Bei der Untersuchung des Augenhintergrunds können Schädigungen des Sehnervs frühzeitig erkannt und die Gefahr einer Erblindung abgewendet werden
Noch ist die Medizin im Netz, die so genannte Telemedizin, den Ärzten vorbehalten. Per Telefon- oder Datenleitung können sie radiologische Bilder, Begleitinformationen und Laborergebnisse an ihre Kollegen übertragen, um sich beispielsweise bei der Diagnose abzusichern. Doch schon bald werden auch die Menschen daheim von der Telemedizin profitieren. Ein Diabetiker etwa kann künftig seine selbst ermittelten Blutzuckerwerte via Internet an ein System übertragen, das bei Auffälligkeiten sofort den Hausarzt informiert. Ohne ein solches System würden die verschlechterten Werte dem Arzt erst bei der vierteljährlichen Kontrolluntersuchung auffallen.
Möglich macht dies eine von Siemens Medical Solutions entwickelte internetbasierte Informations- und Telekommunikationsplattform namens MedStage. MedStage empfängt medizinische Daten aus unterschiedlichen Quellen und legt sie in einer elektronischen Gesundheitsakte auf einem Server ab. Gleich in mehreren europäischen Pilotprojekten bildet die Plattform das Grundgerüst für eine Vielzahl telemedizinischer Anwendungen im Bereich der Vorsorge, Früherkennung und Patientenüberwachung.
Entlastung für Ärzte. Die deutschen MedStage-Server stehen im Hochsicherheits-Rechenzentrum der Siemens Business Services in Fürth. Dort werden etwa alle Daten aus dem EU-Projekt DIADEM gespeichert, das dazu beitragen soll, die zu erwartende Kostenexplosion durch die Volkskrankheit Diabetes zu verhindern. Studien zufolge kos-tet ein Diabetiker das Gesundheitswesen das Anderthalbfache eines Gesunden. Richtig teuer wird es, wenn der Patient die Therapie schleifen lässt und es zu Folgeerkrankungen kommt. Denn dann können die Kosten auf das 20- bis 30-fache ansteigen. In Großbritannien etwa dürfte sich die Zahl der Diabetiker durch falsche Lebensweise zwischen 1995 und 2012 verdreifachen, eine dramatische Entwicklung.
Netzhautgefäße geben frühzeitig Auskunft über den Zustand des übrigen Gefäßsystems. Ziel der telemedizinischen Prävention: Herzinfarkt und Schlaganfallvermeiden
Genau hier setzt das DIADEM-Projekt an, das Anfang 2002 gestartet wurde und bis Juni 2003 dauert. So messen in einem Teilprojekt in Cardiff (Wales) Diabetiker ihre Blutzuckerwerte wie gewohnt, geben diese aber umgehend telefonisch oder per Internet an einen MedStage-Server weiter. Bei auffälligen oder fehlenden Werten informiert MedStage automatisch einen Call-Center-Mitarbeiter, der sich beim Patienten meldet und ihm nahe legt, den Blutzuckerspiegel regelmäßig zu erfassen oder die Diät strikt einzuhalten. "Der Diabetiker sucht nur noch dann seinen Arzt auf, wenn es wirklich erforderlich ist", sagt Dr. Eva Rumpel, die DIADEM-Projektleiterin bei Siemens Medical Solutions. Im zentralisierten Gesundheitssystem Großbritanniens will man dadurch die langen Wartelisten bei den Hausärzten reduzieren. "In Ländern mit einem steuerfinanzierten Gesundheitswesen wie Großbritannien macht sich Früherkennung am ehesten bezahlt", sagt Dr. Volker Schmidt, der bei Siemens Medical Solutions für MedStage Disease Management und Screening verantwortlich ist. "Deshalb werden wir uns dort in Zukunft verstärkt engagieren und unsere telemedizinischen Aktivitäten ausbauen."
