Dr. Sue Barter (47) ist beratende Radiologin beim britischen National Health Service (NHS) und Leiterin der Abteilung für Brusterkrankungen in der Radiologie am Royal College
Welche Rolle spielt die Vorsorgemedizin in Großbritannien?
Barter: Für Herzerkrankungen, Raucherentwöhnung und Gebärmutterhalskrebs hat die britische Regierung Ziele vorgegeben, die erreicht werden sollen. Das Brustkrebs-Screening-Programm (BSP) wird zudem staatlich gefördert. Alle Frauen in der Altersgruppe von 50 bis 65 Jahren sollen daran teilnehmen, und es wird landesweit auf Frauen bis 70 ausgeweitet. Der Grund für diese Altersregelung ist rein ökonomisch. Denn bei noch älteren Frauen nimmt der Nutzen ab. Zwar steigt mit zunehmendem Alter die Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken, doch die Zahl der dadurch bedingten Todesfälle sinkt.
Wie funktioniert das Screening?
Barter: Alle drei Jahre erhalten Frauen in den genannten Altersgruppen automatisch eine Einladung. Dieser Zeitraum wurde kontrovers diskutiert, aber Studien zeigten, dass drei Jahre ideal sind, um möglichst viele Krebsfälle rechtzeitig zu entdecken. Da das BSP hohen Wert auf Qualitätssicherung legt, werden die Mammographien zentral verarbeitet. Außerdem wird jede im Allgemeinen von zwei Ärzten begutachtet. Unser Ziel ist es, mehr als drei Viertel der eingeladenen Frauen zu untersuchen. Wenn Frauen nicht zur Früherkennung erscheinen, liegt es entweder daran, dass sie die Untersuchung privat vornehmen lassen oder das Ergebnis gar nicht wissen wollen.
Wie erfolgreich ist das Programm?
Barter: Das BSP wurde 1988 gestartet. Statistiken zeigen, dass nach zehn Jahren die Zahl der Todesfälle dadurch um etwa 25 % gesenkt werden konnte. Dazu sind allerdings sehr hohe fachliche Standards erforderlich: Um als Arzt die Zulassung fürs BSP zu erhalten, muss man pro Jahr mehr als 5 000 Mammographien durchführen.
Mit dem 1988 eingeführten Brustkrebs-Screening-Programm konnte der NHS die Zahl der Todesfälle in England und Wales deutlich senken (durchgezogene Linien). Die gestrichelten Kurven zeigen die zu erwartenden Sterblichkeitsraten pro 100 000 Frauen, wenn es kein Screening gäbe
Nun hat eine Mammographie aber auch einige Nachteile. So besteht ein kleines Risiko, durch die Röntgenstrahlung an Krebs zu erkranken, oder eine Fehldiagnose gestellt zu bekommen, was zu psychischem Stress oder unnötigen chirurgischen Eingriffen führen kann. Informieren Sie die Frauen über solche Risiken?
Barter: Das Risiko, durch die Röntgenstrahlen an Krebs zu erkranken, ist sehr gering. Denn die Menge der Strahlung, der man sich aussetzt, entspricht in etwa der auf einem Flug von Großbritannien nach Australien und zurück. Alle am BSP teilnehmenden Frauen erhalten eine Broschüre, die auf Risiken hinweist und darüber informiert, dass in wenigen Fällen der Krebs nicht erkannt wird. Sehr, sehr wenige Frauen entschließen sich dann gegen ein Screening. Was die Falsch-Positiv-Befunde betrifft: Weniger als 7 % der Frauen, die sich einem Screening unterziehen, werden nach der ersten Runde noch mal für eine Nachuntersuchung einbestellt, und in den folgenden Runden sind es weniger als 5 %. Nur sehr wenige müssen dann eine Biopsie durchführen lassen. Nur eine von zehn Frauen, die zu einer Nachuntersuchung einbestellt werden, hat schließlich tatsächlich Brustkrebs.
