Das Handy zeigt, wo sich der Nutzer befindet und startet einen Rundruf an seine Freunde. Polizisten und Rettungsdienste nutzen den Westentaschen-Computer, Regierungen das E-Government – vielfältige Informations- und Kommunikationstechnologien prägen die Smart City von morgen.
"Wo gibt es in diesem Einkaufszentrum DVD-Player und wo eine Bankfiliale?" – der Shopping Mall Assistent Simon kennt die Antworten und weist den Weg
In welches Kino gehen wir heute Abend? Kai schickt zwei Video-Trailer an die Handys seiner Clique und wartet auf das Abstimmungsergebnis – sein Organizer sammelt die Antworten im Hintergrund ein. In der Zwischenzeit schaut Kai auf dem digitalen Stadtplan nach, wo er seine Freundin treffen könnte. Sie ist beim Shoppen und hat ihr Handy so eingestellt, dass Kai und die besten Freunde sehen können, wo sie sich befindet. Auf dem Weg ins Boutiquenviertel will Kai den Gutschein für den Espresso einlösen, der morgen seine Gültigkeit verliert. Sein Organizer hat ihm signalisiert, dass eine Filiale der Café-Kette nur wenige Schritte entfernt liegt.
Dieses Szenario ist alles andere als eine Utopie, die Entwicklung solcher mobilen Datendienste ist in vollem Gange. Beispielsweise mit City on Air, einem Diensteportfolio von Siemens Information and Communication Mobile (ICM), das zusammen mit Inhalteanbietern und Mobilfunk-Netzbetreibern in den Siemens-Labors entwickelt wurde. "Der Kampf mit sperrigen Stadtplänen gehört damit der Vergangenheit an", betont Dr. Thomas Wiemers, der für die Markteinführung der mobilen Serviceangebote verantwortlich zeichnet. Schon heute können Bürger und Besucher größerer deutscher Städte die ersten aus einer Reihe verschiedener Datendienste nutzen, die ICM zusammen mit Netzbetreibern auf einer einheitlichen Systemplattform für eine Vielzahl gängiger Endgeräte – von Handys über Smartphones bis Organizer – betreibt. Nach und nach werden im Lauf der nächsten Jahre europaweit ähnliche Angebote abrufbar sein.
Ortsabhängige Dienste helfen bereits heute bei der Parkplatzsuche oder nennen per SMS die günstigste Tankstelle in der Umgebung. Beim Stadtbummel kann sich der Besucher einer fremden Stadt beispielsweise alle italienischen Restaurants im Umkreis von einem Kilometer anzeigen lassen. Auch ein Geldautomat oder die nächste Apotheke, die am Wochenende geöffnet ist, lässt sich mit dem Handy schnell finden. Die Wegbeschreibung wird als Text oder bei modernen Smartphones und Organizern mit einem Kartenausschnitt auf dem Display angezeigt.
Gemeinsam ist den mobilen Services von City on Air ihr Ortsbezug. Diese Lotsenfunktion für Fußgänger entspricht dem Navigationssystem im Auto. Intelligente Filtermechanismen und die Begrenzung der Suche auf die nahe Umgebung bilden die Basis für sinnvolle Anwendungen. Die Position des Mobilgeräts kann dabei mit Hilfe unterschiedlicher Verfahren bestimmt werden. Neben dem A-GPS, dem Assisted Global Positioning System, das per Satellit den Aufenthaltsort erkennt, ziehen Diensteanbieter auch das herkömmliche GSM-Netz oder die Zugangspunkte eines Wireless-LAN (W-LAN) heran, um ihre Kunden mit Ortsangaben zu versorgen. "Die Entscheidung für eine der Technologien richtet sich danach, ob die Orientierung in Gebäuden oder im Freien benötigt wird und wie genau die Ortsangabe sein muss", kennzeichnet Fritjof Kaiser, Projektleiter bei Siemens Corporate Technology (CT), die Situation. Die Anwendungen werden das optimale Netz eines Tages automatisch wählen, und der Nutzer bemerkt den Übergang zwischen den Technologien immer weniger.
Gespräche mit dem Organizer. Für die Interaktion mit dem Gerät setzen innovative Dienste auf das Prinzip der Multimodalität. Dahinter steht der Gedanke, dass je nach Situation oder persönlichen Präferenzen eine Spracheingabe, die Bedienung per Tastendruck oder die Berührung eines Touchscreens praktischer sein können. "Feldtests mit Simon (SIemens MObile Guide With Natural Interaction), einem mobilen, multimodalen Shopping Mall Assistenten, haben gezeigt, wie Menschen bei der Suche nach einem Geschäft oder Produkt in einem unbekannten Gebäude unterstützt werden können", berichtet Kaiser. Statt einen anderen Passanten um Auskunft zu bitten, spricht der Nutzer von Simon in das Mikrofon seines Organizers. Die Frage in natürlicher Sprache, etwa "Wo gibt es hier DVD-Player unter 150 €?" oder "Ich möchte zur Apotheke!" wird von Simon trotz der Hintergrundgeräusche zuverlässig und schnell erkannt. Simon bestätigt schriftlich oder akustisch, was das System als Frage erkannt hat und fragt im Zweifelsfall selbständig nach. Diane, die dabei verwendete Technologie für freie Sprachdialoge wurde mitsamt User Interface und der nötigen Spracherkennung und Sprachausgabe ebenfalls von Siemens entwickelt. "Im Projekt Simon ist es uns erstmals gelungen, freie Sprachdialoge auf so einem kleinen Endgerät zu ermöglichen", berichtet Matthias Schuster, der Gesamtprojektleiter.
