Wer mit einem Handy ab und zu im mobilen Internet unterwegs ist, kennt die langen Ladezeiten. Eine Suche zieht sich über Minuten hin, weil der Nutzer bei der Navigation durch ein Portal zahlreiche Links verfolgen oder eine Webadresse mühsam eintippen muss. Es geht auch viel schneller: Das französische Start-up-Unternehmen MotionBridge hat eine Suchfunktion entwickelt, die mit wenigen Klicks zum Ziel gelangt und sehr einfach zu bedienen ist. "Mit unserer intuitiven Eingabe, die sogar eine automatische Korrekturfunktion für Tippfehler hat, sind die Nutzer 50 bis 70 % schneller auf der gewünschten Seite als mit der herkömmlichen Suche", sagt Emmanuel Marot, einer der drei Gründer. Das Pariser Unternehmen ist eine Art Google des mobilen Web geworden. Die Suchfunktion nutzen die führenden Mobilfunkbetreiber Europas, darunter T-Mobile in Deutschland, Großbritannien und Österreich, Orange in Frankreich und O2 in Großbritannien. Zusammen haben sie rund 75 Millionen Kunden.
Aus "Weter" wird "Wetter". "Für die Navigation verwenden wir Schlüsselbegriffe wie Wetter oder Sport", erklärt Marot. "Unsere Suchfunktion Classic umgeht damit die hierarchischen Strukturen der Portale." Wer über eine herkömmliche Navigation den Wetterbericht für eine bestimmte Region abfragen will, muss sich über mehrere Stufen bis zur eigentlichen Vorhersage durchklicken. MotionBridge leitet den Nutzer nach der Eingabe von "Wetter" sofort auf die richtige Seite weiter. Wer "Weter" oder "Wett" eingibt, ist auch nicht verloren: Das System erkennt die Eingabe dennoch und fragt, ob Wetter gemeint war. Dabei ist es unerheblich, ob sich das Suchergebnis im Portal des Mobilfunkbetreibers befindet oder im gesamten mobilen Web. Es spielt auch keine Rolle, welcher Standard zugrunde liegt, ob WAP, i-mode oder UMTS. Die Eingabe von Lufthansa oder Siemens führt direkt zu den Unternehmen; Amazon oder eBay auf die Seiten der Online-Händler. Die Eingabe ist auch numerisch möglich: Statt "Sport" tippt der Nutzer die betreffende Taste nur einmal, also 7S7P6O7R8T, was die Bedienung der kleinen Handy-Tastaturen erleichtert. Andere Suchmaschinen haben diese Eingabemöglichkeit, wie sie für das Schreiben von Kurzmitteilungen üblich ist, nicht implementiert.
Suche zunächst offline. Noch rascher geht es mit MotionBridge Wizard. Das Programm installiert auf dem Handy eine vordefinierte Liste von Stichworten, die wie die Einträge im Telefonbuch ausgewählt werden können. Nach der Eingabe eines "w" taucht sofort "Wetter" auf, mit einem weiteren Klick ist der Nutzer auf der betreffenden Seite. Der Vorteil: Der Wizard nimmt die erste Stufe der Suche offline vor, was die Ladezeit bis zur Zielseite weiter verkürzt. Falls das Stichwort nicht in der Liste ist, startet die Classic-Suche. Derzeit sammeln Kunden von Orange in Frankreich erste Erfahrungen mit dem Wizard, weitere europäische Mobilfunkbetreiber haben Interesse angemeldet. Wizard läuft derzeit nur auf Mobiltelefonen mit dem Betriebssystem Symbian, soll aber in Kürze auch auf Java-fähigen Handys und verschiedenen Smartphones funktionieren.
