Prof. Dr. Jörg F. Debatin (41) ist seit August 1999 Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie des Universitätsklinikums Essen. Seine mehr als 150 Mitarbeiter führen täglich zwischen 400 und 500 radiologische Untersuchungen durch. Er hat das Essener Konzept zur bildgestützten Früherkennung mitentwickelt: In nur 60 min. lassen sich mit der Magnetresonanztomographie das zentrale Nervensystem, das gesamte Gefäßsystem, Herz, Lunge, Leber, Nieren und Dickdarm darstellen und Vorstufen von Erkrankungen feststellen
Herr Professor Debatin, Sie setzen voll auf Früherkennung und Vorsorge. Wollen die Menschen überhaupt wissen, wie es um sie bestellt ist?
Debatin: Die Mehrzahl schon. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie sehr sich die Leute für gesundheitliche Aufklärung interessieren. Sie wollen wissen, wie sie möglichst lange gesund bleiben können und wie sich Erkrankungen frühzeitig entdecken und behandeln lassen. Bildgebende Verfahren wie Magnetresonanz(MR)- oder Computertomographie dienen nicht nur der Früherkennung, sondern können auch dazu beitragen, dass ein Patient seine Lebensweise ändert. Ein Beispiel: Schätzungsweise zwei Drittel aller Menschen mit Bluthochdruck nehmen ihre Medikamente nicht. Warum? Nun, sie fühlen sich gut und wiegen sich in vermeintlicher Sicherheit. Wenn ich ihnen aber MR-Bilder des Kopfes zeige und sage "Sehen Sie die hellen Punkte in Ihrem Kopf? Das sind Mikroinfarkte, weil Sie Ihre Medikamente nicht genommen haben", dann hat dies einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Bereitschaft der Patienten, an therapeutischen Maßnahmen aktiv mitzuwirken.
Aber solche Bilder schüren doch Ängste bei den Patienten...
Debatin: Nein, ich glaube eher, dass sie beeindrucken. Angst entsteht ja nur dann, wenn ich den Menschen mit der Diagnose alleine lasse. Ich kann ihm aber eine Therapie anbieten und helfen, seine Lebensqualität in Zukunft zu verbessern. Wenn ich einem 45-jährigen Raucher seine verkalkte Hauptschlagader zeige, wird er sich überlegen, ob er zur nächsten Schachtel Zigaretten greift.
Also für mich klingt das aber schon sehr nach dem mahnenden Zeigefinger: Sehen Sie genau hin, da ist etwas Böses in Ihrem Körper...
Debatin: Richtig. Wir nennen das Bild-Schock-Therapie. Und ich kann Ihnen sagen, sie ist erstaunlich wirksam. Jetzt könnten Sie einwerfen, dass ich anderen den Spaß an ihrer Lebensweise verderbe. Ich sehe das anders. Das Schlimmste ist doch, dass viele Leute gar nicht wissen, dass sie eine Wahl haben. Nämlich die Wahl, kurz zu leben mit Spaß und Risikofaktoren oder lang zu leben mit vielleicht etwas weniger Spaß. Ich bin der Meinung, man sollte unbedingt die Möglichkeit haben, sich bewusst für eines von beiden zu entscheiden. Ich kenne niemanden, der hier im Klinikum auf Station liegt und behauptet, er wolle lieber kürzer leben.
In den USA können sich Selbstzahler von Kopf bis Fuß per Computertomograph, also mit Röntgenstrahlen, durchleuchten lassen. Können die Ärzte damit alle Erkrankungen frühzeitig aufspüren?
Debatin: Nein. In den USA wird eine Ganzkörper-CT ohne intravenöses Kontrastmittel durchgeführt. Ich halte eine solche Untersuchung schlichtweg für medizinischen Unfug, weil der diagnostische Nutzen sehr gering ist. Denn ohne Kontrastmittel kann der Radiologe Schädigungen im Kopf, den Nieren oder der Leber kaum erkennen. Außerdem ist die Strahlenbelastung sehr hoch. Noch bedenklicher ist aber, dass bei den Menschen ein falsches Gefühl von Sicherheit geweckt wird. Sie meinen dann, sie seien kerngesund, weil die Ärzte auf den Bildern nichts Verdächtiges gesehen haben. Aber weder Blut noch Urin wurden untersucht.
Mit einer Ganzkörper-MR-Angiographie lassen sich die Arterien von Kopf bis Fuß dreidimensional erfassen. Die Untersuchung im MR-Tomographen dauert nur 72 s
Das ist also eher kontraproduktiv...