Sprechende Augen. Im EU-Projekt TOSCA wurde im vergangenen Jahr ein Telescreening-Verfahren entwickelt und bewertet, mit dem Ärzte krankhafte Veränderungen der Netzhaut frühzeitig feststellen und eine drohende Erblindung verhindern können. Die zweithäufigste Ursache für eine Erblindung ist in den Industrieländern der grüne Star (Glaukom). Dabei schädigt ein permanentes Missverhältnis von Augeninnendruck und Außendruck den Sehnerv, so dass das Gesichtsfeld stark eingeschränkt wird. Diabetiker hingegen drohen aufgrund krankhafter Wucherungen der Augengefäße (diabetische Retinopathie) zu erblinden. "Insgesamt 20 verschiedene Partner arbeiteten im Projekt TOSCA zusammen – eine gelungene Mischung aus Kliniken, Forschungsinstituten und Industrieunternehmen", sagt TOSCA-Projektleiterin Dr. Gudrun Zahlmann von Siemens Medical Solutions. "Es gelang uns, die Aufnahmen des Augenhintergrunds, Patientendaten- und Bild-Managementsysteme in einer gemeinsamen telemedizinischen Plattform, nämlich MedStage, zusammenzuführen."
In München wurden Mitglieder der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) via Telescreening auf Glaukom untersucht, im Teilprojekt in Cardiff rund 2 200 Diabetiker überprüft. Die Bilder wurden via Internet auf den MedStage-Server übertragen und von Spezialisten mittels Bildanalysesoftware ausgewertet. "Immerhin in 10 % der Fälle waren Auffälligkeiten zu erkennen, die einer medizinischen Klärung bedurften", resümiert Zahlmann. Erste Verdachtsfälle fanden die Ärzte bereits bei 30- bis 40-Jährigen, obwohl Glaukom bisher als typische Alterskrankheit gilt, die in der Regel erst ab 55 Jahren auftritt. Zur Entlastung der Ärzte soll die MedStage-Software künftig die Bilder automatisch auswerten. Die Ärzte bekommen dann nur noch die Verdachtsfälle zu sehen. Während in Deutschland flächendeckende und damit sehr kostspielige Screenings eher die Ausnahme bleiben, erhofft man sich in Großbritannien, damit die Zahl der an diabetischer Retinopathie Erblindeten deutlich zu reduzieren. Wer ein erhöhtes Risiko trägt, am grünen Star zu erkranken, der kann darüber hinaus heute schon seinen Augeninnendruck mit einem Tonometer regelmäßig messen und die Werte per Internet dem behandelnden Arzt übermitteln.
Ein Schritt hin zu einer noch stärkeren Automatisierung von Reihenuntersuchungen wurde im Pilotprojekt t@lkingeyes gemacht. Im Raum Erlangen ließ die SBK den Augenhintergrund von über 7 000 Personen mit einer Spezialkamera fotografieren. Fachärzte des Universitätsklinikums Erlangen bestimmten anhand des Zustands der Netzhautgefäße das Schlaganfall-Risiko. "Das Interesse an dieser Früherkennung war riesengroß", sagt Dr. York Dhein, Fachexperte für Vertrags- und Versorgungsmanagement bei der SBK. Zehn Minuten dauerte die Untersuchung, wobei die Patienten zudem in einem mehrseitigen Fragebogen Angaben zu persönlichen Risikofaktoren machten. Alle Daten wurden per Internet an die Ärzte übertragen und mit Hilfe einer Software analysiert. Aus dem Ergebnis der Bildauswertung und den Angaben im Fragebogen berechnete ein Programm das Schlaganfall-Risiko. Bei 11,2 % der Untersuchten wurde ein stark erhöhtes Risiko festgestellt, und 9,2 % hatten ein erhöhtes Risiko, von dem sie zuvor nichts ahnten. Die Betroffenen wurden gebeten, sich mit ihrem Hausarzt in Verbindung zu setzen. Aufgrund des großen Interesses wird die SBK t@lkingeyes ab April 2003 in vier weiteren Städten mit Siemens-Standorten anbieten.
Dank Telemedizin – beispielsweise Tests für daheim (siehe Insert oben) – können auch Menschen betreut werden, die den Gang zum Arzt scheuen. Doch auch das medizinische Personal profitiert davon, da sich Abläufe in Diagnostik, Früherkennung und Vorsorge effizienter organisieren lassen. So hilft das Internet schon bei der Planung einer Reihenuntersuchung, die Zielgruppe effizient ausfindig zu machen und Termine zu vereinbaren. Auch beim Auswerten und Erstellen der Befunde unterstützen telemedizinische Anwendungen den Arzt. Ganz werden sie ihm die Arbeit künftig jedoch nicht abnehmen können, zumal auch rechtliche Fragen noch ungeklärt sind.
