Blick durchs Fernglas auf eine Megacity im Maßstab 1:500, die sich rasanter wandelt, als die Stadtplaner das Modell anpassen können: Seit 1990 wurden in Shanghai Tausende von Hochhäusern neu gebaut – oft auf Gelände, das noch kurz zuvor aus sumpfigen Äckern bestand
Auch das Modell ist natürlich eines der größten der Welt, wie so vieles in dieser Stadt der Superlative: Auf mehr als 600 m² stehen im Ausstellungs- und Planungszentrum von Shanghai Tausende von Hochhäusern im Maßstab 1:500 dicht gedrängt nebeneinander – fein ausmodelliert diejenigen, die bereits errichtet wurden, als weiße Bauklötzchen die anderen, die sich noch in der Planungsphase befinden. Verkehrsverbindungen ziehen sich als Lichterketten durch die Häuserschluchten, abbruchreife Gebäude weichen großzügigen Parkanlagen, und ganze Stadtteile entstehen zuerst auf dem riesigen Tisch und wenig später auch in der Realität neu. Vor kurzem, so erklärt Qiu Xing Ao, der Direktor des Ausstellungszentrums, wurde im Modell an den Ufern des Flusses Huangpu das große Gelände für die Expo 2010 hinzugefügt, zu der Shanghais Stadtväter 70 Millionen Besucher erwarten. Und schon bald werden Qius Mitarbeiter wieder umbauen müssen, denn der Volkskongress debattiert in diesen Tagen im Januar 2004 gerade über die Stadtentwicklungsplanung der kommenden Jahre.
Bis 2020 will Shanghai 16 innerstädtische Bahnlinien mit 540 km Länge realisieren – heute sind es erst eine Stadtbahn- und zwei Metrostrecken –, um den stark zunehmenden Verkehr bewältigen zu können. Auf maximal 20 Millionen Menschen wird die Bevölkerung dann angewachsen sein, etwa fünf bis sechs Millionen mehr als heute – ein Dilemma, weil die Stadt einerseits talentierte junge Leute und ausländische Firmen anziehen will, andererseits aber den Kollaps fürchtet, der einer übermäßigen Zuwanderung folgen kann. Bis 2020 wird sich nach den Planungen die Zahl der Fahrzeuge in Shanghai auf 2,5 Millionen mindestens verdoppeln, weshalb die Bahnlinien knapp ein Viertel des öffentlichen Verkehrs aufnehmen sollen. Ansonsten droht der Dauerstau, denn bereits heute beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit der Fahrzeuge nur noch 12 km/h – trotz mehrstöckiger Stadtautobahnen und eines Straßennetzes, das in den 90er Jahren um 40 % erweitert wurde.
Das höchste Hotel der Welt. "Wer Shanghai vor 20 Jahren gesehen hat, wird es heute nicht wieder erkennen", sagt Qiu Xing Ao. Damals gab es kaum ein Gebäude über 18 Stockwerke, heute sind es 5000. Viele davon stehen im Stadtteil Pudong, der 1990 zur Wirtschaftssonderzone erklärt wurde und vorher nicht viel mehr als sumpfige Äcker und Bauernhäuser aufwies. Heute ragen hier unter anderem das Jin Mao Building mit dem höchsten Hotel der Welt – dem Grand Hyatt mit der Rezeption im 54. und der Bar im 87. Stockwerk – und gleich daneben in Kürze der 500 m hohe Mori Tower, das World Financial Center, in den Himmel. Fast noch beeindruckender aber ist das, was auf dem Bauklötzchen-Modell gar nicht zu sehen ist: In der weiteren Umgebung des Zentrums von Shanghai, aber noch auf dem Areal der 6 340 km² großen Stadt, werden in den nächsten Jahren nicht nur der weltweit größte Tiefsee-Containerhafen und eine 31 km lange Brücke entstehen, sondern es werden auch elf neue Satellitenstädte gebaut. Die architektonisch schönste, Luchao Harbor City, wurde vom Architektenbüro von Gerkan, Marg & Partner aus Hamburg entworfen und liegt gegenüber dem Tiefseehafen. Sie ist, um die blumige chinesische Ausdrucksweise zu wählen, aufgebaut "wie ein Tropfen, der ins Wasser fällt und konzentrische Kreise zieht": In der Mitte ein künstlicher See mit 2,5 km Durchmesser, um den sich Wohn- und Arbeitsviertel für eine halbe Million Menschen sowie Erholungszentren, Museen und Parks gruppieren.
