Interview mit Willy Gehrer
Willy Gehrer (58) leitet seit 1994 die Abteilung Power Systems der Siemens Schweiz AG und ist seit 1998 Präsident der ETG Energietechnischen Gesellschaft von Electrosuisse, Schweiz
Warum ist die Erdwärme für Sie die Energie der Zukunft?
Gehrer: Sie ist die einzige Energiequelle, die rund um die Uhr überall auf der Welt zur Verfügung steht. Sie ist praktisch unerschöpflich, lässt sich auch dezentral in kleinen Einheiten nutzen und produziert im geschlossenen Kreislauf keine Emissionen, was mit Blick auf die CO2-Problematik äußerst attraktiv ist. Und wir brauchen bald ein Substitut zu den fossilen Energieträgern, die in absehbarer Zeit zur Neige gehen.
Das wurde doch schon vor 40 Jahren behauptet...
Gehrer: Stimmt. Doch damals fand man pro zehn verbrauchte Barrel Öl 40 bis 50 Barrel neues Öl. Heute sind es nur noch zwei Barrel. Wissentlich sitzen wir seelenruhig auf einem schier unerschöpflichen geothermischen Energiepotenzial und schleppen lieber Öl, Gas und Kohle über Tausende von Kilometern, als wenige Kilometer in die Tiefe zu gehen.
Aber weltweit sind bereits 200 Geothermie-Anlagen in Betrieb.
Gehrer: Als Energielieferant nutzen diese aber nur Thermalquellen in vulkanisch aktiven Regionen, ob in Italien oder in Mexiko. Dabei wird das in der Natur vorhandene 150 bis 200 °C heiße Grundwasser an die Oberfläche gepumpt und dort für die Strom- und Wärmeproduktion eingesetzt. Die installierte Leistung derartiger Kraftwerke beträgt weltweit etwa 6 700 MW. Mit Hilfe des Hot-Dry-Rock-Verfahrens lässt sich hingegen überall auf der Welt Strom erzeugen. Das erste kommerzielle Kraftwerk dieser Art soll in fünf Jahren in Basel 30 MW thermische und drei MW elektrische Leistung ins Netz einspeisen und 5 000 Haushalte versorgen. Bei einer Amortisationszeit von 20 Jahren betragen die Erzeugungskosten für Wärme etwa 0,02 €/kWh, für Strom rund 0,12 € – sie sind damit ähnlich hoch wie die eines neuen Wasser- oder Windkraftwerks. Ich bin überzeugt, dass Geothermie-Anlagen in 20 Jahren 10 % des weltweit produzierten Stroms liefern werden.
Wie funktioniert das Hot-Dry-Rock-Verfahren?
Gehrer: Über eine Injektionsbohrung wird Wasser ins kristalline Gestein des Urgebirges gepresst, also in eine Tiefe von 4 bis 6 km. Dort verteilt es sich in kleinen Rissen und Spalten und wird durch das dort 150 bis 250 °C heiße Gestein aufgeheizt. So genannte Produktionsbohrungen nehmen das unter Druck stehende, erwärmte Wasser auf und befördern es an die Oberfläche zu einem Wärmetauscher. Dessen Sekundärkreislauf treibt eine Dampfturbine mit Generator zur Stromproduktion. Das abgekühlte Wasser wird dann wieder in die Injektionsbohrung zurückgeschickt.
Das Interview führte Ulrike Zechbauer
Natürlicher Durchlauferhitzer: Nur etwa 5 km von uns entfernt gibt es eine schier unerschöpfliche Energiequelle, die wir noch kaum angezapft haben – die rund 200 °C heiße Erdwärme im kristallinen Gestein unter uns. Im Hot-Dry-Rock-Verfahren wird Wasser in die Risse und Spalten dieses Gesteins gepresst, als heißes Wasser über Bohrungen wieder zutage gefördert und dann in Strom und Wärme verwandelt