John Clymer (42) ist Präsident der in Washington D.C. ansässigen Organisation "Partnership for Prevention" (? www.prevent.org), die sich für eine effektive Krankheitsvorbeugung und Gesundheitsförderung stark macht. Zu ihren Mitgliedern zählen Unternehmen, politische Einrichtungen, Forschungsinstitute, Krankenversicherungen und andere Organisationen des Gesundheitswesens
Welche Rolle spielt die Vorsorgemedizin im amerikanischen Gesundheitswesen?
Clymer: Das Wissen über die Vorbeugung von Krankheiten und Unfällen ist in den USA weit verbreitet. Beispiel Schutzimpfungen: Wir impfen heute deutlich mehr Kinder, haben die Bandbreite der Impfungen erweitert und dadurch viele tödliche oder schwer schädigende Krankheiten zum Verschwinden gebracht. Während weltweit noch immer mehr als 800 000 Menschen pro Jahr an Masern sterben, sind sie in den USA praktisch kein Thema mehr. Andererseits ist es ein Skandal, dass in diesem Jahr immer noch etwa 20 000 Amerikaner an einer Grippe oder den Begleiterscheinungen sterben werden, wo es doch auch hier sehr gute und sichere Vorsorgemaßnahmen gibt.
Inwieweit kann denn ein amerikanischer Durchschnittsbürger Vorsorgemaßnahmen überhaupt nutzen?
Clymer: Sie stehen fast allen Amerikanern zur Verfügung, sollten allerdings von den Patienten und den Versicherungen künftig noch stärker genutzt werden. Ein Problem ist, dass unser Gesundheitssystem auf verschiedenste Leistungsarten und Zahlungsmodalitäten setzt, die wiederum sehr unterschiedlichen Grundsätzen und Praktiken folgen. Vorsorgemedizin hat in den USA ganz offensichtlich einen anderen Stellenwert als ärztliche Behandlung. Braucht ein Patient einen Bypass, würde niemand die Operation davon abhängig machen, ob der Operationserfolg in einem sinnvollen Verhältnis zu den Kosten steht. Schlägt aber jemand vor, alle Kinder gegen eine Pneumokokken-Infektion zu impfen, wird gleich die Frage nach der Kosten-Nutzen-Relation gestellt.
Ist Vorbeugung langfristig gesehen denn nicht wirtschaftlich?
Clymer: Es ist ein verbreitetes Missverständnis, dass Vorbeugung immer Geld einspart. Manchmal tut sie das nicht. Oft entscheiden wir als Gesellschaft, dass gewisse Kosten gerechtfertigt sind, wenn es um die Erhaltung der hohen Lebensqualität oder der Mobilität und Leistungsfähigkeit eines Menschen geht, der seinen Beitrag zur Gesellschaft leistet.
Wer bezahlt in den USA für Vorsorgemaßnahmen?
Clymer: Interessanter ist die Frage: Wer bezahlt am Ende für die Folgen mangelnder Vorsorge? Jeder bezahlt, und zwar durch seine Beiträge für das staatliche System der Pflege- und Krankenversicherung. Hierzulande darf niemandem der Zugang zur medizinischen Notversorgung verwehrt werden. Kann jemand Vorsorgemaßnahmen nicht in Anspruch nehmen und muss daher warten, bis die Schwere der Krankheit ihn zum Notfallpatienten macht, so werden die Kosten hierfür einfach umgeschichtet und auf alle umgelegt. Es sind versteckte Kosten.
Wird denn die Vorsorgemedizin in Zukunft an Bedeutung zunehmen?
Clymer: Der Präsident und seine Regierung haben mit viel Tamtam die Initiative "Healthier U.S." (Gesünderes Amerika) gestartet und die Wichtigkeit der Vorsorge und Gesundheitsförderung betont. Jetzt bleibt abzuwarten, ob sie diese Initiative politisch auch umsetzen und der Vorbeugung einen höheren Stellenwert einräumen werden. Ich hoffe, dass sie Wort halten.
Das Interview führte Karen Rafinski