Prof. Thomas Christaller (54) ist Direktor des Fraunhofer-Instituts für Autonome Intelligente Systeme in Sankt Augustin bei Bonn und Professor an der Universität Bielefeld sowie Leiter des GMD-Japan Research Laboratory in Kitakyushu. Unter der Anleitung des führenden Roboter-Experten sind zahlreiche autonome Maschinen entstanden.
Im britischen Fachmagazin Nature berichteten Wissenschaftler unlängst, dass sie einen forschenden Roboter gebaut hätten. Werden Sie als Forscher bald überflüssig, weil Maschinen neues Wissen schaffen?
Christaller: Mit Sicherheit nicht. Denn die Kollegen haben nur zwei Elemente kombiniert: eine Standardapparatur, die automatisierte genetische Experimente macht, und ein Expertensystem, das das Verhalten von Wissenschaftlern an dieser Apparatur simuliert eine Technologie, die es seit 30 Jahren gibt. Verglichen mit Doktoranden bringt die Computersimulation bessere Ergebnisse. Doch das ist wenig überraschend, denn im Expertensystem sind ja implizit Regeln für die Planung der Versuche gespeichert. Dieses System als einen Roboter-Wissenschaftler zu bezeichnen, ist schon sehr kühn. Die Arbeit wäre von jeder Fachzeitschrift für Künstliche Intelligenz (KI) abgelehnt worden wegen Trivialität.
Nun sind KI-Forscher für ihre kühnen Versprechen berüchtigt. Vor 50 Jahren hieß es, wir hätten heute intelligente Maschinen.
Christaller: Das stimmt leider.
Warum kann man Schachcomputer bauen, die es mit Großmeistern aufnehmen nicht aber Roboter, die sich in fremder Umgebung selbstständig orientieren können?
Christaller: Schach besteht aus formalisierbaren Regeln, die sich leicht programmieren lassen unsere Umgebung nicht. Wenn das Verhalten eines Lebewesens in seiner Umwelt immer weniger fest im Genom vorgegeben ist, dann werden die eigenen Artgenossen immer weniger vorhersagbar. Dies zwingt dazu, sich in andere hineinzuversetzen ich nenne das Probehandeln. Das ist für mich der Kern von Intelligenz. Unser Gehirn ist eine leistungsstarke Simulationsmaschine.
Wann wird es den probehandelnden Roboter geben?
Christaller: Ich wollte, ich wäre noch dabei, befürchte aber, dass es eine Generation also 30 Jahre dauern wird. Denn dafür müssen wir unsere Denkweise radikal ändern.
Strukturiertes Wissen ist also etwa in einer Datenbank leicht zu verarbeiten, während Alltagswissen für Maschinen kaum handhabbar ist?
Christaller: Ja. Eine Enzyklopädie ist eine Sammlung von Wissen aber sie ist nicht intelligent. Ein Roboter, der in diesen Raum kommt, müsste viel Alltagswissen mitbringen: Etwa, dass ein Stuhl vier Beine hat, verrückbar ist und man ihn umfahren kann, einen Schrank aber oft nicht. Wir können Roboter bauen, die dank ihrer Sensoren nirgends anecken. Aber den Stuhl als Stuhl erkennen und wissen, wozu man ihn benutzt? Keine Chance.
Hat denn die Rückbesinnung auf die Fähigkeiten des Gehirns Stichwort Neuronale Netze die KI weitergebracht?
Christaller: Selbst wenn man mit Neuronalen Netzen Intelligenz bisher nicht modellieren kann, so sind sie doch der erfolgversprechendere Weg. Die klassische KI, die mit Symbolen arbeitet, funktioniert bei kodifiziertem Wissen. Wenn man aber menschenähnliches Verhalten erzeugen will, muss man vom Gehirn lernen. Dessen Komplexität entsteht im Wesentlichen durch unzählige Oszillatoren, also positiv rückgekoppelte Neuronenverbünde.
Werden Maschinen je wirklich Schlussfolgerungen wie Menschen ziehen können?
Christaller: Nein. Ich kenne kein einziges überzeugendes Argument dafür. Alle bisherigen Maschinenlösungen, die durchaus dem Menschen überlegen sein können, basieren auf anderen Prinzipien, als wir sie in Gehirnen finden. Wenn wir Intelligenz als die Fähigkeit definieren, Vorhersagen über menschliches Verhalten zu machen, dann stehen die Chancen gut, dass der Mensch besser sein wird als jedes künstliche System. Bei der Verarbeitung formalisierbaren Wissens werden Computer allerdings eine wichtige Rolle spielen. Hier gibt es keine theoretischen Grenzen, jedoch technische und praktische etwa, dass Wissen nicht statisch ist. Ich sehe daher voraus, dass Wissenssysteme weit mehr als normale Datenbanken gepflegt werden müssen.
Wird es eines Tages Maschinen geben, die Gefühle empfinden?
Christaller: Gefühle sind ja nicht ohne Grund entstanden. Sie sorgen dafür, dass wir aus dem unendlich großen Vorrat alternativer Handlungsmöglichkeiten uns auf wenige beschränken und alle anderen ausblenden auf Grund subjektiver Empfindungen. Sonst würden wir nie fertig mit Nachdenken. Wenn wir Roboter bauen wollen, die nach ähnlichen Prinzipien wie wir funktionieren, dann müssen sie eine Welt haben, in der Gefühle für sie sinnvoll sind. Heutige Serviceroboter dagegen brauchen sicher keine Gefühle.
R odney Brooks vom MIT sagt, dass die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine in 50 Jahren immer mehr verschwinden werden. Glauben Sie das auch?
Christaller: Nein. Das sind merkwürdige Vorstellungen.
Das Interview führte Jeanne Rubner