Marc Rotenberg (42) ist der Executive Director des Electronic Privacy Information Center (EPIC) in Washington D.C., USA. Das EPIC wurde 1994 als Gegenbewegung zum "Clipper Encryption Standard" gegründet, mit dem private, verschlüsselte Nachrichten abhörbar gemacht werden sollten. Rotenberg unterrichtet Datenschutzrecht an der Georgetown University in Washington und wird oft vor dem US-Kongress zu Fragen von Verschlüsselung, Computersicherheit und Datenschutz gehört. Zudem ist er Herausgeber mehrerer Publikationen zu diesen Themen und Vorsitzender des Datenschutz-Komitees der amerikanischen Anwaltskammer
Wann wurden biometrische Techniken zum ersten Mal ein Thema des öffentlichen Interesses?
Rotenberg: Wann immer das FBI oder andere im 20. Jahrhundert Fingerabdrücke nahmen, dann deshalb, weil sie jemanden eines Verbrechens verdächtigten. Doch in den letzten Jahren gab es vermehrt auch andere Gründe dafür, seinen Fingerabdruck herzugeben, etwa um irgendwo Zugang zu bekommen. Das kann aber zum Problem werden, denn je einfacher es wird, Menschen zu identifizieren, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Identifizierung auch durchgeführt wird. Biometrische Techniken tendieren dazu, konkrete Anwendungen nach sich zu ziehen. Solche Techniken gibt es inzwischen viele: neben dem Fingerabdruck auch die Stimmen- und Gesichtserkennung, den Iris- oder Retina-Scan, ja sogar die Art, wie jemand geht.
Die Gründe für ihre Einführung sind aber meist Komfort und Sicherheit. Was spricht da aus Ihrer Sicht dagegen?
Rotenberg: Diese Techniken sind dann problematisch, wenn sie Informationen ohne die Zustimmung des Betroffenen erfassen und nutzen. Sie ermöglichen die Identifizierung, den automatischen Datenabgleich, den Einsatz so genannter Profile und die Rasterfahndung alles Themen des Datenschutzes. Und die biometrischen Techniken werden enorm ausgeweitet: Seit dem 11. September 2001 dringen die USA beispielsweise energisch auf die Aufnahme von biometrischen Kennzeichen in Pässe und Visa.
Aber sollte das nicht jeder wollen, der die öffentliche Sicherheit erhöhen möchte?
Rotenberg: Nicht unbedingt. Was machen Sie beispielsweise, wenn ein biometrisches Kennzeichen beschädigt ist? Oder was tun, wenn die Daten über den Fingerabdruck eines Menschen von anderen missbraucht werden? Auch ist das Risiko deutlich höher, dass Dokumente und damit die Identität eines Menschen gestohlen werden, wenn Papiere wie Führerschein oder Reisepass, die normalerweise an bestimmte Zwecke gebunden sind, für weitere Anwendungen eingesetzt werden, etwa als Smartcards. Der Datenschutz konnte bis heute vor allem deshalb gewahrt werden, weil die Identifikationssysteme verteilt und dezentralisiert waren.
Durch eine stärkere Zentralisierung oder Verknüpfung der Systeme könnte der gläserne Bürger entstehen?
Rotenberg: Ja. Wenn Sie in Ihr Fitnesscenter oder zu Ihrem Videoverleih gehen, mag es eine berechtigte Notwendigkeit geben, dass Sie sich identifizieren aber die Informationen sollten dann auch nur dafür genutzt werden. Mit der Zunahme an Identifikationssystemen und maßgeschneiderten Profilen besteht jedoch die Gefahr, dass wir die Kontrolle über diese Daten verlieren. Wir müssen uns vor Augen führen, was das für unsere Bewegungsfreiheit bedeuten könnte, für unsere Freiheit zu kommunizieren, Informationen einzuholen oder uns mit anderen zu treffen.
Sie befürchten also einen potenziellen Missbrauch biometrischer Daten?
