Gastkommentar
Wissenschaft als Innovationspartner der Wirtschaft
Walter Kröll
Prof. Dr. Walter Kröll ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und Mitglied des Aufsichtsrats der Siemens AG
Frühjahr 2004. In Deutschland gibt es erneut eine Innovationsoffensive, denn wieder einmal wurde ein – weltweit gültiger – Zusammenhang neu entdeckt: Zukunft in Wohlstand ist nur mit wirtschaftlichem Wachstum zu haben, und Wachstum lebt von Innovationen. Wie aber kommen wir zu mehr Innovationen? Die meisten Beteiligten an diesem Prozess sind sich einig über die Bedeutung der politischen, rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen, über die Notwendigkeit eines innovationsfreundlichen und innovationsförderlichen Klimas sowie die Entwicklung einer Innovationskultur in der gesamten Gesellschaft.
Welchen Beitrag kann aber hierzu die Wissenschaft leisten? Eine Evaluation der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren durch etwa 250 international führende Experten hat gezeigt: Zahlreiche Arbeitsgruppen zählen nach wissenschaftlicher Qualität und Originalität zur absoluten internationalen Spitze. Derartige Gruppen gibt es zweifellos auch in Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen. Es muss jetzt darum gehen, sie wirkungsvoller in den komplexen Innovationsprozess einzubeziehen. Dazu sind meines Erachtens zwei Punkte erforderlich.
Punkt 1: Eine stärkere Innovationsorientierung der gesamten Forschung nach dem Motto von Gottfried Wilhelm Leibniz: "Sooft ich etwas Neues lerne, so überlege ich zugleich, ob nicht etwas für das Leben daraus geschöpft werden könnte." Innovation darf in der Wissenschaft nicht nur als Nebenprodukt, als Spin-off wissenschaftlicher Erkenntnis betrachtet werden. Auch Zwischenergebnisse der Grundlagenforschung und langfristig angelegter Forschungsvorhaben müssen systematisch auf ihr Innovationspotenzial hin überprüft und dafür genutzt werden. Die in diesem Heft vorgestellte Kooperation zwischen einem Helmholtz-Zentrum, der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt, und Siemens Medical Solutions ( Partikeltherapie) führt eine neuartige Bestrahlungstherapie für Krebspatienten in die klinische Routine: Dies ist eine beispielhafte Umsetzung von Erkenntnissen der Grundlagenforschung in eine marktfähige Innovation.
Punkt 2: Die Verbindungs- und Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft muss optimiert werden. Auf der Basis von Zukunftsszenarien, wie sie etwa die "Pictures of the Future" von Siemens darstellen, sollten beide Seiten in strategischen Dialogen Leitkonzepte entwickeln und arbeitsteilig verfolgen. Wir brauchen dazu neue Innovationspartnerschaften zwischen Wissenschaftseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen, die über die traditionellen Formen von Lizenznahmen, Auftragsforschung und Verbundvorhaben hinausgehen: Joint Ventures für Innovationen, in die die Partner unter Wahrung ihrer Identität investieren, in denen sie Risiken teilen und am Gewinn partizipieren. Anknüpfungspunkte dafür gibt es genug. Man braucht nur in diesem Magazin zu blättern. Lösungen für Menschen in Megacities, nachhaltige Nutzung von Rohstoffen und Energiequellen oder der Trend hin zur Wissensgesellschaft – an solchen Themen arbeitet auch die Helmholtz-Gemeinschaft als ein wichtiger Innovationspartner für die Wirtschaft.