Ab 2005 beginnt in der Europäischen Union der Handel mit Emissionsrechten, zunächst nur für Kohlendioxid. Für Firmen ändern sich damit nicht nur die Spielregeln am freien Markt, sondern es ergeben sich auch neue Geschäftschancen.
Heiße Luft hat ihren Preis: Wenn die Europäische Union demnächst den Handel mit Emissionszertifikaten einführt, bekommt Kohlendioxid einen Marktpreis. Über diesen Mechanismus hofft man, künftig Emissionen dort vermeiden zu können, wo dies am kostengünstigsten möglich ist
Die EU übernahm im Oktober 2003 mit der Verabschiedung der Richtlinie, nach der ab 2005 die erste Handelsperiode mit Emissionsrechten beginnt, international eine Vorreiterrolle. Denn nach dem Kyoto-Protokoll von 1997, in dem sich viele Länder verpflichtet haben, ihre Treibhausgas-Emissionen bis zu den Jahren 2008 – 2012 um mindestens 5 % gegenüber 1990 zu senken (siehe Pictures of the Future, Frühjahr 2002, Emissionszertifikate), soll der internationale Zertifikate-Handel erst ab 2008 eingeführt werden. Der Kyoto-Vertrag wird gültig, wenn eine Anzahl von Ländern zustimmt, die insgesamt mindestens 55 % der Emissionen von 1990 abdecken. Die 117 Länder, die bisher den Vertrag ratifiziert haben, sind allerdings erst für 44,2 % der Emissionen verantwortlich. Das fehlende Volumen könnte Russland mit seinen 17,4 % beisteuern, aber Russland wird sich erst Ende 2004 entscheiden. Durch den Emissionshandel erhält die Tonne CO2 einen Marktpreis, und Emissionen sollen dort vermieden werden, wo dies am kostengünstigsten möglich ist. Erste Erfahrungen gibt es bereits. Seit 1996 wurden mit dem CO2-Emissionshandel bis zu einer Milliarde Euro weltweit umgesetzt. Dies geschah auf freiwilliger Basis und häufig intern innerhalb international verzweigter Konzerne wie BP.
Im Jahr 2002 spielten Teilnehmer aus zwölf Unternehmen unter Anleitung des Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe neun Jahre Emissionshandel durch: Über eine Handelsplattform im Internet konnten sie Emissionszertifikate kaufen und verkaufen. Zu Beginn bestimmten die Firmen ihre Emissionen für 1990 und 2000 und trugen diese Daten mit den entsprechenden Produktionsmengen in eine Datenbank ein. Die Produktionsmengen für die Zukunft wurden dann geschätzt, und auf deren Basis auch die künftigen Emissionen. Daraus und aus zuvor erfassten technischen Minderungsmaßnahmen wurden die Emissionsziele festgelegt und nach einem bestimmten Schlüssel in Form von gratis vergebenen Emissionszertifikaten verteilt. Nun galt es, mit den Zertifikaten zu haushalten. Wer weniger emittierte, als er an Zertifikaten zur Verfügung hatte, konnte die Differenz verkaufen. Im anderen Fall musste er Zertifikate zukaufen oder Maßnahmen zur Minderung von Emissionen ergreifen. Als Entscheidungshilfe stand ein Tool zur Berechnung des CO2-Preises zur Verfügung, ab dem Maßnahmen zur Emissionsreduzierung wirtschaftlich sinnvoll waren. Betrug etwa der Preis für die Erhöhung des Wirkungsgrads einer Anlage 10 € pro Tonne CO2, war es günstiger, diese Maßnahmen zu ergreifen, als Zertifikate für z.B. 15 €/t CO2 zu erwerben. Die Teilnehmer konnten also per Mausklick feststellen, ob sich die Investition in eine Minderungsmaßnahme lohnt. Für nicht durch Zertifikate abgedeckte CO2-Mengen waren Sanktionen in Höhe von 100 €/t CO2 zu zahlen. Das Planspiel diente dazu, die Teilnehmer auf den Emissionshandel vorzubereiten. "Denn wer die Spielregeln nicht beherrscht, wird keine Effizienzgewinne erzielen", sagt der Projektleiter Dr. Joachim Schleich vom ISI.
10 000 Anlagen in der EU betroffen. Solche Pilotprojekte zeigten, dass die Probleme oft im Detail liegen: Wie werden zu Beginn die CO2-Rechte zugeteilt? Wer erhält wie viel? Wie werden neue Marktteilnehmer integriert? Keine leichte Aufgabe für den Emissionshandel in der EU, denn davon werden etwa 10 000 Industrieanlagen vom Kraftwerk über die Stahlerzeugung bis zum Zementwerk betroffen sein. Die EU hat ihre Mitgliedstaaten aufgefordert, bis Ende März 2004 so genannte nationale Allokationspläne für die Zertifikatezuteilung aufzustellen. Daraus muss hervorgehen, wie viele Zertifikate für die erste Handelsperiode 2005 bis 2007 ausgegeben werden und wie dies geschehen soll. Insgesamt soll genau die Menge an Zertifikaten zugeteilt werden, die es den EU-Mitgliedstaaten ermöglicht, die Minderungsverpflichtungen zu erfüllen. Dabei dürfen Leistungen, die Anlagenbetreiber bereits zur Reduktion von Emissionen erbracht haben, sogenannte early actions ab 1990 angerechnet werden. Außerdem müssen die Regierungen nachweisen, wie sie die nationalen Reduktionsverpflichtungen aus dem Kyoto-Protokoll erfüllen wollen. Hierzu gehört auch eine Stellungnahme, wie man mit den nicht beteiligten Sektoren wie Verkehr oder Haushalt umgehen will.
Obwohl der weltgrößte Emittent USA das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnen will, hat sich auch in Chicago auf freiwilliger Basis eine Börse für CO2-Zertifikate gebildet. Ende September 2003 wurden die ersten Zertifikate versteigert, Mitte Dezember der elektronische Handel aufgenommen. Bisher hat die Chicagoer Klimabörse (CCX) 32 Mitglieder, darunter Industrieunternehmen wie Ford und Motorola, aber auch die Stadt Chicago. Sie haben sich verpflichtet, ihre CO2-Emissionen bis 2006 jährlich um 1 % zu senken. Der Vorsitzende und Gründer der CCX, Richard L. Sandor, war bereits 1995 an der Einführung des Handels mit SO2-Zertifikaten beteiligt und er denkt daran, auch andere Rohstoffe wie etwa Wasser an Börsen zu handeln. Sandor ist überzeugt, dass zunehmend Märkte für natürliche Ressourcen entstehen werden, die bisher unbeschränkt verfügbar schienen und deshalb noch keinen Preis haben. Seiner Ansicht nach soll sich auch die Finanzbranche am Handel beteiligen. Denn es ist durchaus denkbar, Investitionen in emissionsmindernde Anlagen z.B. mit Emissionsguthaben zu finanzieren.
Der Emissionshandel bietet somit auch Geschäftschancen. Siemens als Anbieter energieeffizienter Produkte und Lösungen kann dazu beitragen, CO2-Emissionen weltweit zu begrenzen, etwa mit modernster Technik für Kraftwerke (siehe Beitrag Kohle gibt Gas) oder mit Energiesparmaßnahmen im Rahmen des Performance Contracting. Würde man etwa die derzeit installierten Kohlekraftwerke in der EU auf den heutigen Stand der Technik bringen, würde deren CO2-Ausstoß um circa ein Fünftel verringert.
Sylvia Trage
Quelle: EU-Daten, Institut der deutschen Wirtschaft Köln, 47 / 2003 Deutscher Instituts-Verlag