Rotenberg: Ich versuche, Begriffe wie Furcht zu vermeiden. Wir müssen Lösungen finden, die die Anwendung neuer Technologien zulassen, ohne den Datenschutz zu verletzen. Das ist nicht so sehr eine Frage von Besorgnis, sondern der Konzeption und der politischen Entscheidungen, wie biometrische Techniken eingesetzt werden sollen.
Gibt es nicht zahlreiche Bereiche, in denen Verbraucher aus Gründen der Bequemlichkeit nach biometrischen Systemen verlangen werden?
Rotenberg: Da bin ich eher skeptisch. Die Menschen lassen vielleicht ihren Fingerabdruck nehmen, wenn es verlangt wird, aber Untersuchungen zeigen, dass sie die Enthüllung ihrer tatsächlichen Identität solange wie möglich vermeiden wollen. Das ist auch verständlich. Wir schätzen es, in der Gruppe anonym zu bleiben und uns nur unseren Freunden und Familien zu öffnen.
Was können Regierungen tun, um sicherzustellen, dass die Bürger von den Vorzügen der Biometrie profitieren und dabei ihre Privatsphäre gewahrt bleibt?
Rotenberg: Regierungen können Unternehmen, die persönliche Informationen sammeln und verwerten, Verpflichtungen auferlegen. Es geht nicht darum, das Sammeln solcher Daten zu verhindern oder den Einsatz neuer Technologien einzuschränken, sondern dafür zu sorgen, dass die Informationen nicht missbraucht werden, dass sie nicht unsachgemäß an andere weitergegeben werden und dass die Menschen ein Recht darauf haben, ihre Daten einzusehen und, falls nötig, zu korrigieren. Ich glaube, dass die Sicherstellung dieser Rechte eine Voraussetzung für den Einsatz eines jeden biometrischen Systems sein sollte.
Welchen Beitrag kann die Technologie zum Schutz unserer Privatsphäre leisten?
Rotenberg: Denken Sie daran, wie die Authentifizierung in Kinos funktioniert. Sie kaufen eine Kinokarte und zeigen sie beim Einlass vor, aber diese Transaktion ist nicht an Ihre Identität geknüpft. Das ist die Art von Authentifizierung ohne Identifikation, die wir in die neuen Systeme integrieren müssen. Sie erleichtert Handel und Kommunikation, begrenzt aber zugleich das Sammeln und Verwerten von persönlichen Daten. Biometrische Daten könnten zum Beispiel einen Code generieren, mit dem ein Unternehmen genügend Informationen über eine Person erhält, um zu wissen, ob sie ordnungsgemäß registriert ist. Dabei muss die Identität des Betroffenen gar nicht offenbart werden. In der Kryptographie bezeichnen wir die Erzeugung dieses Codes als Einwegfunktion, das ist eine Funktion, die deutlich leichter zu berechnen ist als die zugehörige Umkehrfunktion.
Das hört sich an, als könnten wir die Bequemlichkeit und Sicherheit biometrischer Systeme genießen, ohne unsere Privatsphäre zu opfern. Stimmt das?
Rotenberg: Ja, aber dafür muss man den Unterschied zwischen Berechtigungsnachweisen und einer Identifizierung begreifen. Kinokarten sind Berechtigungsnachweise, mit denen man Zugang zum Kino erhält. Eine Enthüllung der Identität findet nicht statt. Diesen Ansatz sollten wir verfolgen.
Was ist denn dann die richtige Balance zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Schutz der Bürgerrechte?
Rotenberg: Oft wird behauptet, es gäbe ein Entweder-Oder, aber das muss nicht so sein. Wer glaubt, man würde allein dadurch, dass man seine Privatsphäre opfert, Sicherheit gewinnen, irrt. Ich habe mich kürzlich vor dem City Council von Washington D.C. zu dem Vorschlag geäußert, gegen den Terrorismus ein Videoüberwachungssystem zu installieren. Ich sagte, dass ich nicht sehen könnte, wo hier der Vorteil läge. Selbst wenn am 11. September in ganz Washington Kameras aufgestellt gewesen wären, hätte das die Ereignisse nicht verhindern können.
