Das Thema E-Government, also die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie zur Online-Abwicklung behördlicher Vorgänge, steht bei fast allen Regierungen weltweit mit Ausnahme der ärmeren Länder auf der Tagesordnung. Doch ungeachtet aller Begeisterung steckt die Bewertung des wirtschaftlichen und sozialen Nutzens von E-Government-Anwendungen noch in den Kinderschuhen.
Nach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sollten die Behörden auf allen Ebenen versuchen, das Potenzial des E-Government auszuschöpfen. In ihrer 2003 erschienenen Studie heißt es, dass E-Government die Effizienz steigert, Transparenz und Kundenorientierung verbessert, das Vertrauen in die Regierung stärkt und staatliche Reformprogramme voranbringt. "Vor allem Städte werden verstärkt bessere und kostengünstigere Dienstleistungen anbieten müssen", sagt Jan Duffy, Group Vice President Solutions Research bei der Beratungsfirma International Data Corporation (IDC).
Während der Index für die E-Government-Bereitschaft die allgemeine Online-Verfügbarkeit von Informationen und Diensten bewertet, zeigt der Index für Nutzung und Akzeptanz, wie relevant und nützlich die E-Government-Angebote für den Dialog der Bürger mit ihrer Regierung und ihre Teilnahme an den politischen Prozessen sind
Obwohl niedrigere Transaktionskosten als wichtiger Grund für das E-Government gelten, steht dieser Faktor bei überraschend wenigen Regierungen an erster Stelle. 2003 führte die Management-Beratung Accenture in 22 Ländern eine Umfrage durch, in der nur 51 % der Regierungen die "Notwendigkeit der Kostenreduzierung" als wichtigen Grund für die Einführung von Online-Diensten angaben. 93 % nannten eine bessere Kundenzufriedenheit und 83 % den Wunsch der Kunden nach neuen und besseren Dienstleistungen. Zudem können nur wenige die Einsparungen durch E-Government beziffern. "Für die Bewertung des E-Government gibt es keine allgemein gültigen Standards", sagt Duffy. Deshalb untersuchen IDC und OECD in verschiedenen Studien die potenziellen Kosteneinsparungen und sozialen Auswirkungen des E-Government. Welche Länder sind bereits fit für E-Government? Eine der umfassendsten Untersuchungen ist das von der UN für 191 Länder durchgeführte "Ranking der E-Government-Bereitschaft" (s. Tabelle). Das Ergebnis zeigt eine tiefe Kluft: Die besten 25 Länder liegen um 60 bis 200 % höher als der Rest. Das Ranking bewertet die technische Fähigkeit, E-Government-Anwendungen einzusetzen, sowie die Telekommunikations-Infrastruktur, das Bildungsniveau und den Willen der Regierung zur offenen Interaktion mit ihren Bürgern.
Nach UN-Angaben wird fast das gesamte Bevölkerungswachstum der nächsten 30 Jahre auf Stadtregionen konzentriert sein jeden Tag wachsen die Städte durch Geburt oder Zuwanderung um 180 000 Bewohner. Etwa im Jahr 2007 werden erstmals ebenso viele Menschen in Städten wie auf dem Land leben. Besonders deutlich zeigt sich dieser Trend in China: Von 1950 bis 1980 stieg die Landbevölkerung von 0,5 auf 0,8 Milliarden, erreichte 1995 ihr Maximum von 0,86 Milliarden und befindet sich heute wieder auf dem Niveau von 1980. In den chinesischen Städten hingegen ein ungebremstes Wachstum: von etwa 80 Millionen im Jahr 1950 auf 200 Millionen 1980 und heute etwa 0,5 Milliarden Menschen. Nach Untersuchungen der Tsinghua Universität in Peking dürfte in China im Jahr 2030 jeder Zweite in Städten leben ein Verstädterungsgrad, der aber auch dann noch deutlich unter dem in USA und Japan (beide erreichten im Jahr 2000 schon 77 bzw. 79 %) oder Deutschland (87,5 %) liegt. Hier einige weitere Fakten zur Stadtentwicklung (Quelle: www.unchs.org):
Im Jahr 1950 gab es mit New York City (12,3 Mio. Einwohner) weltweit nur eine Megacity, im Jahr 2015 werden es bereits 23 sein
Einig sind sich die Fachleute, dass das E-Government von einfachen Online-Diensten bis zur umfassenden Beteiligung der Bürger verschiedenste Bereiche abdeckt. "Das Customer Relationship Management spielt bei der Bereitstellung von Online-Diensten durch die öffentlichen Verwaltungen eine immer größere Rolle", stellt Accenture fest. Erkannt hat dies beispielsweise Kanada. Die kanadische Regierung, die im E-Government-Ranking bei Accenture den ersten und bei der UN den sechsten Platz belegt, nennt als Ziel ihres Projekts Government Online, dass sie "die Regierung mit der umfassendsten Bürgerbeteiligung werden will". Für umgerechnet 550 Millionen Euro will Kanada bis 2005 die meisten Dienste online bereitstellen. Auf der Website www.gc.ca können die Benutzer etwa Arbeitslosengeld beantragen, Beschwerden bei der Canadian Transportation Agency einreichen oder sogar in den staatlichen Archiven Ahnenforschung betreiben. Auch können Online-Verzeichnisse über die meisten Regierungsangestellten eingesehen werden.
Allerdings ist schwer einzuschätzen, wie die Bürger die Online-Dienste nutzen. So ist Olavi Köngäs, Informationsbeauftragter des finnischen Finanzministeriums, von der Nutzungshäufigkeit des Portals www.suomi.fi etwas enttäuscht. Nun sollen neue Dienste wie ein Diskussionsforum das Angebot attraktiver machen. Das Portal bietet sogar Funktionen zur Authentifizierung und digitalen Signatur. Köngäs meint, dass die öffentlichen Verwaltungen ihr Online-Angebot den Bürgern besser nahebringen sollten. "Wir müssen uns daran gewöhnen, um unsere Kunden zu werben", sagt er.
Mary Lisbeth D'Amico