In 15 bis 20 Jahren könnte – getrieben durch höhere Abgaben für Emissionen – die Abtrennung von Kohlendioxid aus den Abgasen von Kraftwerken nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll sein. Pilotprojekte gibt es bereits.
Erdgasplattform in der Nordsee: Hier pumpt die norwegische Statoil 1 Mio. t CO2 pro Jahr in den Untergrund
Auch wenn das Öl zu Ende geht, Kohle ist noch für Jahrhunderte vorhanden. Würden jedoch die geschätzten 5 000 Mrd. t an Kohlenstoffvorräten wie bisher verheizt, so würde 17-mal so viel Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre geblasen, wie in den vergangenen 150 Jahren zusammen. Dass es daher nicht ausreicht, nur die Effizienz von Kraftwerken zu erhöhen, um einen verheerenden Treibhauseffekt zu verhindern, ist offensichtlich. Der mögliche Ausweg: Forscher wollen das CO2 abtrennen und unterirdisch lagern. Damit könnten fossile Brennstoffe weiter zur Stromerzeugung genutzt werden, und die Menschheit hätte Zeit, eine nachhaltige Wasserstoffwirtschaft aufzubauen.
Die CO2-Abtrennung und -Lagerung, die so genannte Sequestrierung, ist allerdings teuer: Pro Tonne abgetrenntes CO2 liegen die Kosten derzeit zwischen 30 und 42 euro;. Wie bei allen neuen Techniken dürften sie künftig deutlich sinken. Zudem ist zu erwarten, dass auch CO2-Emissionen teuer werden, sei es durch Zertifikate-Handel (siehe Emissionszertifikate) oder durch Steuern. "Wegen dieser beiden gegenläufigen Trends dürfte die CO2-Abtrennung in 15 bis 20 Jahren wirtschaftlich werden", schätzt Frank Haffner vom Strategiefeld Energy bei Siemens Corporate Technology. Damit sie bis dahin auch einsatzbereit ist, hat die Europäische Union Anfang 2004 die Forschungsprojekte CASTOR, ENCAP und CO2-SINK für je rund 15 Mio. € aufgelegt.
Waschmittel für CO2. Seit langem wird Kohlendioxid aus Gasgemischen herausgewaschen. Die Industrie tut dies in seltenen Fällen auch bei Kraftwerksabgasen – allerdings nicht aus Umweltgründen, sondern um CO2 für die Erdölförderung oder für Lebensmittel zu gewinnen. Das Rauchgas wird durch ein Lösungsmittel wie Ethanolamin geleitet. Das Amin bindet das CO2, und das gereinigte Abgas kann in die Luft entlassen werden. Danach muss aber das Waschmittel erhitzt werden, um das CO2 wieder herauszulösen, was viel Energie kostet. Die Effizienz eines Kohle-Dampfkraftwerks – sein Wirkungsgrad – sinkt wegen der Rauchgaswäsche und der CO2-Verflüssigung um 11 bis 14 Prozentpunkte. Daher brauchen die Betreiber für die gleiche Menge Strom entsprechend mehr Brennstoff.
Der Vorteil ist, dass am Kraftwerk fast nichts verändert werden muss. Allerdings benötigt man eine Chemieanlage, die immense Abgasströme durchschleust. Dies rührt daher, dass die Kohle mit Luft verbrannt wird. Luft besteht nur zu 20 % aus Sauerstoff, fast der ganze Rest ist Stickstoff, der als Ballast mitgeschleppt wird. Die EU-Forscher wollen im CASTOR-Programm unter anderem eine unter Kostengesichtspunkten optimierte Großversuchsanlage zur CO2-Wäsche entwickeln. Eine Alternative untersucht das Programm ENCAP: Bei der Verbrennung mit reinem Sauerstoff fallen nur Kohlendioxid und Wasserdampf als Abgas an, kein Stickstoff. Der Wasserdampf lässt sich durch Kondensieren problemlos abtrennen. Übrig bleibt Kohlendioxid – die chemische Wäsche entfällt. Auch hier müssen aber Gase abgetrennt werden, und zwar am Anfang der Sauerstoff aus der Luft. Das Standardverfahren, die Luftverflüssigung durch Kälte, ist teuer und verschlingt ebenfalls viel Energie. Daher sinkt der Wirkungsgrad eines Kraftwerks bei dieser Methode um sieben bis elf Prozentpunkte. Im Rahmen von ENCAP werden neuartige Membranen untersucht, die Sauerstoff effektiv und energiesparend abtrennen können. Zudem entwickeln die Wissenschaftler eine völlig neue Turbine, die für dieses Verfahren gebraucht wird.
