Hinter der Biegung eine Meile voraus signalisieren die Fahrzeuge eine drastische Verringerung ihrer Geschwindigkeit. Stau! Diese Information wird an einen Service-Provider weitergeleitet, der sie an Fahrzeuge in der näheren Umgebung ausstrahlt. Wenn deren Bordsystem die Daten für relevant hält, wird der Fahrer informiert und ihm zugleich eine Alternativroute angeboten (rechtes Bild). Währenddessen studiert seine Beifahrerin via Farbdisplay die Angebote von Restaurants
Ich verkaufe medizinische High-Tech-Geräte. Das ist Big Business, bei dem ich viel unterwegs bin. Denn meine Kunden bevorzugen immer noch den persönlichen Kontakt, nicht den virtuellen. Das gefällt mir. Außerdem habe ich vor kurzem diesen brandneuen Firmenwagen bekommen, ein Klasse-Fahrzeug. Nachdem ich die biometrische Sicherheitsprozedur hinter mich gebracht hatte, musste ich nur noch meinen WristAssist ans Auto halten, so eine Art Personal Digital Assistant, in dem ich mein Profil abgelegt habe und alle Einstellungen wurden ganz nach meinem Geschmack konfiguriert! Zum Beispiel die Medical-Business-News, die ich täglich brauche, meine Lieblingsstimmen für die Ansagen, meine Kundendatenbank, meine bevorzugten Hotels, einfach alles! Auto und PDA haben sich auf Anhieb verstanden.
Apropos "Verstehen" wenn ich irgendwo hin will, muss ich z.B. nur noch "Kettering Medical Center" sagen, und eine künstliche Stimme übrigens hervorragend dem Tonfall meiner Freundin nachempfunden erwidert: "Du willst also zum Southern Boulevard Nr. 3535 in Kettering, Ohio. Hab' ich recht, Schatz?" Nicht schlecht, was?
Ich mache das OK-Zeichen ja wirklich, denn die eingebaute Kamera erkennt diese Geste ohne Probleme und los geht's. Das Navigationssystem prüft noch das aktuelle Verkehrsaufkommen und die Wetterbedingungen, sucht in Sekundenschnelle die optimale Route aus, und dann meint diese bezaubernde Stimme, dass wir starten können.
Kettering ist ein wunderbares Viertel in Dayton, Ohio. Große Häuser, breite Straßen; 35 Meilen von meinem Domizil entfernt. Zuerst aber muss ich noch Linda abholen Dr. Betz, für alle anderen! Sie ist das jüngste Mitglied unseres Sales Teams, und wirklich toll: Die klinischen Details beherrscht sie perfekt. Das Navigationssystem findet nicht nur den kürzesten Weg zu ihr, sondern berücksichtigt auch alle möglichen anderen Dinge. Heute morgen habe ich gedacht, hey, wo will der denn lang? Nun, es gab einen Notfall in der Nähe, und das Verkehrsleitsystem hält stets den Weg für Rettungsfahrzeuge frei.
Dank Kameras und Radarsensoren werden die Autos von morgen über eine Vielzahl von Systemen verfügen, die dem Fahrzeug einen 360°-Rundumblick ermöglichen und dem Komfort und der Sicherheit der Insassen dienen: vom Einschlafwarner über die Verkehrszeichen- und Hinderniserkennung bis zu Assistenzsystemen fürs Einparken und Stop-and-Go-Fahren und den Sicherheitssystemen zur Spurhaltung und Kollisionsvermeidung (Quelle: Siemens VDO)
Als wir dann auf dem Interstate-Highway 75 in Richtung Dayton sind, meldet der BlindSpot-Detektor, dass ich nach links rüber fahren könnte es wäre gerade eine Lücke frei. Klar, viele machen das, denn das Fahren auf der automatischen Linksspur ist viel relaxter. Man stellt den Tempomaten ein, verlässt sich auf Radar und Kameras, lehnt sich zurück und lässt seinen Schlitten selbst den Chauffeur spielen. Ich mag das aber weniger, denn die Linksspur wird vor allem von Trucks befahren, und außerdem: Für mich ist es auch heute noch ein Vergnügen, die Karre selbst zu steuern. Freude am Fahren, Sie verstehen?
Beim Blick zur Seite muss ich grinsen: Linda diskutiert gerade mit dem Beifahrer-Display, in welches Restaurant wir den Abteilungsleiter für Roboterchirurgie in Kettering ausführen sollen. Das System lädt über meinen PDA dessen virtuelle Karteikarte mit seinen Vorlieben und gleicht die Daten mit den Restaurants ab, die in der Nähe der Klinik liegen. Schließlich kommt der Vorschlag, das Lokal "Time Out" zu besuchen. Der Laden wirbt mit dem Slogan: "Virtuelles Dining in der Epoche Ihrer Wahl". Linda bestellt eine kalorienarme Version des Essens, das George Washington angeblich am Tag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung gegessen hat. Dazu gibt es dann zeitgenössische Musik.
Passieren kann in diesem Prachtauto fast nichts mehr. Früher, ja, da schliefen die Leute manchmal am Steuer ein. Und einige wachten nie wieder auf. Heute behalten kleine Kameras die Augen des Fahrers stets im Blick. Wenn er verdächtig mit den Wimpern klimpert, ertönt aus den vorderen Lautsprechern, der Ton eines schrillen Weckers. Es gibt sogar ein paar japanische Autos, bei denen dann das Lenkrad wie eine Bauchtänzerin wackelt.
Ach ja, erinnern Sie sich noch an all die Auffahrunfälle von damals? Die laufen jetzt auch unter "Es war einmal ...". In Notfällen bremsen Lkw und die meisten Pkw von selbst. Schneller, als der Fahrer reagieren kann. Und dann gibt das Fahrzeug die Information über die automatischen Bremsvorgänge sofort an den Service-Provider weiter. In Null Komma Nichts werden dann alle Autos in der Umgebung über die Gefahr unterrichtet.
Dummerweise ist jetzt ein solcher Fall eingetreten. "Sorry, Darling", erklärt mir die zuckersüße Stimme, "aber eine Meile vor uns ist leider nur Stop-and-Go-Verkehr". Das Navigationssystem zeigt bereits mit einem blinkenden Pfeil im HUD (dem Head-up-Display) eine Alternativroute zur Klinik an. Eine Viertelstunde später sind wir dort perfektes Timing. Es gibt sogar ein Tiefdeck für Fahrzeuge mit Autopark-Funktion. Die hat mein Prachtstück natürlich. Wieder ertönt meine virtuelle Freundin: "Darf ich auf Deck 3, Platz 127, parken?" Wie könnte ich etwas dagegen haben, sage ich, und mit Linda auf dem Weg zum Fahrstuhl drehe ich mich nochmals um und sehe, wie mein Wagen die Rampe ins Parkhaus hinunterfährt.
Arthur F. Pease