Frage?
Antwort
Derartige Überwachungskameras werden immer klüger und kleiner. Wohin führt das?
Rotenberg: Das ist ein Bereich, in dem das Gesetz der Technik hinterherhinkt. Hier wären einige Vorschriften angebracht. Denken Sie an die Entwicklung des Telefonnetzes. Ich glaube kaum, dass jemand die Ansicht vertritt, wir sollten öfter Telefongespräche abhören, weil das in einem modernen Kommunikationsnetz einfacher sei. Tatsächlich wurden Gesetze geschaffen, um die neuen Techniken in ihre Schranken zu weisen, genauso wie die Verschlüsselung eingesetzt wird, um der Bedrohung durch das Abhören zu begegnen. Für die Videoüberwachung brauchen wir einen ähnlichen Ansatz. Das technisch Machbare sollte nicht die Grundprinzipien von Recht und Ordnung diktieren.
Der Autor des Buchs "The Transparent Society", David Brin, hat vorgeschlagen, die Aufnahmen solcher Kameras öffentlich zugänglich zu machen, da sich ihre Verbreitung sowieso nicht stoppen ließe. Was halten Sie davon?
Rotenberg: David liegt in vielerlei Hinsicht falsch. Natürlich können wir den Einsatz der Videoüberwachung einschränken, wenn wir das wollen. Washington ist auch nach dem 11. September noch lange nicht da, wo London heute steht, nämlich bei einem massiven Einsatz solcher Kameras. Das liegt daran, dass viele Menschen in den Vereinigten Staaten die öffentliche Videoüberwachung ablehnen. Wir brauchen auch eine effektive Kontrolle darüber, wie, wann und warum Kameras von der Polizei eingesetzt werden.
Was stellt Ihrer Ansicht nach in den nächsten Jahren die größte Bedrohung für die Privatsphäre dar?
Rotenberg: Die Bereitschaft der Menschen, den Verlust ihrer Privatsphäre hinzunehmen. Letztendlich hängt der Schutz unserer Privatsphäre, wie alle anderen sozialen und politischen Werte, wesentlich vom Willen der Öffentlichkeit ab. Wenn sich viele Menschen an den Gedanken gewöhnen, dass sie auf ihre Privatsphäre verzichten können, dann könnte sie in Zukunft tatsächlich gefährdet sein.
Kann die Bedrohung durch den Terror die Menschen dazu verleiten, ihre bürgerlichen Rechte aufzugeben?
Rotenberg: Das wäre möglich, aber ich bleibe optimistisch. Es hat in den USA Debatten über eine nationale Identitätskarte gegeben, doch sie wurde abgelehnt. Oder nehmen Sie das Total Information Awareness Programm des US-Verteidigungsministeriums. Dabei sollen mit Hilfe von Data-Mining-Techniken die Aktivitäten einzelner Menschen verfolgt werden, etwa wenn sie Reisepässe, Visa, Arbeitsbewilligungen, Führerscheine, Kreditkarten oder Flugtickets nutzen, Mietwagenverträge abschließen oder Waffen und Chemikalien kaufen. Auch hier war die Reaktion der Öffentlichkeit außergewöhnlich negativ. Die Menschen verstehen, dass die Privatsphäre ein sehr wichtiger Teil der modernen Gesellschaft ist, und wenn man sie verliert, bekommt man sie niemals zurück.
Gilt dies weltweit?
Rotenberg: Ja. Wir diskutieren viel mit Juristen, Technologiefachleuten und Politikern anderer Länder. Eines habe ich in den letzten 20 Jahren gelernt: Über die Notwendigkeit, die Privatsphäre zu schützen, sind sich die Menschen weltweit einig.
Das Interview führte Victor Chase