Verbrennung ohne CO2. Eine elegante dritte Strategie besteht darin, Kohlendioxid bereits vor der Verbrennung abzutrennen. Dafür eignen sich Kraftwerke mit integrierter Kohlevergasung (IGCC, siehe Saubere Kohle). Im IGCC reagiert der Brennstoff mit sauerstoffangereicherter Luft oder reinem Sauerstoff und Wasserdampf. Es entsteht Synthesegas, eine Mischung aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff. Anstatt dieses Gas direkt in die Brennkammer zu schicken, ließe sich ein IGCC mit einem Zwischenschritt in ein CO2-freies Kraftwerk verwandeln. Dazu wird das Synthesegas mit Wasserdampf zu CO2 und Wasserstoff umgesetzt. Da das Kohlendioxid sehr konzentriert vorliegt, ist es leicht abzutrennen, denn es gilt die goldene Regel: Je höher die Konzentration, desto leichter lässt sich ein Gas herausfischen. Zum Verbrennen bleibt vor allem Wasserstoff übrig, wobei als Abgas nur Wasserdampf anfällt. Auch hier sinkt der Wirkungs- grad um sieben bis elf Prozentpunkte.
Siemens und Partner wie Alstom Power entwickeln unter dem Dach von ENCAP Brenner und Brennkammern, die die wasserstoffreichen Gase verarbeiten können. "Die hohe Entzündlichkeit und rasante Flammenfortpflanzung des Gases erfordern ganz neue Techniken", erklärt Günter Haupt von Siemens Power Generation. Auch bei der Gasturbine dürften technische Anpassungen nötig sein. Getestet werden soll der Prototyp-Brenner gegen Ende 2005 bei der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Auf diese Technik setzt auch die US-Regierung, unterstützt von der Kohleindustrie und Energieversorgern. Im Rahmen der FutureGen-Initiative soll in den nächsten zehn Jahren das weltweit erste CO2-freie IGCC-Kraftwerk entstehen, das aus Kohle Strom und Wasserstoff produziert. Das anfallende CO2 soll deponiert werden. Eine Milliarde Dollar sind dafür veranschlagt.
Carola Hanisch
Kohlendioxid im Untergrund ist nichts Ungewöhnliches: Es entsteht bei Gesteinsumwandlungen. CO2 findet sich auch häufig in Erdgasfeldern wie dem Sleipner-Feld der norwegischen Statoil, wo es ungewollt mitgefördert wird. Wegen der hohen CO2-Steuer in Norwegen pumpt Statoil jährlich 1 Mio; t CO2 wieder in eine salzwasserhaltige Sandsteinschicht – die so genannte Utsira-Formation – unter dem Nordseeboden und spart dadurch über 50 Mio. US-$ pro Jahr an Abgaben. Die Utsira-Formation könnte nach den Worten des Statoil-Ingenieurs Dr. Tore Torp "etwa 600 Mrd; t CO2 sicher aufnehmen"; das sind mehr als die derzeitigen Kohlendioxid-Emissionen aller europäischen Kraftwerke über 600 Jahre hinweg. In den USA wird Kohlendioxid benutzt, um aus versiegenden Ölfeldern die letzten Reste herauszuholen. Das Gas verbleibt zum größten Teil unter der Erde. So wird CO2 aus einem Kohlevergasungskraftwerk in North Dakota mehr als 300 km nach Kanada zum Weyburn-Ölfeld transportiert. Forscher untersuchen beim Sleipner- und beim Weyburn-Projekt das Verhalten des Gases sowie seine Ausbreitung und Reaktion mit den Gewässern und Gesteinen.
Anfang 2004 startete das EU-Projekt CO2SINK (Bild unten). Es wird vom Geoforschungszentrum Potsdam koordiniert. CO2 soll aus einer Biomassevergasungsanlage in eine poröse Sandsteinschicht unter einem stillgelegten Erdgasspeicher bei Ketzin gepumpt und überwacht werden. Das Verhalten des CO2 unter der Erde wollen die Forscher mit Hilfe von Bohrungen erstmals direkt beobachten. Anders als Sleipner und Weyburn liegt Ketzin nahe einer Großstadt: Berlin. Daher geht es auch um Erfahrungen mit Genehmigungsverfahren und der Akzeptanz der Bevölkerung.
Bei der unterirdischen Lagerung von CO2 gibt es zwei Risiken: die Versauerung des Grundwassers und die Gefahr einer Leckage. CO2 ist zwar nicht giftig – wir trinken es in Sprudel oder Bier – aber das geruchlose Gas ist schwerer als Luft und kann in Senken, wo kein Wind herrscht, Mensch und Tier ersticken. 1986 traten große Mengen Kohlendioxid aus dem Vulkankratersee Nyos in Kamerun aus. Mehr als 1 500 Menschen kamen dabei ums Leben, ebenso alle Tiere im Umkreis von 14 km. Auch wenn die Situation in Kamerun eine völlig andere ist als in den Sandsteinschichten bei Berlin, müssen solche Speicherstätten genau überwacht werden.