Professor Dr. Eckhard Freise (59) ist Historiker an der Universität Wuppertal. Er beschäftigt sich vor allem mit dem Mittelalter, etwa dem sozialen Wissen und Lernen in Klöstern. Einem breiteren Publikum wurde Freise bekannt, als er am 2. Dezember 2000 der erste deutsche Gewinner beim Quiz "Wer wird Millionär?" wurde
Wer begleitete Edmund Hillary auf den Mount Everest? Dies war die Millionenfrage, die Eckhard Freise – trotz Pokerface von Günther Jauch – souverän beantwortete
Welche Wissenslücke hat Sie unlängst in Verlegenheit gebracht?
Freise: Besonders peinlich ist mir der temporäre Blackout bei der Millionärs-Rateshow, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde und nicht nur weil 13 Millionen zugeschaut haben. Mir fiel der Standort der Unesco nicht sofort ein, weil in meinem Hirn der nötige Link zu Paris nicht geschaltet wurde. Ich war vielleicht unterzuckert, so habe ich mir das im Nachhinein erklärt. Unter den zahlreichen Typen von „Wissenslücken” gehört das in die Kategorie „akute hirnphysiologische und biochemische Ausfälle” – so was hat jeder mal. Es war die vorletzte Frage vor der Million. Ich habe dann alle drei Joker auf einmal gezogen, weil ich die letzte Frage auf jeden Fall allein beantworten wollte.
Ist das, was bei „Wer wird Millionär” abgefragt wird, tatsächlich Wissen oder sind es eher Informationsbruchstücke?
Freise: Der heute gern betonte Unterschied zwischen Wissen und Information ist meines Erachtens überbetont – was sich bei dieser Show schön beobachten lässt. Viele Kandidaten bereiten sich geradezu enzyklopädisch vor und lernen etwas auswendig, egal ob chemisches Periodensystem oder Popsänger. Diese Informationen haben je nach Bildungsstand des Einzelnen unterschiedliche Wertigkeiten, eben Information oder Wissen. In der Sendung kann man sich den Antworten mit profundem Wissen nähern bis hin zum intuitiven Raten. Die Fragen sind so breit gestreut, dass jeder einmal jede Taktik anwenden muss.
Sind Menschen, die viel wissen, glücklicher?
Freise: Grundsätzlich ja, weil sie die Ungewissheiten des Alltags richtiger einordnen können. Ich behaupte, Wissen ist ein Schutz vor allen möglichen Widrigkeiten. Der naiv glückliche, weil unwissende Wilde ist eine Fantasie kulturkritischer Intellektueller.
Wissen die Menschen heute mehr als vor 50, 100 oder 1000 Jahren?
Freise: Das wird neuerdings in der Wissenshistorie stark relativiert. Wenn man Wissen als kollektiven Erfahrungsspeicher definiert, dann können heute ungleich mehr Menschen daran teilhaben als früher, wo es vielleicht nur Hohepriester konnten. Aber: Der technisch bestausgestattete Mensch des Informationszeitalters neigt zur Hybris gegenüber Menschen aus Jungsteinzeit oder Spätmittelalter. Dabei bedenkt er nicht, dass viele oral überlieferte Erfahrungen wie etwa Rezepturen mittelalterlicher Farben verloren gegangen sind. Vor 1000 Jahren gab es durchaus spezialisiertes Handlungswissen, etwa zur Statik beim Bau von Kathedralen oder über Naturheilmittel. Das wird gerade erst wieder entdeckt oder ist für immer verloren.
Es heißt, dass Wissen zu einer unverzichtbaren Voraussetzung für Fortschritt und Wohlstand wird? Sehen Sie das genauso?
Freise: Mit Einschränkungen ja. Wissen war zu allen Zeiten Voraussetzung für Sprünge in der Lebensqualität. Im 11. Jahrhundert brachten pfiffige Leute am Pflug ein so genanntes Streichbrett an, das die Scholle nicht in die Furche zurückfallen ließ. Das war eine kleine, aber ungemein wirksame Erfindung. Sie brachte eine dramatische Verbesserung der Erträge, woraufhin sich bis zum 12. Jahrhundert die Bevölkerung in West- und Mitteleuropa verdoppelt hat und deutlich besser ernährt war. Andererseits haben mechanisierte Verfahren im 19. Jahrhundert – man denke nur an den Webstuhl – zu einer Verelendung breiter Bevölkerungsschichten geführt. Leben wir schon in der Wissensgesellschaft?
Freise: Ja, im weiteren Sinne unbedingt. Die Summe des vorhandenen Wissens ergibt, so rudimentär der Wissensstand bei jedem Einzelnen auch sein mag, ein ad-hoc gebildetes Sammelsurium – ein enormes Weltwissen, das aber vergänglich ist und sich schnell verändert. Das kann man Woche für Woche mit immer größeren Augen beobachten, etwa in den vielen Chatforen. Bei mehreren Besuchen habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass dort die selbst ernannte Redeelite dominiert, nicht die wahren Denker.
Wie können wir uns in einer Wissensgesellschaft behaupten?
Freise: Die Pisa-Studie hat uns Deutschen den Spiegel vorgehalten, wie wenig sich vor allem die jüngere Generation behaupten kann. Das hängt mit der zunehmenden Undurchsichtigkeit zusammen, wie man Wissen scheffelt und dabei vielleicht doch nur totes Kapital anhäuft. Die Unsicherheit führt dazu, dass man Basiskulturtechniken wie Spracherwerb, logisches Denken und verständliche Darstellungsformen wieder einzufordern beginnt. Mein Vorschlag: Mehr Denk- und Wissensspiele. Sie helfen, die Komplexität der überinformierten Welt zu bewältigen. Das Quiz ist das Billet zum Einstieg in eine informierte Welt. Und wir müssen die Lust am Lernen aktivieren und die Kunst des Vergessens: Ständig muss jeder für sich entscheiden, was er an Wissen braucht und was nicht.
Was müsste an Schulen und Universitäten passieren, damit wir fit für die Wissensgesellschaft werden?
Freise: Alle reden von soft skills, aber keiner weiß so recht, wie sie vermittelt werden sollen. Von angelsächsischen oder skandinavischen Ländern können wir lernen, das eigene Fach Nicht-Fachleuten verständlich zu machen. Lehrveranstaltungen sollten fachübergreifend sein. Geschichte der Naturwissenschaften sollte etwa ein Historiker mit einem Mathematiker anbieten. Beide Lehrenden müssen sich dann dem anderen verständlich machen. Die Naturwissenschaften sind da schon etwas weiter als die Geisteswissenschaften. Ein Indiz dafür: Zeitschriften, die Naturwissenschaft populär darbieten, haben zweistellige Zuwachsraten.
Das Interview führte Norbert Aschenbrenner