Auf der anderen Seite Shanghais eine weitere neue Stadt ähnlicher Größenordnung: die "Automobile City" um das VW-Werk Anting, geplant vom Frankfurter Architektenbüro Albert Speer & Partner: Hier wurde in der Rekordzeit von 18 Monaten unter anderem eine Formel-1-Rennstrecke fertiggestellt, auf der bereits im September 2004 Michael Schumacher & Co. eines ihrer Weltmeisterschaftsrennen absolvieren werden. Angesichts solcher Trabantenstädte erwähnen Shanghais Stadtplaner andere Superlative fast nur noch am Rande: So soll der Flughafen Pudong bis 2010 das größte Drehkreuz für Passagiere und Fracht in China werden, und eine riesige "Medical Zone" mit den besten Krankenhäusern, Forschungs- und Fertigungseinrichtungen ist ebenfalls geplant.
Siemens inside. An fast all diesen Entwicklungen und der nötigen Infrastruktur ist auch Siemens in der ein oder anderen Weise beteiligt: etwa am Flughafen Pudong mit Gebäudeautomatisierungs- und Alarmeinrichtungen, Informationssystemen, Steuerungen für die Gepäckförderanlage oder Anlagen zur Energieversorgung. Oder in Wolkenkratzern wie dem Jin Mao Building, für das Siemens modernste Sicherheitssysteme installiert hat. Oder in Krankenhäusern wie dem Huadong Hospital, mit 800 Betten und vielen VIP-Kunden eine der führenden Kliniken, die nach den Worten ihres Direktors, Prof. Wang Chuan-Fu, seit 1972 beste Beziehungen zu Siemens unterhält: "Fast alle unsere Hightech-Geräte, ob Computer- oder Magnetresonanz-Tomograph oder Beschleuniger für die Nuklearmedizin sind von Siemens".
Eldorado für Stadtplaner und Architekten: eine Retortenstadt für mehrere Hunderttausend Bewohner: Harbor City (links und Mitte) sowie der weltgrößte Tiefsee-Containerhafen (rechts), der über eine 31 km lange Brücke mit dem Festland verbunden sein wird
Modernste Technologien in Shanghai: Handyfertigung bei SSMC (links) und das Kohlekraftwerk in Waigaoqiao (rechts) – dank Siemens-Technologie das effizienteste in China
Wie beim Transrapid ist Siemens auch bei vielen anderen Projekten oft der Vorreiter: so auch beim Mobilfunkstandard TD-SCDMA, den das Unternehmen zusammen mit der China Academy of Telecommunications Technology erarbeitet hat und der eine besonders gute Ausnutzung des Frequenzspektrums erlaubt. Aller Voraussicht nach wird dieser Standard von einem der Mobilfunkbetreiber in China für die künftigen Multimedia-Handys eingesetzt werden, ebenso wie der Standard W-CDMA (bzw. UMTS), für den Siemens in Shanghai gerade einen Testbetrieb durchführt. Pionierleistungen sind für Siemens in dieser Stadt in der Tat nichts Neues: Bereits 1879 sorgte das Unternehmen für die erste elektrische Beleuchtung des Hafens in Shanghai und installierte dabei sogar den ersten elektrischen Generator in ganz China. 1904 eröffnete Siemens sein erstes Büro in Shanghai. 2004 hat das Unternehmen nun 12 000 Mitarbeiter in der "Stadt über dem Meer", wie Shanghai übersetzt heißt – "hundert Jahre, die unser Engagement für diese faszinierende Megacity ebenso belegen wie unsere Bereitschaft zu einer langen und dauerhaften Partnerschaft", resümiert Peter Borger, Siemens-Chef in Shanghai, in seiner Bilanz zum 100-jährigen Jubiläum (siehe auch Interview).
