Endliche Welt – Szenario 2010
Energie ohne Grenzen
Auch im Jahr 2010 decken fossile Brennstoffe den größten Teil unseres Energiebedarfs. Doch die Effizienz der Kraftwerke nimmt stetig zu und erneuerbare Energien sind stark im Kommen – nicht zuletzt dank Firmen wie "energy for us".
Auf einem großen Bildschirm zeigt die Geschäftsführerin des fiktiven Energieberatungsunternehmens "energy for us" Standorte für neue Kraftwerke. Energy for us berät Energieversorger, wie sie die Kraftwerke im internationalen Verbundnetz auf den neuesten Stand bringen und optimal kombinieren – ob Kohle- oder Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerke, Windparks oder Solaranlagen
Da bläst der richtige Wind!" Arthur Canning ist begeistert von der 3D-Simulation auf dem interaktiven Touchscreen. In der Nähe des marokkanischen Atlasgebirges sollen in wenigen Monaten – also noch im Jahr 2010 – mehrere Windparks in Betrieb gehen und mehr Strom liefern als die bisher gebauten Offshore-Parks in Nord- und Ostsee. Dank der jüngst realisierten Erweiterung des Stromverbundnetzes UCTE (Union for the Coordination of Transmission of Electricity) über Gibraltar nach Nordafrika kann der dort erzeugte Strom in fast alle Länder Europas geliefert werden – und in Kürze sollen Russland und über die Türkei sogar der Mittlere Osten angebunden werden. UCTE-Repräsentant Canning fühlt sich bei der Gesellschaft "energy for us" in besten Händen.
Als 2008 eine verschärfte Regelung für Klimagase in Kraft trat, ging es mit dem Aktienkurs von "energy for us" steil nach oben. Denn das Unternehmen berät zum einen die Betreiber herkömmlicher Kraftwerke bei der Nachrüstung ihrer Anlagen, zum anderen entwickelt und realisiert es eigene Konzepte für emissionsfreie Kraftwerke – vom kohlebefeuerten Integrated Gasification Combined Cycle (IGCC)-Kraftwerk mit CO2-Abtrennung und -Lagerung über Windkraft-, Solar- und Geothermie-Anlagen bis zum Aufwindkraftwerk. In naher Zukunft soll auch Syrien zur UCTE gehören, die die Interessen der Netzbetreiber in den jeweiligen Regionen koordiniert. "Optimal wäre ein Aufwindkraftwerk in der Nähe von Ar Raqqah". Per Fingerzeig zoomt die Energy-for-us-Geschäftsführerin Christine Paul das Gebiet heraus. "Unsere Simulation zeigt, dass die Anlage 200 MW ins Verbundnetz einspeisen könnte."
"Eine 200-MW-Anlage?" fragt Arthur Canning überrascht. "Welche Ausmaße hat die denn?" "Nun, der Aufwindturm wäre knapp 1 000 m hoch und der Durchmesser der mit Glasplatten überdeckten Fläche wäre 7 km, um genug warme Luft zu den Turbinen des Turms zu bringen", antwortet Christine. "Selbstverständlich haben wir Stabilitäts-, Effizienz- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt. Als Basis nahmen wir die Daten vom 200-MW-Aufwindkraftwerk in Australien, das seit kurzem reibungslos läuft. Sämtliche Parameter wie Sonnenstunden, Windgeschwindigkeit, Unwetter- und Erdbebenrisiko, Bodenbeschaffenheit, Verschmutzungsgrad und Infrastruktur flossen in unsere Berechnungen ein."
"Beeindruckend, aber es scheint mir immer noch recht exotisch. Und die Geothermie? Was ergaben denn die Probebohrungen in der Türkei?" "Die meisten verliefen sehr erfolgreich, so dass wir umgehend mit dem Bau der Anlagen loslegen können. Bei einem Projekt hat sich aber leider herausgestellt, dass die Gesteinsbeschaffenheit nicht geeignet ist." "Schaffen Sie es dennoch, ihr Budget einzuhalten?" "Auf jeden Fall. Wir hatten ursprünglich sogar zwei gescheiterte Probebohrungen einkalkuliert. Und außerdem haben sich die Bohrkosten verglichen mit dem geothermischen Heizkraftwerk in Basel seit dem Jahr 2004 halbiert, so dass wir hier in keinerlei finanziellen Engpass kommen", erwidert Christine sichtlich zufrieden. "Das Kraftwerk in Basel versorgt übrigens 5 000 Haushalte – und die neuen Geothermie-Kraftwerke werden noch leistungsfähiger."
"Gut zu hören. Über die Solaranlage in Südspanien hatten wir ja bereits beim letzten Treffen gesprochen. Bleiben noch die IGCC-Anlagen. Was gibt es Neues bei unserer Pilotanlage mit CO2-Abtrennung in Deutschland", fragt Arthur. Christine zoomt auf dem Touchscreen Deutschland heraus. "In den vergangenen Monaten ist es gelungen, die Stromerzeugungskosten durch etliche technische Innovationen zu drücken. Bei der Wirtschaftlichkeit reicht die steinkohlebefeuerte Pilotanlage jedoch noch nicht an konventionelle Dampfkraftwerke heran. Wir erwarten daher, dass emissionsfreie IGCC-Kraftwerke erst nach 2020 konkurrenzfähig sein werden. Wir werden aber den Bau der sauberen Kohlekraftwerke weiter forcieren und hoffen, dass die UCTE weiter Gelder zur Verfügung stellen wird."
Arthur Canning schaut nachdenklich. "Darüber diskutieren die Mitgliedsstaaten derzeit. Die ersten Signale sind äußerst positiv, zumal auch China starkes Interesse an unseren Forschungsergebnissen bekundet hat und die UCTE an einer engeren Kooperation mit Asien sehr interessiert ist. Die dortigen Kohlevorräte sind immens." "Und Russland mit seinen Gasfeldern? Wird die UCTE das Land bald als neues Mitglied aufnehmen?" "Ja, noch in diesem Jahr. Geplant war die Aufnahme schon länger, doch musste sie wegen befürchteter Netzstörungen in unserem riesigen Stromverbund verschoben werden. Dank neuer Techniken, vor allem auf dem Gebiet der aktiven Dämpfungselemente, haben wir dies aber in den Griff bekommen. Energie ohne Grenzen – unser Motto wird tatsächlich immer mehr Realität", sagt Arthur, zuversichtlich lächelnd.
Ulrike Zechbauer
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