Interview mit William J. Mitchell
William J. Mitchell ist Professor für Architektur und Medienwissenschaften am Massachusetts Institute of Technology in Boston, USA. Der ehemalige Dekan der School of Architecture & Planning ist Autor zahlreicher Bücher, darunter "Me++: The Cyborg Self and the Networked City" und "City of Bits. Leben in der Stadt des 21. Jahrhunderts"
Wie verändern Informations- und Kommunikationstechniken die Städte?
Mitchell: Städte und Gebäude entwickeln elektronische Nervensysteme. Einst waren Häuser sozusagen nur Gerippe mit einer schützenden Hülle. Dann wurden mechanische Systeme installiert: Wasser- und Stromversorgung, Klimaanlagen und Aufzüge. Vor einigen Jahrzehnten begann schließlich die dritte Phase: die Computerrevolution. Heute ist die Intelligenz überall. Gebäude und ganze Städte entwickeln sich zu Organismen, die wissen, was in ihnen und um sie herum passiert, und die intelligent darauf reagieren.
Wie werden diese elektronischen Nervensysteme eingesetzt?
Mitchell: In der Vorlesung nutzen meine Studenten ihre kabellosen Notebooks, um sich gegenseitig Nachrichten zu schicken. Oder jemand sucht gleich bei "Google" nach relevanten Informationen. Kurz: Dank der elektronischen Verbindungen funktionieren Unterrichtsräume heute anders als noch vor wenigen Jahren. Auch die Büros verändern sich: Künftig wird es weniger konventionelle Arbeitsplätze mit Desktop-Computer und Telefon geben. Stattdessen wird die Nachfrage nach flexiblen Arbeitsplätzen zunehmen, wo man sich mit dem Laptop niederlassen kann.
Werden dank Internet auch virtuelle Stadtregierungen entstehen?
Mitchell: Das E-Government, also die Digitalisierung von Regierungsdiensten, kann von enormem wirtschaftlichen Nutzen sein, und wir bewegen uns zweifelsohne in diese Richtung. Beispielsweise kann man in den USA online seinen Führerschein erneuern. Sogar online wählen ist heute möglich, obwohl ich zugeben muss, dass dies sehr umstritten ist.
Wird der elektronische Handel einen Einfluss auf Verkehrsströme haben?
Mitchell: Der Verkehr wird sich dadurch nicht auf wundersame Weise verringern, aber die Verkehrsmuster ändern sich. Wer ein Buch im Laden kaufen möchte, muss erst dorthin fahren. Kauft man das Buch im Internet, wird auch eine Fahrt angetreten, allerdings ist es der Kurierdienst, der an die Haustür liefert.
Noch ein weiterer Aspekt der IuK-Technologien: Werden ortsspezifische Dienste unser Leben in den Städten verändern?
Mitchell: Nehmen Sie ein einfaches Stoppschild, das jetzt Teil einer festen Infrastruktur ist. Bei Fahrzeugen mit einem Ortsgedächtnis könnte das ganz anders funktionieren: Sobald man sich einer Kreuzung nähert, würde ein Stoppschild auf der Windschutzscheibe eingeblendet. Irgendwann wird so ein System auch erkennen können, ob ein Fahrzeug die Kreuzung queren will. Kommt keines, würde auch kein Stoppschild erscheinen. Einige meiner Studenten haben mit Hilfe der Satellitennavigation GPS sogar ein Schlagloch-Ortungssystem entwickelt. Ein Beschleunigungssensor im Auto erkennt, wenn es auf ein Schlagloch trifft. Dank GPS weiß das System den Ort und gibt ihn an eine Datenbank der Stadt weiter.
Könnten sich derartige Technologien auf die Privatsphäre auswirken?
Mitchell: Manchmal möchten wir unsere Privatsphäre wahren, manchmal nicht. Wer schick angezogen in einem Café sitzt, will gesehen werden. Sind Sie in Gefahr, wollen Sie, dass man Ihren Aufenthaltsort kennt. Was wir also brauchen, sind Systeme, über die wir steuern können, ob und inwieweit wir unsere Privatsphäre öffnen wollen.
