Siemens hat im Geschäftsjahr 2002 etwa 7 000 Erfindungen zum Patent angemeldet, 7 % mehr als im Vorjahr. Inzwischen wird jede vierte Erfindung außerhalb Deutschlands gemacht, was auch die regionale Verteilung der Preisträger "Erfinder des Jahres" zeigt: Von den zwölf Ausgezeichneten arbeiten neun in Deutschland, einer in Mountain View, Kalifornien, einer in Mailand und einer in Peking. Beispielhaft stellen wir hier drei Erfinder für die Themenschwerpunkte "Materialien" und "Medizintechnik" dieser Ausgabe von Pictures of the Future vor.
Dass Ultraschall-Bilder jetzt viel einfacher, schneller und in höherer Qualität erstellt werden können, ist mit das Verdienst von Ismayil Güracar, der bei der Siemens-Gesellschaft Acuson in Mountain View, Kalifornien, arbeitet. Er hat mit seinem Team ein Verfahren entwickelt, um Ultraschallechos aus verschiedenen Schichten des Körpergewebes automatisch in einem von Patient zu Patient unterschiedlichen Maß zu verstärken. Damit bekommt gleichstrukturiertes Gewebe im Bild einen einheitlichen Helligkeitsgrad, was bislang die Geräteanwender manuell durchführen mussten. Darauf aufbauend hat Güracar jüngst die Darstellung von Kontrastmittel-Echos wesentlich verbessert. Mit einer speziellen Signalverarbeitung lassen sich diese Echos nun sehr gut von Gewebe-Signalen unterscheiden, und zwar auch dann, wenn sie aufgrund geringer Kontrastmittelkonzentrationen nur schwach sind. Zudem lässt sich die Kontrastmittelverteilung in Gefäßen und Organen anhand von Echtzeit-Bildern verfolgen.
Blick in den Körper mittels Ultraschall. Ismayil Güracar entwickelt die dazu nötigen Technologien zur Perfektion
Formel 1, Diesel und Benziner: Dank Andreas Kappel (oben) und Achim Przymusinski (unten) werden sie spritziger und umweltfreundlicher
Zwei Erfinder haben maßgeblich zur Entwicklung der Diesel-Einspritztechnik mit so genannten Piezo-Injektoren beigetragen, die vor zwei Jahren bei Siemens erstmals in Serie gingen. Inzwischen wurden bereits mehrere Millionen Injektoren hergestellt. Deren Herz, ein elektrokeramisches Vielschicht-Bauelement, das heute von Epcos gefertigt wird, verändert seine Länge, wenn eine elektrische Spannung angelegt wird. Mit Hilfe dieser Bewegung kann der Injektor innerhalb weniger zehntausendstel Sekunden bei einem Druck von 1600 Bar 1 mm³ Kraftstoff in den Verbrennungsraum einspritzen sogar mehrmals pro Arbeitstakt des Motors. Herkömmliche elektromagnetisch angetriebene Systeme sind dafür zu langsam. Mit der neuen Technik sinken Verbrauch und Emissionen. Jetzt will Andreas Kappel von Siemens Corporate Technology in München das Verfahren auch bei Benzinmotoren anwenden, damit deren Verbrauch auf Dieselniveau sinkt. Außerdem arbeitet er an der Leistungssteigerung von Formel-1-Motoren. Der Regensburger Entwickler Achim Przymusinski von Siemens VDO hat für die Steuerung von Serienmotoren eine Software erarbeitet, welche die energiesparende Mehrfacheinspritzung im Zusammenwirken mit der Motorelektronik erst ermöglicht.
Guido Gürtler (59) ist Leiter der Abteilung "Corporate Standardization & Regulation"
Warum sind Standards wichtig?
Gürtler: Mit Standards beginnt die urbane Zivilisation! Jäger und Sammler brauchen sie nicht, aber sobald man sesshaft wird und Handel treibt, braucht man einheitliche Maße und Gewichte. Im Übrigen hat sich die Bedeutung von Standards stark gewandelt: Früher war es einfach das nachträgliche Hinschreiben des Stands der Technik, heute ist es ein Instrument des globalen Wettbewerbs.
...etwa beim GSM-Standard, mit dem man in rund 150 Ländern mobil telefonieren kann. Wie entsteht ein solcher Standard?
