Google ist heute der Quasi-Standard bei den Suchmaschinen im Internet. Pictures of the Future fragte Craig Silverstein (31), Director of Technology bei Google, danach, wie der Marktführer die Zukunft des intelligenten Suchens im Internet einschätzt. Silverstein ist Informatiker und war der erste Angestellte von Google.
Google findet oft die sprichwörtliche Nadel im unstrukturierten Heuhaufen des Internets. Wie wird sich das Netz in den nächsten Jahrzehnten entwickeln?
Silverstein: Die größte Veränderung wird quantitativ sein: Es wird sehr viel mehr Information online sein. Der wirkliche Unterschied aber wird ein qualitativer sein: Wenn alles, was man wissen will, im Netz zu finden ist nicht nur das Fernsehprogramm oder die Symptome eines Herzinfarkts, sondern auch, wie die Waren im Supermarkt um die Ecke einsortiert sind oder wo das beste China-Restaurant im Umkreis von zehn Minuten ist dann ändert sich die Art und Weise entscheidend, wie man Informationen findet und nutzt. Dies gilt vor allem dann, wenn all diese Informationen auch unterwegs abrufbar sind ob im Auto oder per Handy, also genau dann, wenn man sie braucht.
Wie viele Webseiten haben Googles Suchroboter derzeit indiziert?
Silverstein: Wir haben mit 4,3 Milliarden indizierten Webseiten den weltweit größten Index, der sicher noch weiter wachsen wird. Eine der wichtigsten Herausforderungen ist es, unseren Nutzern künftig immer mehr Informationsquellen zu erschließen. Dazu gehören neben den Webseiten auch gedruckte Kataloge, Newsgroups und Nachrichten.
Worin unterscheidet sich Google von anderen Suchmaschinen?
Silverstein: Der größte Unterschied liegt in unserer Technik. Wir haben eine skalierbare Architektur geschaffen, um Unmengen an Webseiten, Newsgruppen, Bildern oder Einkaufsinformationen zu durchsuchen und die relevantesten Ergebnisse schnell und einfach darzustellen und das im großen Maßstab: Wir wickeln jeden Tag etwa 200 Millionen Abfragen ab.
Eine der Besonderheiten von Google ist das Ranking nach Popularität. Favorisiert das nicht ein gewisses durchschnittliches Suchverhalten?
Silverstein: Unser Ranking System achtet nicht einfach auf bloße Popularität, sondern auch auf Reputation. Das heißt, wenn ich von meiner Homepage auf eine Website verweise und sage: "Das ist die beste aller Webseiten", berührt Google das wenig es sein denn, ich kann andere Webmaster von meinem Urteil überzeugen und sie legen ebenfalls Links auf diese Seite. So bekommt Google statt Durchschnittswerten Webseiten, die so gut sind, dass Webmaster auf der ganzen Welt bereit sind, ihren Ruf dafür einzusetzen.
Mit dieser Technik allein wird Google aber wohl kaum für die Zukunft gerüstet sein. Ein großes Problem vieler Nutzer ist, dass sie nicht finden, was sie suchen. Das wird sich eher noch verschärfen. Wie begegnen Sie dem?
Silverstein: Je nachdem, was der Nutzer ins Suchfeld eingetragen hat, sind die Ergebnisse schon recht gut auf das zugeschnitten, was er braucht. Meiner Erfahrung nach ist eine möglichst exakte Anfrage alles, was eine Suchmaschine wie Google braucht, um das zu liefern, was der Nutzer haben möchte.
Das bedeutet aber, dass der Nutzer versiert genug sein muss, die richtigen Fragen zu stellen, wenn die Maschine ihm nicht dabei hilft. Wird man da nichts ändern können?
Silverstein: Doch. Deshalb wollen wir die Suchmaschine so schlau machen, dass sie dem Nutzer auch dann das gewünschte Ergebnis liefert, wenn er seine Fragen nicht genau formulieren kann. Wir werden aber nie so gut sein, wie ein Mensch, der aufgrund seiner Erfahrung vermuten kann, wonach ein anderer sucht. Aber wir hoffen, dass wir es in Zukunft besser können als heute.
Werden intelligente Suchprogramme wie Software-Agenten helfen können?
Silverstein: In den nächsten 10 bis 20 Jahren noch nicht sehr, fürchte ich. Bis Maschinen eine Art von Intelligenz entwickeln, die der unseren ähnelt, wird es noch lange dauern. Aber glücklicherweise müssen Maschinen gar nicht intelligent sein sie müssen nur so tun können als ob. Der Zugang zu vielen Informationen, kombiniert mit einer einfachen Methode, Entscheidungen zu treffen, kann in vielen Fällen genauso hilfreich sein. Am besten ist natürlich eine kluge Kombination aus beidem: Ein geschulter Bibliothekar mit Zugang zu einer guten Suchmaschine ist das hilfreichste Werkzeug überhaupt.