Beeinflussen die neuen Technologien die Zu- oder Abwanderung in den Städten?
Mitchell: Städte werden auch künftig eine magische Anziehungskraft ausüben. Allerdings werden wir darin anders leben als früher. Beispielsweise kaufen viele Doppelverdiener schon heute ihre Lebensmittel übers Internet. Der Supermarkt verliert an Attraktivität. Andererseits florieren Geschäfte, die etwas Besonderes anbieten, ob Wein- und Käsehandlungen oder trendige Cafés. In ihrer knappen Freizeit suchen die Menschen gern solche Orte auf.
Wie wird sich die soziale Interaktion in den Städten verändern?
Mitchell: Persönliche Kommunikation ist selten und wertvoll. Also sparen wir sie uns auf für Dinge, die uns wichtig sind. E-Mails dagegen sind billig und bequem und daher für andere Dinge ideal. Fragt man, zu welchem Zweck am häufigsten E-Mails verschickt werden, so lautet die Antwort: um persönliche Verabredungen zu treffen. Denken Sie an die italienischen Piazzas. Früher flanierten die Leute am frühen Abend auf der Piazza und trafen zufällig Bekannte. Heute hat jeder in Italien mindestens ein Mobiltelefon. Wer jemanden treffen will, ruft ihn an und verabredet sich mit ihm auf der Piazza. Die Technik hat die Art und Weise, wie und wann Menschen kommunizieren, verändert, aber die Menschen selbst verändern sich nicht so sehr. Im Café zu sitzen, gehört zu den erfreulichen Erlebnissen im Leben; das wird sich kaum ändern.
Wird die digitale Unterhaltung einen Einfluss auf die städtische Kultur haben?
Mitchell: In der Musikindustrie wurden LiveKonzerte nicht etwa durch CDs ersetzt, sondern das Gegenteil ist eingetreten. Aufnahmen erzeugen eine Nachfrage nach Live-Auftritten und umgekehrt. Auch der Broadway wird nicht verschwinden, denn die Menschen werden auch weiterhin mit anderen ihre kostbare Zeit in Theatern und Konzerten verbringen.
Es scheint, als würde die Technik Städte nicht so sehr verändern wie die Art und Weise, wie Menschen in ihnen leben.
Mitchell: Genauso ist es. Die Städte werden sich kaum merklich ändern, aber wir beobachten radikale Veränderungen in der Art und Weise, wie Menschen die Angebote der Städte nutzen. Städte sind sehr träge. In Europa existieren viele seit Tausenden von Jahren, aber ihr Erscheinungsbild ändert sich insgesamt sehr langsam. Die Nutzungsmuster können dagegen sehr schnell variieren.
Wie wird Ihrer Meinung nach die digitale Stadt in 50 Jahren aussehen?
Mitchell: Paradoxerweise wird die Stadt des 21. Jahrhunderts nicht mehr so hoch technisiert erscheinen wie die des 20. Jahrhunderts. Es ist nicht so, wie viele glauben, dass Städte von der Technologie dominiert sind und deshalb so aussehen werden, als stammten sie aus Science-Fiction-Filmen. Genau das Gegenteil wird eintreten. Technische Geräte werden immer kleiner und intelligenter und verschwinden in der Tasche, der Kleidung oder den Bauten. Früher war das Telefon an der Wand montiert, heute steckt es in der Tasche. Computer waren groß und hässlich, heute tragen wir sie ständig bei uns. Man muss Räume künftig nicht mehr um die Technik herum bauen. Architekten erhalten mehr Freiheit und können die Räume wieder so konzipieren, dass sie den Grundbedürfnissen des Menschen genügen Geselligkeit, Licht, Luft und Freiheit.
Das Interview führte Victor Chase