Michael Lang
In Zeiten knapper Kassen im Gesundheitswesen fordern Politiker aller Parteien mehr Eigenverantwortung und Vorsorge von den Menschen. Ein technisches Hilfsmittel könnte der persönliche Fitnesstrainer sein, den Dr. Markus Jäger von Siemens Corporate Technology (CT) in München konzipiert hat: Dessen Bestandteile sind z.B. der Brustgurt eines Pulsmessers oder eine EKG-Folie, die übers Herz geklebt wird und mit einem wiederverwendbaren Funksender arbeitet (auch ein GPS-Ortungssender könnte damit kombiniert werden). Alle Sensoren funken ständig ihre Messwerte zu einem Empfänger, der sich etwa in ein Handy integrieren lässt. Das Handy überträgt die Daten dann auf einen Server im Internet, der anhand der Werte einen individuellen Trainingsplan erstellt. Markus Jäger plant zudem intelligente Software-Agenten, die selbstständig eine Kommunikation zwischen dem Trainingsserver und anderen Webservern herstellen. "Ein Essens-Server könnte anhand der Messwerte einen individuellen Diätplan zusammenstellen", erläutert Jäger. "Andere Agenten könnten dann im intelligenten Kühlschrank des Trainierenden nachschauen, ob die Lebensmittel für die Diät vorhanden sind." Der Forscher sucht noch nach einem Partner, der den Fitnesstrainer auf den Markt bringen möchte. Jäger ist überzeugt, dass sich "dieses Konzept innerhalb weniger Monate verwirklichen lässt". Wahrscheinlich ist es daher nur eine Frage der Zeit, bis wir die vielfältigsten Vorsorgeuntersuchungen selbst zu Hause durchführen. Die dazu notwendigen Sensoren könnten auch in die Kleidung integriert sein, vielleicht sogar in einen Schlafanzug. Die Sensoren würden uns dann in der Nacht überwachen und die Messwerte ins Internet funken – Vorsorge im Schlaf.
Treffsichere Fragen dank schlauer Software. Eine andere Arbeitsgruppe bei Siemens Corporate Technology beschäftigt sich mit Themen der Künstlichen Intelligenz wie selbstlernende Kausale Netze. "Unser erstes Projekt auf der Grundlage Kausaler Netze war der HealthMan", sagt Projektleiter Dr. Joachim Horn. Eine derartige Software wird vom Arzt mit Patientendaten gefüttert und kann dann selbstständig einen der Anamnese nachempfundenen Frageprozess durchführen. Wie in einem richtigen Arzt-Patienten-Gespräch hängt die nächste Frage stets von der vorangegangenen Antwort ab. Der HealthMan läuft auf einem Notebook und berät derzeit Familien beim Umgang mit erkrankten Kleinkindern. Eine Weiterentwicklung ist der HeartMan, der beim Hamburger Unternehmen Pro Consilio getestet wird. Ziel ist es, Herzinsuffizienz-Patienten zu helfen. Einmal in der Woche ruft ein Betreuer den Patienten an, um festzustellen, ob ein Arztbesuch erforderlich ist. Während der Betreuer früher ohne den HeartMan lediglich eine starre Liste abfragte, etwa ob der Patient in der Nacht Harndrang hat oder unter Atemnot leidet, wird der Dialog heute durch das selbstlernende System unterstützt, was eine gezielte, individuell angepasste Zustandsabfrage erlaubt. "Das System entscheidet selbst, welche Informationen zur Bewertung des Krankheitszustands relevant sind", erklärt Dr. Volker Tresp, Kompetenzfeldleiter bei CT. Wenn z.B. bekannt ist, dass ein Patient Asthmatiker ist, dann bewertet der HeartMan das Symptom Atemnot ganz anders in seiner Bedeutung für die Herzinsuffizienz. Der HeartMan kann sich so auf das Wichtige konzentrieren und verschwendet keine Zeit damit, bereits Bekanntes abzufragen.