Prof. Dr. Christoph von der Malsburg (60) ist Leiter des Instituts für Neuroinformatik der Ruhr-Universität Bochum und des Laboratory for Computational and Biological Vision an der University of Southern California in Los Angeles. Er entwickelte eines der weltbesten Gesichtserkennungssysteme und gründete die Firma ZN Vision Technologies AG. Sein Verfahren wird derzeit für die Zutrittskontrolle an Berliner Flughäfen verwendet und auch europaweit von der Polizei eingesetzt
Wie unterstützt Phantomas, Ihr Verfahren zur automatischen Gesichtserkennung, die Ermittlungen der Polizei?
von der Malsburg: ZN-Phantomas sortiert die in einer Datenbank gespeicherten Bilder gesuchter Personen automatisch nach Ähnlichkeiten und zeigt sie dem Betrachter auf einem Monitor. Die Gesichtserkennungssoftware untersucht etwa 1 700 Punkte im Gesicht und das bei einer Geschwindigkeit von bis zu 10 000 Datensätzen pro Sekunde. Mit diesem Verfahren verdreifachte die Dortmunder Polizei die Wiedererkennungsquote.
Kann man damit auch Kriminelle über Kameras auf Flughäfen, Plätzen oder in Stadien aufspüren?
Malsburg: Das funktioniert überhaupt noch nicht. Und zwar deswegen, weil die heutigen Verfahren noch zu unflexibel sind. Das heißt, sie sind viel zu wenig robust gegenüber Gesichtsdrehungen zur Kamera oder Änderungen in der Beleuchtung. Dazu ist noch ein technologischer Sprung nötig.
Welcher?
Malsburg: Fotos aus Videoaufnahmen sind naturgemäß andere als das Bild in der Datenbasis. Damit aber trotzdem eine Identifikation möglich ist, muss sich das neu aufgenommene Bild tiefendrehen lassen, das heißt, es muss dreidimensional dargestellt werden. Außerdem muss sich die Beleuchtung auf dem Foto so verändern lassen, dass es mit dem gespeicherten Bild übereinstimmt. Ich denke, dass wir in ein oder zwei Jahren so weit sind.
Wie wird die Entwicklung weitergehen?
Malsburg: Sie wird sich nicht nur auf das Gesicht beschränken, sondern viele Hinweise integrieren, wie es auch unser Gehirn macht. Um jemanden zu erkennen, sehen wir ja nicht nur auf sein Gesicht, sondern nehmen auch die Körpergröße, Kleidung, Bewegung oder Gesten wahr. Das wird künftig auch bei biometrischen Verfahren einkalkuliert darauf weisen alle Entwicklungen hin.
Biometrische Verfahren sollen für den Nutzer komfortabel sein, aber auch hohe Sicherheit garantieren und billig sein. Ist das alles überhaupt zu leisten?
10 000 Gesichter kann "Phantomas" pro Sekunde automatisch vergleichen
Malsburg: Im Moment gibt es Konflikte zwischen diesen drei Forderungen. Doch technisch sehe ich keine grundsätzlichen Probleme, biometrische Verfahren sowohl komfortabel als auch sicher zu machen. Der Preis muss aber bei einigen Verfahren wie der Gesichtserkennung deutlich sinken. Das ist machbar, es hängt vor allem davon ab, dass Kameras mit integrierter Recheneinheit zum Massenprodukt werden. Sobald Millionen Stück abgesetzt werden, könnte ein solches System für etwa 10 zu haben sein. Dann wäre der Bann für die Gesichtserkennung gebrochen, und sie könnte vielfältig eingesetzt werden.
Das Interview führte Rolf Sterbak