Die Telekommunikationsunternehmen versprechen sich künftige Einnahmen neben dem Telefonieren vor allem vom mobilen Internet. Mit einer intelligenten Suchmaschine wie MotionBridge haben die Anbieter ein Zugpferd, das Kunden ins Handy-Web locken kann. "Untersuchungen haben ergeben, dass der Datenverkehr mit MotionBridge um 50 % steigt", berichtet Ulrich Bolze, der beim Risikokapitalgeber Siemens Mobile Acceleration (SMAC) für die Betreuung des Investments MotionBridge zuständig ist. "Die reinen Suchanfragen haben sich sogar verdreifacht. Es scheint, dass viele Nutzer einfach zum Spaß auf die Suche gehen." Bei Standards wie GPRS und UMTS, die nicht über Minutengebühren sondern über den Datenverkehr abgerechnet werden, lohnt sich das für die Anbieter. Diese verdienen auch an den Zusatzdiensten, wie Klingeltöne, die über MotioBridge aufgerufen und heruntergeladen werden.
Intelligente Suchmaschine: Nach der Eingabe eines Stichworts leitet MotionBridge den Nutzer automatisch auf die gewünschte Seite im mobilen Internet weiter
Statistik erfasst Suchbegriffe. MotionBridge bietet den Netzbetreibern weitere Möglichkeiten, ihre Angebote zu optimieren und damit den Umsatz zu steigern. Im Hintergrund der Software läuft ein umfangreiches Statistik-Programm, mit dem beispielsweise die 20 häufigsten Suchbegriffe erfasst werden können. Anbieter können diese Begriffe an prominenter Stelle platzieren und so die Zugriffe erhöhen. Untersuchungen haben ergeben, dass 20 % der Services rund 80 % des Datenverkehrs auf sich ziehen. Je schneller die Nutzer auf diese populären Seiten zugreifen können, umso öfter werden sie wiederkommen. Demnächst will MotionBridge auch eine Bündelung der Suchergebnisse anbieten. Gibt ein Nutzer etwa "Beckham" ein, bekommt er nicht nur die neuesten News über das britische Fußballidol in Diensten von Real Madrid, zugleich erscheinen Links zu seiner Fan-Site und auf ein Mobiltelefon, das unter seinem Namen vermarktet wird.
Onlinehandel vereinfacht. Die Software entdeckt auch, welche Suchbegriffe häufig eingegeben werden, aber zu keinem Ergebnis führen. So fand ein Mobilfunkbetreiber heraus, dass ein häufig genutzter e-Mail-Provider im mobilen Netz nicht vertreten ist, dort aber von vielen potenziellen Kunden vermutet wird. Von einer WAP-Seite des e-Mail-Providers würden alle Seiten profitieren.
Auch das mobile Business, für das Marktforscher in den kommenden Jahren ein rasantes Wachstum erwarten, wird mit MotionBridge einfacher. "Wir entwickeln derzeit eine Java-Anwendung, die Produktlisten von Onlinehändlern auf ein Handy lädt", berichtet MotionBridge-Gründer Marot. Dann wären etwa die 100 meistverkauften CD oder DVD von Amazon offline verfügbar und könnten schnell durchsucht werden. Mit dem Server tritt das Handy erst wieder in Kontakt, wenn eine Bestellung erfolgt oder weitere Informationen abgerufen werden. "Der Anbieter kann die Listen ständig ändern, die erst dann synchronisiert werden, sobald der Nutzer online ist", sagt Marot.
MotionBridge ist an den Einnahmen der Telekommunikationsunternehmen an der Nutzungshäufigkeit des Suchdienstes beteiligt. Für jeden Klick im mobilen Web klingelt die Kasse. Die Gewinnschwelle soll 2004 überschritten werden. "Bei UMTS wird es noch wichtiger werden, die Navigation einfacher und schneller zu machen, weil noch mehr Inhalte verfügbar sein werden", sagt Marot. "Mit unseren Innovationen werden wir in der mobilen Kommunikation an der Spitze bleiben." Denkbar, dass es Motion-Bridge dereinst dem größeren Bruder im Internet gleichtut und wie Google an die Börse strebt.
Norbert Aschenbrenner