Debatin: Das was in den USA zur Zeit gemacht wird, ist sicherlich nichts, was sich am Markt durchsetzen wird. Ganz generell halte ich es nicht für sinnvoll, sich bei der Früherkennung auf die bildliche Ganzkörperdarstellung zu beschränken. Zu einer ganzheitlichen Strategie gehört für mich neben der Bildgebung im strahlen- und nebenwirkungsfreien MR-Tomographen das ärztliche Gespräch mit anschließender körperlicher Untersuchung, Belastungs-EKG sowie die umfangreiche Laboranalyse von Blut und Urin. Ein derartiges Vorsorgeprogramm haben wir hier in Essen entwickelt. Im April 2003 hat unser "Praeventicum" der Allgemeinbevölkerung seine Tore geöffnet für eine umfassende Früherkennungsuntersuchung unter Einbeziehung der Ganzkörper-MR-Tomographie.
In welchem Alter sollte man denn so einen Ganzkörper-TÜV durchführen lassen?
Debatin: Die über 45-Jährigen sollten es sich überlegen, und die über 50-Jährigen sollten sich unbedingt umfassend checken lassen.
Wie viel kostet eine solche Untersuchung, und kommen die Krankenkassen dafür auf?
Debatin: Ein Praeventicum-Kunde bezahlt für das komplette Programm rund 1 500 . Da es sich um eine Verlangensleistung handelt, brauchen die Kassen nichts erstatten.
Aber senkt es denn nicht die Kosten im Gesundheitswesen?
Debatin: Von den meisten Krankenkassenmitgliedern wird angenommen, dass Versicherungen ein primäres Interesse an Früherkennungs- und Vorsorgemaßnahmen haben müssten. So ist es aber nicht. Denn jede Strategie, die lebensverlängernd wirkt, kostet die Kassen meines Erachtens letztendlich sogar mehr Geld. Denn dann sterben die Menschen eben in höherem Alter und haben dementsprechend mehr Krankheiten. Die Vorstellung, dass sich im Gesundheitswesen mit Prävention Geld sparen lässt, ist denke ich eine Mär. Für die Volkswirtschaft können sich Früherkennung und Vorsorge aber durchaus lohnen, denn gesunde Berufstätige fallen nicht wegen Krankheit aus, können also prinzipiell bis ins hohe Alter berufstätig bleiben und ihre Steuern sowie Rentenbeiträge zahlen.
Sind privat Krankenversicherte besser dran als gesetzlich Versicherte?
Debatin: Ich finde, wir müssen in Deutschland davon wegkommen, dass immer eine Versicherung im Spiel sein muss, wenn die Leute etwas für ihre Gesundheit tun. Ich ziehe an dieser Stelle gern den Vergleich zur Autoversicherung. Da haben wir eine Haftpflichtversicherung, Vollkasko, Teilkasko, mit oder ohne Eigenbeteiligung. Aber wer käme auf die Idee, sich für eine Autoinspektion versichern zu lassen? Es besteht ja kein Zwang, dass die Fahrzeughalter ihr Gefährt regelmäßig durchchecken lassen, aber wir wissen doch alle, dass dies sinnvoll ist. Das lässt sich auch auf die Gesundheit übertragen, für die jeder Einzelne mehr Verantwortung übernehmen sollte. Es geht nicht darum, ob die Person privat oder gesetzlich krankenversichert ist, sondern ob sie bereit ist, für die Inspektion des eigenen Körpers finanzielle Mittel aufzuwenden. Genauso wie für die Autoinspektion.
Aber das können sich vielleicht nicht alle leisten...
Debatin: Hier sind insbesondere die Gesundheitspolitiker gefragt, Modelle für Menschen aus niedrigen Einkommensgruppen zu entwickeln. Die Eigeninspektion könnte beispielsweise steuerlich gefördert werden. Meine Vision ist, dass die Menschen in Deutschland in den kommenden Jahren begreifen werden, dass sie für ihre Gesundheit selbst zuständig sind. Der Versicherungsschutz kann erst greifen, wenn man krank ist.
Das Interview führte Ulrike Zechbauer
Vorstufen des Schlaganfalls, der Arteriosklerose, des Herzinfarkts, des Darmkrebs, des Lungenkrebs, des Diabetes mellitus, des Bluthochdrucks, der Lebererkrankungen, des Prostatakrebs, der Nierenerkrankungen, der Fettstoffwechselstörungen und der Schilddrüsenerkrankungen