Prof. Dr. Harry Kroto (63) erhielt für die Entdeckung der Fullerene 1996 anteilig den Nobelpreis für Chemie. Er forscht an der University of Sussex, England, an Nanoröhren und widmet sich der verständlichen Präsentation von Technik im Fernsehen
Wie definieren Sie Nanotechnologie?
Kroto: Als Moleküle, die Dinge tun.
Das ist alles?
Kroto: Nun, ich denke dabei an Moleküle mit Funktionen. Die Fortschritte finden in der Nanowissenschaft statt, die Anwendungen in der Nanotechnologie. Biomoleküle wie Hämoglobin illustrieren, wozu wir in Zukunft fähig sein könnten: molekulare Maschinen zu bauen.
Was ist dabei für Sie das Spannendste?
Kroto: Die Nanotechnologie könnte uns den Weg zu wirklich "grünen" Technologien weisen. Wir könnten damit z.B. extrem starke und leichte Materialien bauen, also auch Autos und Flugzeuge mit viel weniger Energieverbrauch.
Wo lohnt es sich sonst noch zu forschen?
Kroto: Nun, z.B. beim Molecular Computing, also Rechner mit Nanotechnologie. Das öffnet die Tür für Supercomputer mit winzigen Energiequellen und Chips, millionenfach kleiner als die heutigen. Das Weltwissen hätte Platz in Ihrer Tasche. Diese Materialien gibt es, aber es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir sie kommerziell nutzen können.
Wie lange könnte das dauern?
Kroto: James Watt brauchte 60 Jahre, um einen Kondensator auf seine Dampfmaschine zu setzen was im Vergleich zur Nanotechnologie eher banal erscheint. Es gibt also viel zu tun.
Wann könnten denn die Nanoprodukte auf den Markt kommen?
Kroto: Bis zu den wirklich revolutionären Anwendungen könnte es noch 20 bis 40 Jahre dauern. Vorhersagen sind aber sehr schwierig. Das Internet hat niemand vorhergesehen. Auch nicht den Laser als Anwendung in der Augenchirurgie. Eigentlich bin ich dafür auch der falsche Ansprechpartner. Ich bin Grundlagenforscher. Meine Kollegen und ich haben das C60-Fulleren nicht dadurch entdeckt, dass wir es gesucht haben, sondern weil wir ein Experiment über die Chemie in Sternen und im interstellaren Raum machten. Ich suche nicht nach Anwendungen.
Woran arbeiten Sie derzeit?
Kroto: Wir machen große Fortschritte bei der effizienten Erzeugung verschiedenster Nanostrukturen: etwa Nanoröhren reproduzierbarer Länge und Durchmesser, aus Kohlenstoff ebenso wie metallhaltige Nanodrähte. Das könnte für extrem starke Kompositwerkstoffe oder ultradünne Displays von Nutzen sein.
Sehen Sie irgendwelche Gefahren, etwa sich selbst replizierende Nanoroboter?
Kroto: Das klingt zwar weit hergeholt, ist aber nicht ganz unrealistisch. Sich fortpflanzende Organismen haben sich zufällig in der Biosphäre entwickelt. Ich vermute, eines Tages werden wir winzige Organismen nachbilden oder sie auf irgendeine Weise modifizieren können. Wie klein diese Systeme dann sein werden, wird man sehen.
Sollte man Vorkehrungen treffen?
Kroto: Natürlich. Aber das gilt für den Missbrauch aller Technologien. Mit einem Laser kann man die Sehkraft eines Menschen wieder herstellen, aber mit einer Laserlenkwaffe auch Menschen töten. Ob die Nanotechnologie mehr oder weniger Schaden anrichten kann als andere Technologien, weiß ich nicht. Eines ist aber klar: Die unreflektierte Ablehnung von Technologie an sich bedeutet einen Rückschritt in die Zeit, in der ein Viertel der Kinder mit fünf Jahren starb und 10 % der Frauen eine Geburt nicht überlebten und in der Menschen tagein, tagaus auf dem Feld arbeiteten. Die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie welche Technologien nutzen will, und sie muss ihr Möglichstes tun, damit sie vernünftig eingesetzt werden. Das Problem dabei ist wie man leider immer wieder sieht , dass sich unsere Technologien zwar rapide weiterentwickeln, unser Sozialverhalten jedoch nicht. Das hat sich seit der Steinzeit nicht wesentlich verändert.
Das Interview führte Norbert Aschenbrenner