Ulrich Eberl
Interview mit Zhang Ao
Prof. Zhang Ao (60) ist Vice Chairman der Science & Technology Commission von Shanghai und zuständig für die Ausarbeitung umfangreicher Zukunftsstudien für die Stadtentwicklung.
Welche Vision haben Sie für das Shanghai des Jahres 2020? Was ist die größte Herausforderung für die Stadtentwicklung?
Zhang Ao: Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass die Entwicklung so schnell voranschreitet, dass man kaum atmen kann. Aber die Ziele sind von der Stadtregierung klar festgelegt: Wir wollen auf Basis der fortschrittlichsten Technologien eine harmonische und nachhaltige Entwicklung erreichen, eine Stadt, in der Menschen gerne leben und arbeiten – ganz nach dem Motto, das wir der Expo 2010 gegeben haben: "Better city, better life". Wie gehen Sie bei der Ausarbeitung Ihrer Zukunftsstudien vor?
Zhang Ao: Das verläuft ähnlich, wie Siemens beim Verfahren der Pictures of the Future vorgeht, das wir bei einem Besuch in München kennengelernt haben. An unserem Picture of the Future Shanghai arbeiten viele Fachleute von Behörden, Universitäten, Instituten und Industriefirmen mit. Wir haben mehrere Arbeitsgruppen gebildet, unter anderem für Information und Kommunikation, neue Materialien, Medizintechnik und Gesundheitswesen sowie intelligente Verkehrssysteme. Ein weiteres Team gleicht die technologischen Entwicklungen mit den sozialen Bedürfnissen ab. Welche Fragen sind es, die Sie dabei besonders interessieren?
Zhang Ao: Vor allem, wie der technische Fortschritt die Lebensqualität verbessern kann. In der Energieversorgung geht es darum, wie man in 20 Jahren Shanghai auf sichere und ressourcenschonende Weise mit Energie versorgen kann. Beim Umweltschutz geht es um die grünen Lungen der Stadt, die Abwasseraufbereitung und die Abfallbehandlung. Bei den Verkehrssystemen darum, wie man trotz steigender Bevölkerung und zunehmender Motorisierung die Mobilität erhalten kann. Und insgesamt wollen wir mit dem Konzept der digitalen Stadt ein umfassendes Stadtmanagement erreichen. Was verstehen Sie unter "digitaler Stadt"?
Zhang Ao: Das sind Technologien der Information und Kommunikation, die den Menschen das Leben und Arbeiten so angenehm wie möglich machen – vom E-Government über die intelligenten Verkehrssysteme bis zur medizinischen Versorgung zu Hause. Gerade letzteres wird besonders wichtig, weil der Anteil der Personen über 60 Jahre auch in Shanghai deutlich zunimmt: Heute sind es zehn Prozent der Bevölkerung, 2020 werden es doppelt so viele sein. Eine besonders wichtige Frage ist also, wie man durch neue Technologien die älteren Menschen besser versorgen kann. Dazu gehört die medizinische Versorgung ebenso wie digitale automatisierte Haushaltsgeräte, die einfacher zu bedienen sind. Im übrigen kümmern wir uns natürlich auch um die Jugend – wobei uns vor allem wichtig ist, dass sie nicht nur eine gute Ausbildung bekommt und ihre Prüfungen gut besteht, sondern auch ihr Innovationspotenzial besser ausschöpft, neue Ideen entwickelt und ihre praktischen Fähigkeiten fördert. Wie könnten Firmen wie Siemens Shanghai unterstützen?
Zhang Ao: Wir sind sehr daran interessiert, von den vielfältigen und weltweiten Erfahrungen von Siemens zu lernen. Das reicht vom Austausch auf Fachebene bis zu einer möglichen Kooperation bei der Erstellung des Picture of the Future für Shanghai. Bis auf ganz wenige spezielle Felder ist Siemens so breit aufgestellt, dass wir in der Zusammenarbeit alle für Shanghai wichtigen Gebiete abdecken können. Ich bin überzeugt, dass sowohl Siemens wie Shanghai von einer dauerhaften und fruchtbaren Partnerschaft erheblich profitieren können.
Das Interview führte Ulrich Eberl