Mehr als 70 % des Bruttosozialprodukts westlicher Industrieländer beruht auf Werkstoffen. Doch die Wertschöpfung liegt weniger in der Produktion neuer Materialien, sondern eher in den Veredelungsprozessen. Beispiel Compact Disc: Das Material, ein Polycarbonat, kostet 0,10 , die Herstellung der CD etwa 1 . Bespielt wandert sie für 15 über den Ladentisch.
Ein Feld der Materialwissenschaft wird künftig die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen: die Nanotechnologie. Sie wird mit ihren gezielten Eingriffen auf atomarer Ebene Lacke kratzfest und Gläser wasserabweisend machen, Computertechnologie, Laser und Displays revolutionieren und in der Medizintechnik neue Wege eröffnen (siehe Beitrag Nanotechnologie). "Sie wird in fast allen Industriezweigen Einzug halten", prognostiziert Dr. Andreas Leson, Nanotech-Experte am Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik in Dresden.
Unklar ist aber die derzeitige und künftige Größe des Marktes: Reine Nanotech-Produkte wie Nanopulver oder nanostrukturierte Materialien erzielen Rechnungen der Deutschen Bank zufolge weltweit zur Zeit einen Umsatz von etwa 21 Mrd. . Davon profitieren vor allem Chemiefirmen. Doch da die Nanotechnologie keine eigenständige Industrie ist, "ist es sinnvoller, nicht die Nanoprodukte selbst, sondern die Endprodukte, die dadurch beeinflusst sind, zu betrachten", sagt Dr. Matthias Werner, Leiter des Innovation Team der Deutschen Bank. Er errechnete für Produkte etwa Festplatten oder Displays , in die Nanokomponenten einfließen, ein aktuelles Weltmarktvolumen von mehr als 110 Mrd. . Dagegen hat der Verein Deutscher Ingenieure für Nanoprodukte im Jahr 2001 einen Weltmarkt von "nur" 50 Mrd. ermittelt mit einem jährlichen Wachstum von 15 bis 17 %. Darin sind ebenfalls die Produkte enthalten, bei denen Nanotech die Funktionalität wesentlich mitbestimmt, wie bei den Magnetleseköpfen in Computerfestplatten, die allein einen Umsatz von rund 34 Mrd. ausmachen. Fürs Jahr 2005 schätzt das Bankhaus Sal. Oppenheim das Nanotech-Umsatzpotenzial auf 200 Mrd. . Die amerikanische National Science Foundation prophezeit sogar, dass der Umsatz aller Produkte, die auf Nanotech-Methoden beruhen, bis 2008 auf 700 Mrd. US-$; klettern dürfte.
Ungeachtet der weit auseinander liegenden Marktprognosen setzen sowohl Großunternehmen als auch staatliche Institutionen große Hoffnungen in die neuen Materialien aus dem Molekülbaukasten. "Elektronik- und Chemiekonzerne, aber auch die Pharmaindustrie werden in hohem Maß davon profitieren", sagt Tim Harper, Vorstandsvorsitzender der Research-Firma CMP Científica, die sich auf die Beobachtung der weltweiten Nanotech-Aktivitäten spezialisiert hat. Bei der Entwicklung von Nanotechnologien liefern sich die Industrienationen einen harten Wettbewerb. Gemeinsam haben Unternehmen und Regierungen im Jahr 2002 weltweit 5 Mrd. US-$ in die Nanotech-Forschung investiert. Die Spitzenposition unter den staatlichen Förderern nimmt dabei Japan mit 650 Mio. US-$ ein, gefolgt von den USA mit 604 und der Europäischen Union mit knapp 325 Mio. US-$. Im letzten Wert sind die Ausgaben der einzelnen EU-Länder noch nicht enthalten. Deutschland beispielsweise förderte die Nanoforschung mit 153 Mio. US-$ (im Jahr 2001). Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn begründete dies unlängst mit den Worten: "Wir machen Ernst mit einer eindeutigen Prioritätensetzung zu Gunsten der Nanotechnologie".
Anette Freise
