Ein Wissensbroker der Zukunft bekommt einen Eilauftrag. Nach dem Ausbruch einer tödlichen Viruskrankheit soll er herausfinden, wie der Erreger mutiert ist. Die Informationen sind wichtig für die Entwicklung eines Impfstoffs. Dazu nutzt der Wissensbroker eine Software, die Viren nach ihrer Erbmasse und anderen Kriterien ordnet und vergleichbar macht. Über seine Memex, ein multimediales Informationsdesk, ist er mit Experten in der ganzen Welt verbunden
Na Bernd, wie kommst du mit deinen Geometrie-Aufgaben klar?" ruft Harold Kuhn in den Nebenraum. "Papa, geht schon, mit dem neuen 3D-Programm, das mein Software-Agent im Internet gefunden hat, kann ich jetzt Kegelschnitte im Raum drehen", antwortet der 14-Jährige hinter seiner Virtual-Reality-Brille. "Ich mache gerade mit meinem kanadischen Lernpartner eine Hausarbeit." "Fein", sagt Kuhn und wendet sich wieder seiner Memex zu, einem interaktiven Desktop mit großem Touchscreen-Display, mehreren Holo-Projektoren und Breitband-Internetanschluss.
"Woran arbeitest du gerade, Papa?" "Es geht um eine Firmenübernahme", antwortet der freiberuflich tätige Wissensbroker. "Nanosoft will einen Konkurrenten schlucken, und ich soll dafür sorgen, dass das dort vorhandene Wissen nicht verloren geht. Das ist viel Routinekram. Die Daten erfassen, von längst abgeschlossenen Projekten bis zu allen Forschungskontakten, dann die Organisationsstruktur der Firma im Detail abbilden, Weblogs von Mitarbeitern durchforsten dafür habe ich Softwaretools auf meiner Memex, die das fast nebenher erledigen. Danach muss ich die Experten den jeweiligen Fachgebieten zuordnen und miteinander in Kon ". Plötzlich unterbricht ihn ein schriller Alarmton. Das Hologramm von Mel Robinson schwebt über dem Desktop.
Robinson ist ein alter Bekannter von Harold. Für den Biochemiker der Weltgesundheitsorganisation hat er schon einige knifflige Recherchen gemacht. "Hi Harold", stößt Mel hervor. "Mach mal CNN an. Diese Seuche in Panama, jetzt sind Tausende infiziert. Colón ist unter Quarantäne. Der Panamakanal ist seit gestern abend gesperrt. Bist du gerade frei?" Harold starrt auf das Wanddisplay, auf dem eine Eilmeldung von CNN flimmert. Vermummte tragen leblose Körper über eine staubige Vorortstraße. Die Reporterin berichtet von Panik. "Was soll ich tun?" fragt Harold. "Wir sind ziemlich sicher, dass es ein hämorrhagisches Fieber ist, so was wie Ebola, aber vermutlich mutiert. Wir haben als Überträger eine Fledermausart in Verdacht", schnarrt der Biochemiker. "Du bist doch Cluster-Experte. Finde alles über die Mutationen heraus, damit wir einen Impfstoff entwickeln können. Ich schicke dir einen Link für unsere Datenbank. Analysiere alle hämorrhagischen Viren, die da drin sind, das sind allerdings mehrere Millionen Varianten, inklusive der künstlichen."
"Wann brauchst du ein Ergebnis?" "Gestern", meint Mel lakonisch. "Also häng dich rein, ich versuche jetzt einen Augenzeugen aufzutreiben, der den Ebola-Ausbruch von 1976 im damaligen Zaire miterlebt hat. Dort soll ein kleiner Volksstamm immun sein." "Und was soll das bringen?" fragt Harold. "Wenn wir dort eine Blutprobe auftreiben können, hilft uns das vielleicht weiter", antwortet Robinson. "Eine diesem Panama-Virus ähnliche Mutante würde uns als Muster für einen Impfstoff schon reichen. Alles was wir über das neue Virus wissen, findest du in der Datenbank."
Das Hologramm von Robinson verschwindet. Harold lädt die Datenbank und sucht nach den Informationen, die über das Panamavirus bislang bekannt sind. Um die Suche einzugrenzen, muss er die Daten aufbereiten und sie vergleichbar machen was zwar einige Arbeit ist, aber die spätere Rechenzeit enorm verkürzt. Harold weiß, dass seine Data-Mining-Software mit der Rohversion der Daten oft nichts anfangen kann; das ist eines der Hauptprobleme bei wissenschaftlichen Dokumentationen. Schließlich startet er das Cluster-Programm. Seine Software erkennt Ähnlichkeiten der registrierten Viren anhand ihres Aussehens, der Erbmasse und anderer Kriterien wie den aufgetretenen Symptomen. Sie ordnet die Viren danach in Gruppen und bildet diese Cluster in einem Hologramm ab. Je näher dort zwei Viren beieinander liegen, desto ähnlicher sind sie. Nun heißt es warten.
Harold hat die Werte für den Panama-Virus farbig markiert. Plötzlich tauchen zwei Varianten in dessen unmittelbaren Nähe auf. Die Suche war erfolgreich. Harold klickt den ersten Virus an. Seine Memex zeigt ihm alle Datenfelder. Fieberhaft geht er die Angaben durch und stellt bald fest: Dieser Virus ist eine Sackgasse. Er wurde bei einem Forschungsprojekt erzeugt, ist patentiert und besitzt einen natürlichen Kopierschutz. In einem Wirt wie einer Fledermaus könnte er sich nie vermehren. Aber der zweite Virus ist ein Volltreffer! Nur wenige Mutationen vom Panamavirus entfernt. Das Programm liefert Harold auch die Adressen mehrerer Wissenschaftler, die diesen Virus untersucht haben.
Noch während sein Clusterprogramm läuft, nimmt Harold Kontakt zu Robinson auf. "Einen Treffer habe ich schon. Ich spiele dir die Informationen rüber, einschließlich der Kontaktadressen der beteiligten Forscher". "Sehr gut!" sagt der Virenexperte. "Ich habe auch einen Tropenmediziner gefunden, der damals in Zaire Blutproben genommen hat. Zusammen mit Deinen Daten sollte das eigentlich reichen. Unsere Labors brennen schon darauf, loslegen zu können. Herzlichen Dank, bis zum nächsten Mal." "OK, falls meine Analyse noch was ergibt, melde ich mich", sagt Harold.
Minuten später, er will sich gerade wieder dem Nanosoft-Auftrag zuwenden, wird die Reporterin auf dem Wanddisplay eingeblendet: "Soeben wird gemeldet, dass die Weltgesundheitsorganisation den Erreger sehr schnell identifiziert hat und bereits einen Impfstoff entwickelt. Man hofft, dass die Seuche in einigen Tagen eingedämmt ist. Das war Deborah Kerr, CNN, in Panama."
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