"Mit der Spracheingabe kommen auch unerfahrene Nutzer gut zurecht", weiß Kaiser seit dem Feldtest. Aber daneben gibt es auch Situationen, in denen die Diskretion von Tastendruck oder Stiftberührung von Vorteil ist – etwa wenn jemand seinen Kontostand abfragen will. Simon beweist darüber hinaus, wie sich Werbung nutzerfreundlich mit dem Lotsendienst verbinden lässt. Coupons oder Gutscheine, die mit dem Handy verwaltet und eingelöst werden, sind oft so attraktiv, dass der Anwender sie als Service und nicht als Belästigung einstuft. Der erfolgreiche Prototyp bestätigt die Entwickler darin, die Integration von Sprach- und Datentechnologien mit dem nahtlosem Wechsel zwischen den verschiedenen Eingabe- und Ausgabemodi für künftige Produktinnovationen weiter zu entwickeln.
Das Marktforschungsunternehmen IDC erwartet, dass sich die E-Government-Ausgaben in Europa bis 2006 verdreifachen werden (im Vergleich zu 2001). Die öffentlichen Verwaltungen werden mit Hilfe von IT-Systemen flexibler und effizienter (siehe Fakten und Prognosen). Besonders anspruchsvoll im Hinblick auf Vertraulichkeit der Daten, Authentizität der Kommunikation und Verfügbarkeit der IT-Systeme sind Wahlen. Erfolgreiche Tests im Rahmen elektronischer Europa-Wahlen mit Hilfe von Smartcards und biometrischen Erkennungsmerkmalen in Italien haben gezeigt, dass hohe Sicherheitsanforderungen erfüllbar sind und digitale Volksabstimmungen Realität werden können. Der Osten Europas zeigt sich führend im digitalen Austausch von Dokumenten: So hat Estland nach der Unabhängigkeit 1992 mit der Modernisierung seiner Verwaltung begonnen und setzt seit 2000 konsequent auf die papierlose Regierung. In Lettland richtet man sich für den EU-Beitritt mit IT-Systemen von Siemens Business Services (SBS) auf effiziente Grenzkontrollen ein. Dazu gehören verschiedene Methoden der Identifikation von Personen und Fahrzeugen, etwa mobile Passkontrollen mit dem PDA. Im Straßenverkehr planen die Carabinieri in Italien mit Mini-Kameras auf den Polizeiwagen automatisch die KfZ-Kennzeichen von verdächtigen Fahrzeugen zu erfassen. Über Mobilfunk werden die gescannten Daten mit der zentralen Verkehrsdatenbank abgeglichen. Liegt eine Fahndung vor, alarmiert das System automatisch die Verkehrspolizisten und die Einsatzzentrale. Die türkische Verkehrspolizei nutzt GPS und mobile Tablet-PC von SBS, um Führerscheinkontrollen durchzuführen, Unfälle zu dokumentieren und gestohlene Fahrzeuge sicherzustellen. In Barcelona und Madrid zeigen Notfall-Managementsysteme für ambulante Rettungsdienste bereits signifikante Erfolge. Die Ausrüstung der Rettungswagen mit PCs und Funkverbindung zur Klinik reduziert die Sterberate der Opfer um mehr als die Hälfte.
"Private Nutzer legen hohen Wert auf attraktive Features der Endgeräte und emotionale Inhalte der angebotenen Services", betont Thomas Wiemers. Der urbane Trendsetter von morgen will z.B. schnell seine Clique über Neuigkeiten oder Treffen informieren und Entscheidungen über Mobile Voting herbeiführen. ICM will den Markt für diese Walkie-Talkie-Funktion via Handy (Push to Talk over Cellular – PoC) weiter vorantreiben. Passende Handys und Dienste werden im ersten Halbjahr 2004 verfügbar sein. ICM stellt als erster Anbieter weltweit die gesamte Produktpalette für PoC zur Verfügung, die auf einer herstellerübergreifenden, offenen Spezifikation basiert. Umfangreiche Tests in den USA, Europa und Asien laufen bereits.