Wo sehen Sie die Grenzen einer technischen Suche? Wie intelligent kann sie sein?
Silverstein: Irgendwann einmal bestimmt sehr intelligent. Warum sollen Computer nicht ebenso logisch denken wie wir Menschen? Aber das ist ein sehr schwieriges Problem. Ich glaube, das dauert noch Jahrhunderte auch wenn andere da sicherlich optimistischer sein mögen als ich.
Um die Suche effektiver und effizienter zu machen, propagieren Netz-Pioniere wie Tim Berners-Lee eine Strukturierung der angebotenen Informationen durch Meta-Informationen, das so genannte Semantische Web (siehe Pictures of the Future, Herbst 2002, Das Netz denkt mit Anm. d. Red.). Was halten Sie davon?
Silverstein: Das Ziel einer Suche ist, das zu liefern, was der Nutzer sucht, und das, was er nicht will, auszublenden. Eine Strukturierung kann da nützlich sein. Aber Struktur kann auch Ausschluss bedeuten, also dass ein Nutzer viel versprechende Verbindungen verpasst. Je nachdem, wie viele Fehler bei der Einrichtung der Struktur aufgetreten sind, kann eine Information auch versehentlich verloren gehen. So gibt es in allen großen Bibliotheken einige Bücher, die falsch einsortiert wurden und daher praktisch für immer verloren sind. Ich glaube, diejenigen, die an einer Struktur fürs Internet arbeiten, sind sich dieser Gefahren bewusst. Eine Struktur kann sehr nützlich sein, weil sie von intelligenten Menschen und nicht von dummen Maschinen entworfen wurde. Aber es ist gefährlich, sie als alleiniges Hilfsmittel zu benutzen.
Glauben Sie denn, dass das Internet irgendwann ein strukturierter Wissenspool sein wird?
Silverstein: Einige Teile des Webs werden strukturiert sein, aber ich bezweifle, dass es das ganze Netz sein wird. Die Datenmenge ist so groß und unbeherrschbar. Es wäre eine Herkulesaufgabe, alles zu strukturieren. Ich denke, das würde mindestens 10 oder 20 Jahre dauern falls es überhaupt je soweit käme.
Ein anderer Aspekt, der offenbar immer wichtiger wird, ist das Geldverdienen im Internet. Vor allem Inhalte-Anbieter setzen mehr und mehr auf kostenpflichtige Angebote. Wie wird Google mit einem Internet umgehen, in dem der Nutzer zahlen muss?
Silverstein: Das Netz ist groß genug, sowohl für kostenpflichtige wie für kostenlose Inhalte. Ich glaube, beides wird auch in ferner Zukunft nebeneinander existieren. Wir hören schon seit etlichen Jahren Bedenken, dass wir wegen der Werbung den WebInhalten nicht mehr trauen könnten, und dass die Inhalte von Webseiten schlechter würden. Das ist bislang nicht eingetreten, und ich glaube auch nicht, dass es künftig passieren wird.
Wird Google irgendwann selbst eine kostenpflichtige Suche anbieten?
Silverstein: Das Ziel von Google ist, das ganze Wissen der Welt verfügbar zu machen, und wir haben keine vorgefasste Meinung, wie das am besten zu tun ist. Zweifel- los gibt es verschiedene Konzepte für verschiedene Arten von Informationen. Das Google Answers Program (answers.google. com) hat schon jetzt einen kostenpflichtigen Bestandteil: Nutzer zahlen dafür, dass Forscher ihnen detaillierte Antworten auf ihre Fragen geben. Das sind oft sehr komplizierte Fragen, deshalb sind die Nutzer gern bereit, für diesen Dienst zu zahlen.
Den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page ging es anfangs nicht ums Geldverdienen. Google gilt als kreatives Chaos. Wie lange kann man ein Unternehmen noch so führen?
Silverstein: Als wir anfingen und die Leute uns fragten, wie wir Geld verdienen wollen, sagten wir: Das Wichtigste ist, einen Service anzubieten, den die Leute gerne nutzen. Wenn wir erst die Nutzer haben, dann kommt auch das Geld. Genau das ist passiert. Wenn unsere jetzt 1.000 Mitarbeiter nach diesen Regeln handeln, mag es zwar oft chaotisch hergehen, aber am Ende wird etwas Wertvolles und Nützliches herauskommen. Ich glaube daran, dass es die Menschen voranbringt, wenn Informationen breit verfügbar und leicht zugänglich sind. Ob es nun darum geht, die beste Digitalkamera oder eine Selbsthilfegruppe für eine seltene Krankheit zu finden, Suchmaschinen haben einen großen Einfluss auf das Leben von Menschen. Ich bin wirklich dankbar, dass ich zumindest einen kleinen Teil dazu beitragen konnte.
Das Interview führte Werner Pluta