Lassen Sie uns Peking begrüßen. Einen schönen Nachmittag, Peking!" Die Antwort kommt prompt: "Hallo nach Zürich." "Können wir jetzt nach Warschau schalten? Hier muss ich wohl eher guten Morgen sagen", schmunzelt Dr. Rolf Pfeifer mit Blick auf die Uhr, deren Zeiger auf 9:15 h stehen.
Der Leiter des Instituts für Künstliche Intelligenz an der Universität Zürich und Gastprofessor der Uni Tokio hat im vergangenen Wintersemester Vorlesungen der besonderen Art abgehalten: Pfeifer war aus Zürich per Videokonferenz mit Peking und Warschau sowie mit München und Tokio verbunden. Seine englischsprachige Präsentation wurde in den Hörsälen an die Leinwand projiziert, und die Studenten konnten jederzeit Rückfragen stellen. Genau genommen konnte sich sogar jeder auf die Webseite www.tokyolectures.org einklinken und die Vorlesung live erleben. Wer sie verpasst hat, lädt sich einfach ein Video herunter. Zusätzlich sind auch Dias, Übungsaufgaben, Literatur und Links hinterlegt. Die Organisatoren bezeichnen ihre Serie als "experimentellen globalen Unterricht".
Tatsächlich sind derartige Live-Online-Vorlesungen ein Vorgeschmack darauf, wie wir künftig lernen werden: interaktiv, multimedial, unabhängig von Ort und Zeit. Nicht nur fürs Studium favorisieren Experten diese Art der Wissensaneignung. Auch der Berufstätige kommt daran nicht vorbei. Der Mitarbeiter von heute muss laufend Informationen organisieren, bewerten, selektieren und darauf aufbauend neues Wissen erarbeiten. Er muss sich auf lebenslanges Lernen einstellen.
Training am Computer und im Internet sowie virtuelle Klassenzimmer sind künftig ein wichtiger Teil des lebenslangen Lernens
"Dazu braucht er fachliche und methodische Kompetenzen sowie Kreativität und selbstständiges Problemlösen", sagt Heinz Mandl, Lehrstuhlinhaber am Institut für Pädagogische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Damit die Menschen dafür gerüstet sind, propagiert der Forscher das "konstruktivistische Lehr- und Lernmodell": Der Lernende erwirbt aktiv sein Wissen aus einer problemorientierten Umgebung heraus. Das bedeutet, die zu lösenden Aufgaben müssen realitätsnah sein. "Das Wissen, dass er sich so aneignet, ist nicht mehr das Abbild des Dozenten, sondern von Vorkenntnissen und eigenen Erfahrungen geprägt", betont Mandl.
Computer als Lernpartner. Zum guten alten Buch kommen neue Lehrmedien wie "computer based training" (CBT) oder "web based training" (WBT), also Lerneinheiten auf CD-ROM oder im Netz; Unterweisungen per Videokonferenz (Teleteaching) gehören auch dazu. Solche E-Learning-Einheiten ersparen dem Lernenden lange Anfahrten zum Schulungsort und er kann sich ortsunabhängig den Inhalten widmen. Trotzdem bleibt auch der klassische Unterricht erhalten. "Künftig wird das so genannte blended-learning stärker eingesetzt, eine Mischung aus Präsenz und e-Learning", sagt Mandl. Der Vorteil der Präsenzphasen liegt darin, dass die Teilnehmer von einem Fachmann angeleitet werden, sich persönlich kennen lernen und Arbeitsgruppen bilden. Letzteres fördert Teamarbeit und Erfahrungsaustausch. Zudem begleiten sie Teletutoren während der virtuellen Phase. Auf diese Weise steht ihnen jederzeit ein Ansprechpartner zur Verfügung.
Auch bei Siemens Professional Education (SPE) gehen die Verantwortlichen diesen Weg. Sie haben für Abiturienten, die nicht studieren, sondern einen IT-Beruf ergreifen möchten, eine neue Ausbildung geschaffen: Bei Siemens Live Learning die ersten Module beginnen im Herbst 2004 wird die theoretische und praktische Ausbildung direkt in den Siemens-Ausbildungszentren vermittelt. Die Betriebe führen die Azubis in die Abläufe am Arbeitsplatz ein und konzentrieren sich auf deren Einsatz vor Ort. Bei einer normalen, dreijährigen Berufsausbildung besuchen die jungen Leute hingegen 38 Wochen lang die Berufsschule, fehlen also im Betrieb. Siemens hat den Theorieteil gesplittet und den Präsenzunterricht auf 18 Wochen verkürzt. Das heißt, der Nachwuchs verbringt die andere Zeit am Arbeitsplatzcomputer und folgt den Ausführungen des Ausbilders im Web.