Gürtler: Um 1980 hatten die Hersteller und die großen, noch monopolistischen Telefongesellschaften ein "Memorandum of Unterstanding" unterzeichnet. Dies diente zur Absicherung der risikoreichen und teuren Entwicklungsarbeiten der GSM-Produkte und begründete schließlich den Standard.
Dauert es wirklich so lange, Standards zu schaffen, wie es immer heißt?
Gürtler: Die internationalen Organisationen wie ISO, IEC und ITU haben die Normungszeiten inzwischen um einiges verkürzt allerdings liegen sie im Schnitt immer noch bei drei Jahren. Da so aber ein Konsens entsteht, den alle mittragen, lohnt es sich. Dann ist die Anwendung der Standards umso risikoärmer.
Und die Hersteller können versuchen, ihre Patente in die Standards einzubringen?
Gürtler: Ja, dafür haben die Normungsorganisationen Regeln verfasst. Meist muss man sehr frühzeitig bereits beim Vorschlag eines neuen Normungsvorhabens sein Patent bekannt geben und die Bereitschaft erklären, es zu fairen Konditionen zur Verfügung zu stellen.
Welche Vorteile hat es darüber hinaus, an Standards mitzuwirken
Gürtler: Das kommt darauf an, welche Position am Markt man anstrebt. Der Marktführer hat an der Standardisierung kein Interesse. Der setzt die Standards selbst. Der Marktzweite zieht aus der Mitarbeit in den Gremien den größten Nutzen. Dazu kommt aber noch etwas anderes: Wer das Setzen der Standards anderen überlässt, kann seine Produkte erst zu entwickeln beginnen, wenn die Standards bekannt werden. Wer aber an der Standardisierung mitwirkt, lernt die technischen Inhalte der Standards so frühzeitig kennen, dass er parallel zum Standardisierungsprozess seine Produkte entwickeln kann. Das zahlt sich aus.
Nun gelingt dies aber nicht immer. So gibt es zwar Standards für die Krümmung von Bananen, aber nicht für einheitliche Stecker in Europa. Warum nicht?
Gürtler: Stecker und Steckdosen werden meist von mittelständischen, eher regional ausgerichteten Firmen produziert allein in Italien gibt es drei verschiedene Steckersysteme. Der Grund, dass die Harmonisierung der Stecker steckengeblieben ist, ist einfach: Die beteiligten Firmen wollten keine Harmonisierung, da dies die herkömmlichen Industriestrukturen und Arbeitsplätze gefährdet hätte.
Dienen Standards nicht wie früher auch heute noch zur Marktabschottung?
Gürtler: Siemens hat sich der internationalen Standardisierung verschrieben, weil wir in über 190 Ländern der Welt Geschäfte machen und nicht nach vielen lokalen Standards fertigen wollen, was sehr viel teurer wäre. Daher setzen wir uns dafür ein, dass internationale Standards entstehen, die die besten Technologien enthalten und weltweit anerkannt sind: Nur so bilden sich globale Märkte mit all ihren Vorteilen für die Menschen.
Aus Ihrer Sicht ist also eine Abschottungspolitik nicht erfolgreich?
Gürtler: Wer versucht, seine lokalen Standards auch in anderen Gebieten der Welt durchzusetzen, wird bald feststellen, dass immer kleinere Märkte entstehen, was allen Beteiligten wirtschaftliche Nachteile bringt. Zur Zeit wird zudem von anderen verstärkt versucht, Standards zu Unternehmenskulturen und firmeninternen Verfahrensabläufen voran zu bringen. Solchen Ansätzen steht Siemens skeptisch gegenüber, weil sie in erheblichem Maß image- und wettbewerbsrelevant sind.
Sie würden also eine Herstellererklärung als ausreichend ansehen?
Gürtler: Mit Sicherheit. Siemens verantwortet seine Firmenkultur, seine Prozesse und die Qualität seiner Produkte selbst! Die Konformität mit Standards und effizienten Firmenregeln bringen wir mit einer eigenen Erklärung zum Ausdruck. Der Rest ist eine Frage des Vertrauens der Kunden. Die Wertschätzung unserer Produkte überlassen wir gerne dem Markt.
Das Interview führten Claudia Voss und Hartmut Runge