Wie wirtschaftlich arbeitet das Screening-Programm?
Barter: Vergleicht man die Kosten für den National Health Service mit denen einer Behandlung und den Folgebehandlungen bei Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium, so ist das Screening definitiv rentabel. Die von uns entdeckten Tumore sind kleiner, so dass im Hinblick auf die Folgebehandlungen Kosten eingespart werden. Die Regierung würde sich auf das Screening nicht einlassen, wenn es nicht rentabel wäre.
Wird das Programm künftig noch erweitert?
Barter: Das Screening von Frauen in der Altersgruppe von 40 bis 49 Jahren wird kontrovers diskutiert. Im Rahmen einer Risiken-Nutzen-Studie wird auch eine Untersuchung zur Effektivität des Screenings bei 40-jährigen Frauen durchgeführt. Für Frauen mit Brustkrebsfällen in der Familie gibt es derzeit keine nationalen Richtlinien.
Arbeiten andere Vorsorgemaßnahmen nach einem ähnlichen Modell?
Barter: Das Gebärmutterhalskrebs-Screening funktioniert ähnlich. Der Gynäkologe macht einen Abstrich und schickt ihn an ein Zentrallabor. Die Auswertung wird von einem Computer vorgenommen, die Daten werden in einer zentralen Datenbank gespeichert. Andere Vorsorgeprogramme, wie die Förderung eines gesünderen Lebensstils zur Vermeidung von Herzerkrankungen, werden vom Gesundheitsministerium gesteuert, und man hat sich der Schutzimpfungen bei Kindern angenommen.
Denken Sie, dass Vorsorgemedizin in Zukunft an Bedeutung noch zunehmen wird?
Barter: Ja, unbedingt. Ich glaube, die Öffentlichkeit und die Regierung haben erkannt, dass man zur Verbesserung der Volksgesundheit hauptsächlich in diesen Bereich investieren sollte. Seit vier oder fünf Jahren ist Vorsorge ein Topthema in Großbritannien. Letztlich geht es immer darum, die Menschen für ihre Gesundheit zu sensiblisieren.
Das Interview führte Karen Rafinski
Dank der digitalen Mammographie stehen die Bilder sofort nach der Untersuchung zur Verfügung und können vom Arzt ausgewertet werden. Digitale Aufnahmen lassen sich am Bildschirm bearbeiten und per Knopfdruck elektronisch versenden, etwa an einen Arztkollegen zur Zweitbefundung oder auch an ein Krebsregister. Auf dem Bild rechts ist ein bösartiger Knoten zu erkennen (weißer Fleck rechts oberhalb der Mitte)
In der Europäischen Union wird alle 2,5 min. die Diagnose Brustkrebs gefällt, alle 6,5 min. stirbt eine Frau an dieser Krankheit. Brustkrebs ist in den Industrienationen die Todesursache Nummer 1 für Frauen zwischen 35 und 55 Jahren. Durchschnittlich jede neunte Frau erkrankt im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs. In den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und den USA werden, z.T. seit über 10 Jahren, Mammographie-Screening- Programme durchgeführt, an denen sich über 70 % der Frauen im Alter zwischen 50 und 69 Jahren beteiligen. Mit Erfolg: Qualitätsgesichertes Mammographie-Screening senkt laut WHO die Mortalitätsrate um bis zu 35 %. Das wird aus den Langzeitdaten der genannten Länder abgeleitet (Quelle: International Agency for Research on Cancer, IARC pr138a).
Das Europäische Parlament, in dem gegenwärtig ein Bericht zur Brustkrebsvorsorge in der Europäischen Union erarbeitet wird, fordert alle Mitgliedstaaten der EU auf, Mammographie-Screenings nach EU-Leitlinien einzuführen. Diese schreiben hohe Qualitätsstandards nicht nur für die Geräte fest, sondern auch hinsichtlich der Ausbildung der Ärzte und einer Doppelbefundung durch einen zweiten unabhängigen Mediziner.
Karl-Jürgen Schmitt