Interview mit Peter Borger
Peter Borger (62) ist als Executive Vice President von Siemens Ltd. China für Ostchina sowie für die Etablierung von One Siemens in China zuständig. Zuvor arbeitete er in einer Vielzahl von Ländern, darunter Brasilien, Griechenland, Nigeria und Indonesien, an der Errichtung von Kommunikationsnetzen und übernahm führende Positionen von Siemens-Gesellschaften auf den Philippinen und in Indien. Von 1998 bis 2003 leitete er Siemens Shanghai Mobile Communications Ltd. (SSMC). Für seine Verdienste um die wirtschaftliche Entwicklung von Shanghai erhielt er nicht nur den Magnolienpreis der Stadt, sondern im Jahr 2002 auch die Ehrenbürgerwürde eine der höchsten Auszeichnungen, die Shanghai zu vergeben hat
Wird das 21. Jahrhundert wie oft vorhergesagt das Chinesische Jahrhundert?
Borger: Das ist es bereits, zumindest was die Wachtumsraten betrifft. Ich war in meinem Berufsleben in elf verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten tätig und bin überzeugt, dass die Entwicklung in China dieses Jahrhundert prägen wird. Die Megacity des 21. Jahrhunderts wird Shanghai sein, so wie New York die Stadt des 20. Jahrhunderts war. Das sage ich nicht nur, weil ich hier seit sechs Jahren lebe und arbeite, sondern weil es das ist, was ich jeden Tag sehe. China ist ein mit aller Kraft nach vorne drängendes Land, und Shanghai ist die ehrgeizigste Stadt Chinas.
Wie macht sich das bemerkbar?
Borger: Wo sonst entstehen innerhalb eines Stadtareals gleich mehrere Satellitenstädte völlig neu: mit Hunderttausenden von Einwohnern? Wo sonst wurden innerhalb weniger Jahre 20 Millionen Bäume gepflanzt und Tausende von Hochhäusern gebaut? Auch wenn der Drang nach dem Höchsten, Größ-ten, Besten nicht immer sinnvoll sein mag, die Entwicklung in Shanghai ist atemberaubend, die Entscheidungsprozesse sind kurz und schnell, und die Gehälter sind die höchsten in China, was viele junge Talente anzieht.
... was sicherlich mit ein Grund für die Zukunftsbegeisterung Shanghais ist?
Borger: Völlig richtig. Nur ein Beispiel: Das Durchschnittsalter der 3 000 Angestellten der SSMC ist 28 Jahre, und 70 % davon haben an Universitäten studiert. Dennoch versucht fast jeder, in Wochenend- oder Abendseminaren noch einen MBA als zweiten Abschluss zu machen. Zum ersten Mal haben Chinesen die Möglichkeit, in ihrem eigenen Land als Unternehmer tätig zu sein, und viele wollen diese Chance nutzen. Geld verdienen und Konsumorientierung haben einen sehr hohen Stellenwert bekommen, und da sich das Leben der meisten Menschen spürbar verbessert, werden sie diesen Weg weitergehen zumal gut verdienende Kinder das beste soziale Netz für ihre Eltern sind.
Doch ohne Hürden ist dieser Weg nicht ...
Borger: In Shanghai blieb vor allem der öffentliche Personenverkehr auf der Strecke. Bei mindestens 150 000 neu hinzukommenden Autos pro Jahr reichen zwei Metrolinien als Entlastung nicht aus: Nun sollen in den nächsten fünf Jahren elf neue Linien mit 430 km Länge gebaut werden. Gleichermaßen wichtig ist auch, den Druck vom Stadtzentrum zu nehmen: Die Satellitenstädte, in denen Menschen nicht nur arbeiten, sondern auch leben werden, sind sicher der richtige Ansatz. Auch für den Umweltschutz und eine sichere Stromversorgung tut Shanghai viel, und die Telekommunikations-Infrastruktur ist eine der modernsten der Welt: Zehn Millionen Menschen in Shanghai haben bereits ein Handy.
Die Gefahr, dass der Shanghai-Hype platzen könnte wie einst die Internetblase, sehen Sie nicht?
Borger: Die Stadtplanung ist sehr durchdacht, und in der Regel setzen die Verantwortlichen sie auch konsequent um. Eine Gefahr für China als Ganzes sind die faulen Kredite des Finanzsektors, etwa für Staatsunternehmen. Aber diese Probleme sind erkannt und werden offen diskutiert und angegangen, etwa mit einer Auffanggesellschaft und dem Verkauf von Anteilen an Privatinvestoren. China zieht immer noch 70 bis 80 % aller Auslandsinvestitionen in Asien auf sich im letzten Jahr waren es über 53 Milliarden Dollar. Ich bin daher sehr optimistisch für die weitere Entwicklung. Wir als Siemens bieten übrigens bei unseren Projekten über Siemens Financial Services auch Finanzierungslösungen an.
Wie wichtig ist Shanghai für Siemens?
Borger: Unser Marktanteil ist hier höher als in jeder anderen Stadt Chinas. Wir haben 16 Joint-ventures in und um Shanghai und insgesamt 12 000 Mitarbeiter mehr als die Hälfte unserer Mitarbeiterzahl in China. Unsere größte und modernste Fabrik für Handyfertigung außerhalb Deutschlands ist SSMC in Shanghai. Wir sind an vielen Stadtprojekten beteiligt, von der U-Bahn über Krankenhäuser bis zu Wolkenkratzern und Kraftwerken. Unser Vorstandsvorsitzender Dr. v. Pierer ist im internationalen Beraterkomitee des Bürgermeisters kurz: Shanghai ist neben Peking eine unserer Hochburgen in China.
Ähnlich wie in den USA will Siemens auch in China verstärkt als One Siemens auftreten also bereichsübergreifende Gesamtlösungen anbieten. Auf welchen Gebieten sehen Sie hier die Märkte?
Borger: Wir haben sechs so genannte Cluster definiert: Häfen, Flughäfen, medizinische Zentren, hohe Gebäude, Petrochemie und die Infrastruktur für Autofabriken. Fast alles davon gibt es auch in Shanghai, weshalb wir hier anhand von Pilotprojekten unsere Leistungsfähigkeit besonders gut demonstrieren können. Allein im Jahr 2004 werden in China 22 neue Krankenhäuser gebaut, davon vier in Shanghai. Siemens bietet auf all diesen Gebieten strategische Partnerschaften an.
Welche Vorteile hat dies für die Kunden?
Borger: Wir verstehen deren Geschäftsprozesse also wie ein Krankenhaus oder ein Flughafen betrieben werden und bieten umfassende Lösungen an. Dazu kommt, dass ein normaler Lieferant nur bereits existierende Produkte offerieren kann, aber wenn man einem Partner wie Siemens vertraut, kann man auch auf Technologien setzen, die derzeit erst erprobt werden. Der Vorteil: Etwas, das oft 20 oder 30 Jahre halten muss, ist nicht schon von Beginn an veraltet, sondern mit den neuesten Technologien ausgestattet. Das erfordert natürlich großes gegenseitiges Vertrauen. Aber aufgrund unseres langjährigen Engagements in und für Shanghai wird uns dieses Vertrauen entgegengebracht. Das ist ein großer Wettbewerbsvorteil für uns.
Das Interview führte Ulrich Eberl