sachverhalt leicht nachvollziehen. "Wir schaffen Robustheit durch Einfachheit", sagt Gigerenzer.
Auf Einfachheit beruht auch Google. Die ausgezeichnete Benutzerfreundlichkeit und der leistungsfähige Suchalgorithmus machen Google zur meistverwendeten Suchmaschine. Jeden Tag werden 200 Millionen Abfragen abgewickelt (siehe Interview). Die Macher von Google haben eine ausgefeilte Technik auf die Nutzer zugeschnitten. Damit verwirklichen sie, was alle Experten als Forderung aufstellen: Der Mensch muss im Mittelpunkt der Wissensgesellschaft stehen. Als Träger des Wissens ist er die Produktivkraft Nummer eins trotz aller technischer Hilfen durch Maschinen und Computer.
Norbert Aschenbrenner