Rundruf per Handy. Ab Mitte nächsten Jahres ist die kommerzielle Einführung von Push-to-Talk-Diensten bei einigen Betreibern geplant. Per Knopfdruck kann der Nutzer eine Person oder gleich eine ganze Gruppe, die in seiner Buddyliste gespeichert sind, anrufen. Dafür, dass der Empfänger ankommende Sprachnachrichten automatisch erhält, sorgt die Always-on-Funktion von GPRS und die Freisprecheinrichtung im Handy. Multiplayer-Spiele lassen sich dank der zugrunde liegenden Technologie ebenfalls leicht entwickeln. Über Mobile Voting lässt sich zudem eine Entscheidung der Gruppe herbeiführen – was nicht nur im Freundeskreis, sondern auch im Berufsleben von Nutzen ist.
Dr. Jörg Müller, bei CT für das Kompetenzfeld Agenten- und Peer-to-Peer-Technologien verantwortlich, bestätigt diesen Zusammenhang. Das 2002 abgeschlossene EU-Projekt LEAP (Lightweight Extensible Agent Platform), an dem Siemens beteiligt war, verbesserte nicht nur die Kommunikation zwischen Zentrale und Außendienstmitarbeitern von Organisationen wie dem ADAC oder Firmen wie der British Telekom, sondern erlaubte dem Nutzer auch, Einsatzaufträge auf einer Art Marktplatz untereinander zu tauschen.
Im Zusammenspiel mit der virtuellen Festplatte im Internet liegt die Stärke des mobilen Organizers von Space2Go. 2,4 Millionen Nutzer haben sich bei der Berliner Start-up-Firma bereits registriert und nutzen Kalender, Erinnerungsfunktionen und den mobilen Zugriff auf Dokumente und E-Mails. Die Daten liegen im Internet und werden von unterwegs abgerufen. Synchronisierungsroutinen sorgen dafür, dass Handy und Festplatte auf dem neuesten Stand sind und bei Verlust oder Diebstahl die Daten nicht verloren gehen. Potenzial für nützliche Anwendungen sieht Christian Huthmacher, einer der Gründer des von Siemens unterstützten Start-ups, auch im Bereich der medizinischen Versorgung und Überwachung, angefangen bei der Erinnerung an die Einnahme von Medikamenten, bis zum denkbaren Zugriff auf Patientenakten, die im Netz abgelegt und verwaltet werden.
Alles auf eine Karte. Informations- und Kommunikationstechniken tragen – etwa beim E-Government (siehe Kasten und Fakten und Prognosen) – zum Abbau von Barrieren zwischen Bürgern und Verwaltung bei. So sollen in Italien in den nächsten fünf Jahren mehr als 40 Millionen Menschen eine Smartcard von Siemens mit höchsten Sicherheitsstandards nutzen. Sie gilt als Ausweis und dient zur Identifikation bei der digitalen Steuererklärung von zu Hause aus. Möglich ist auch, die Karte künftig als Krankenversicherungskarte zu nutzen oder zur elektronischen Stimmabgabe bei Wahlen.
Handy von morgen: Es zeigt nicht nur den aktuellen Standort, sondern liefert auch nützliche Daten – etwa über Geschäfte im Einkaufszentrum
Die spanischen Rettungsdienste, die türkische Verkehrspolizei und die italienischen Carabinieri setzen auf mobile Notrufsysteme von Siemens, um Reaktionszeiten zu verkürzen und Einsätze besser zu koordinieren. In Italien sind die Polizisten von über 100 Provinzkommandanturen mit mobilen Kommunikationslösungen und modernen Call-Centern ausgerüstet. Wenn die Einsatzzentrale einen Notruf entgegennimmt, ermittelt das Computersystem automatisch anhand der Telefonkennung des Anrufers dessen Adresse, und der Bildschirm zeigt dem Disponenten die Kartendarstellung des Einsatzortes an. Mehr als 8.000 Einsatzfahrzeuge der Carabinieri sind mit GPS-Geräten ausgerüstet. Ihre Position und Bewegung kann daher in der Karten- oder Luftbildansicht ebenso dargestellt werden wie der Aufenthaltsort von Streifenpolizisten, die in ihrem Viertel zu Fuß unterwegs sind. Der Einsatzleiter erfasst die Situation dadurch auf einen Blick.
Um die Positionsdaten zwischen Einsatzkräften und Zentrale zu übermitteln, genügen einfache SMS. Umgekehrt übermittelt die Zentrale kurze Dienstanweisungen und Informationen an die Kollegen vor Ort. Im Extremfall sorgt der Disponent in der Zentrale sogar per Fernsteuerung dafür, dass beim abgestellten Polizeiauto der Motor ausgeschaltet und die Türen verriegelt werden. Auch zur besseren Koordination der Behörden trägt die moderne Datenzentrale bei, wie Augusto Coriglioni, Projektleiter bei Siemens Business Services in Rom, bestätigt. Durch deutlich schnellere Reaktionszeiten verbessert sich zudem die Sicherheit – ein spürbarer Effekt für jeden einzelnen Bürger.
Anja Stemmer