Virtuelle Klassenzimmer bei Siemens. "Unser Konzept sieht virtuelle Klassenzimmer vor, das heißt, die jungen Leute nehmen in ihrem eigenen Betrieb übers Internet am theoretischen Unterricht teil. Dafür genügen PC und ISDN-Anschluss", meint Uwe Regitz, SPE-Leiter der Region Nordbayern. Darüber hinaus bietet SPE auch BWL-Kurse, Module für Teamtraining, Präsentationstechniken oder Projektmanagement. "Wir möchten die Abiturienten bereits während der Ausbildung auf Führungsaufgaben vorbereiten", sagt Regitz. So können sie auch nach Ausbildungsabschluss und einer zweijährigen Praxisphase ein berufsbegleitendes Studium absolvieren und mit dem Bachelor abschließen.
Die modernen Techniken eröffnen auch Siemens-Mitarbeitern, die im Beruf stehen und nur mit großem Aufwand an einer Weiterbildung teilnehmen können, neue Chancen "etwa das Lernen während des Arbeitsprozesses", erklärt Karsten Ehms. Dem Psychologen vom Corporate-Technology-Fachzentrum für Knowledge Management & Business Transformation schwebt vor, dass der Angestellte alle Informationen am Arbeitsplatz findet, die er braucht, um mit seiner Aufgabe voranzukommen. Ehms verweist auf SieMap. Dieses redaktionell gepflegte Siemens-Intranetportal enthält bereits Links auf Dokumente, eine Suchfunktion und Glossare. Es böte noch viel Potenzial, sagt Ehms. "Man könnte den Service sukzessive ausbauen und Inhalte von Lernanbietern hinzufügen: etwa zu Projektmanagement oder -steuerung". Die Lerndauer könne zwischen zwei, 15 oder 60 Minuten variieren. Die Entscheidung darüber müsste der Interessent treffen. Hat er das Gefühl, die zwei Minuten haben ihm geholfen, kehrt er zu seiner Aufgabe zurück. Wenn nicht, schaut er einfach in den nächsten Lernblock hinein.
Noch nutzerfreundlicher wäre es, wenn sich ein Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchten ließe, etwa nach Gliederungskriterien wie Geschäftsprozesse, Produkte oder Organisation. Zudem könnten auch Verknüpfungen zu CBT hinterlegt sein sowie Hinweise auf weiterführende Kurse. Momentan fehlen dafür aber noch die erforderlichen Strukturen: "Wir müssen vor allem die Frage klären, wie sich die Informationsebenen strukturieren, verknüpfen und transparent darstellen lassen", führt der CT-Fachmann aus.
Tagebücher im Intranet. Einen weiteren Trend sieht Ehms in der Nutzung von Weblogs. Das sind persönliche Internetseiten, die eine Liste kommentierter Links oder chronologische Berichte über Erlebtes enthalten. Die Inhalte werden über eine simple Benutzeroberfläche eingegeben. Die Fachleute untersuchen, inwieweit diese Netz-Tagebücher einen Mehrwert für Siemens bieten könnten. So könnte etwa ein Mitarbeiter bei Abschluss seines Projekts eine Zusammenfassung schreiben und diese als Weblog ins Intranet stellen. Stößt ein anderer Kollege bei seinen Recherchen darauf, kann er sie kommentieren. Sind beide online, könnten sie auch miteinander in Kontakt treten und weitere Informationen austauschen (siehe Communities).
Bei aller Technik sollte jedoch nicht die menschliche Seite vergessen werden. Denn von den "Wissensarbeitern" wird erwartet, dass sie selbstorganisiert lernen und sich selbst motivieren. Sie müssen jedoch erst dazu befähigt werden und dürfen dabei nicht allein gelassen werden. Fazit von Ehms: "Ideal wäre es, wenn den Mitarbeitern ein Lernberater im Unternehmen zur Verfügung stünde, der sie fachlich unterstützt und mit ihnen bespricht, welches Modul sinnvoll für sie ist."
Evdoxia Tsakiridou