Dr. Burkhard Göschel (56) ist im Vorstand der BMW AG verantwortlich für die Bereiche Entwicklung und Einkauf. Der Maschinenbau-Ingenieur ist seit 24 Jahren in den unterschiedlichsten Funktionen für BMW tätig, zunächst in derMotorenentwicklung, dann als Leiter "Entwicklung Motorrad", Projektleiter "Roadster", Leiter der Baureihe "Sondermodelle", Leiter "Entwicklung Gesamtfahrzeug" und seit 2000 als Vorstandsmitglied
Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen alle Lebensbereiche des Menschen. Welche Rolle werden sie Ihrer Meinung nach in den nächsten 10 bis 15 Jahren beim Automobil spielen?
Das Auto ist nach wie vor der Technologie- und Innovationsträger Nummer Eins und bringt auch die Informations- und Kommunikationstechnologien entscheidend voran. Dies beweist der Technologiewandel, den wir heute erleben: der Siegeszug der Elektronik und der Wandel von der Hardware zu Software. Diesem allgemeinen Trend ist die Automobilindustrie keineswegs passiv ausgeliefert, sie gibt ihm ganz im Gegenteil entscheidende Impulse, wie Sie am neuen 7er BMW deutlich sehen. Mit unseren Innovationen bewegen wir uns immer mehr in die Software-Richtung – sei es bei der virtuellen Fahrzeugentwicklung, bei Connected Drive oder Drive by Wire.
Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Wo legt BMW die Schwerpunkte bei der Entwicklung des multimedialen, vernetzten Autos?
Die Antwort darauf steckt bereits in Ihrer Frage. Das Zauberwort heißt Vernetzung. Um das multimediale Auto der Zukunft zu entwickeln, liegt unser Schwerpunkt in der intelligenten Vernetzung aller relevanten Bereiche. So beschreibt unser Projekt Connected Drive eine neue, umfassende Betrachtung des Zusammenspiels von Fahrer, Fahrzeug und Umwelt im Verkehr. Während die einzelnen Bestandteile bisher weitgehend isoliert und unabhängig voneinander betrachtet wurden, wird nunmehr der Fahrer als echter, verbundener (connected) Partner in den Regelkreis der Fahrzeugführung mit eingebunden.
Können Sie das an konkreten Beispielen verdeutlichen?
Der Fahrer ist beispielsweise heute schon im neuen 7er BMW durch internetbasierte Dienste mit der Außenwelt vernetzt: So können Sie im Auto jederzeit neueste Nachrichten empfangen oder Adressen von Restaurants, Hotels, Apotheken und demnächst auch freien Parkplätzen abrufen und nur mit einem Knopfdruck direkt ins Navigationssystem übernehmen. Gerade die Koppelung dieser Online-Dienste mit dem Navigationssytem schafft für den Kunden den entscheidenden Mehrwert.
Oder ein weiteres Beispiel: die Entwicklung neuer Fahrerassistenzsysteme. Zum einen sind diese Assistenzsysteme fahrzeugintern mit Telematikfunktionen vernetzt, zum anderen aber auch extern mit anderen Verkehrsteilnehmern. Dadurch können wir völlig neue Funktionen realisieren. Unsere Ingenieure entwickeln Techniken, mit denen Automobile in der Zukunft direkt untereinander kommunizieren und Informationen nicht nur über den Verkehrsfluss, sondern auch über den Straßenzustand oder die Wetterlage austauschen werden. So können Warnungen vor lokalen Gefahren wie Nebelbänken oder lokalem Glatteis schnell und gezielt weitergegeben werden.
Die Autos der Zukunft werden also immer mehr zum rollenden Computer. Ist es sinnvoll, Fahrzeuge mit eigener Internet-Adresse auszustatten?
Wir haben bereits zwei Forschungsfahrzeuge der Öffentlichkeit vorgestellt, die eine eigene Internetadresse haben, auf die man also über das World Wide Web per PC, PDA oder das Mobiltelefon zugreifen kann. Bei diesen Technologieträgern, einem BMW X5 und einem BMW 740i, ist es auf diese Weise z.B. möglich, von jedem Ort der Welt die Türen oder Fenster zu öffnen oder zu schließen, das Licht ein- und auszuschalten oder den Betriebszustand zu kontrollieren, also z.B. den Ölstand zu checken. Dies bringt für die Kunden den Vorteil, jederzeit von jedem Ort aus nachprüfen zu können, ob das Fahrzeug auf dem Parkplatz offen oder abgeschlossen ist oder ob z.B. bei Regen die Fenster geschlossen sind. Auf diesem Weg ist es auch möglich, Rufnummern ins Autotelefon oder Adressen ins Navigationssystem zu übermitteln – von überall her. Zudem eröffnet diese Anwendung zahlreiche neue Möglichkeiten für den Fahrzeugservice. Durch die Verknüpfung mit dem Navigationssystem übermittelt das Auto auf Wunsch seine genaue Position, und wenn der Kunde es will, kann der Händler sogar einen Servicecheck per Internet durchführen.
Welche technologischen Hürden sehen Sie noch auf dem Weg in die eben beschriebene Zukunft?
Diese Zukunft hat bei BMW mit der Einführung des neuen 7er mit onlinebasierten Diensten ja schon begonnen. Und dass unsere Forschungsfahrzeuge mit einer eigenen Internetadresse voll funktionstauglich sind, zeigt auch, dass die diesbezüglichen technologischen Hürden bereits genommen sind. Die größte Herausforderung für die Automobilindustrie besteht jetzt darin, mit der rasanten Innovationsgeschwindigkeit der Telekommunikations- und Computerbranche mitzuhalten. Das Stichwort heißt hier Software Update. Wir müssen Standards schaffen, die es dem Kunden ermöglichen, neue Software und damit neue Funktionen in sein Auto auch nachträglich einzuspielen. Die ersten Schritte in diese Richtung haben wir bereits vollzogen: Sie können schon heute in unseren Fahrzeugen nachträglich neue Software aufspielen, z.B. für den Bordmonitor und das Navigationssystem. Im neuen 7er BMW gilt dies schon für weit mehr Funktionen. Die Zukunft weist also den Weg zu Automobilen, die man quasi elektronisch mit Software auftanken kann.
Werden sich die einzelnen Weltregionen unterschiedlich entwickeln – oder zeigt die Entwicklung der intelligenten Fahrzeuge und Highways in Europa, Asien und Amerika in dieselbe Richtung?
Autos mit eigener Internet-Adresse könnten in einigen Jahren zum Standard werden. Damit ließe sich nicht nur von jedem Ort der Welt aus per Handy kontrollieren, ob Türen, Dach und Fenster geschlossen sind. Fahrer oder Servicepersonal könnten auch Adressen ins Navigationssystem übertragen oder wichtige Fahrzeugdaten übermitteln. Sogar ein Servicecheck via Internet wäre denkbar – all diese Anwendungen wurden bereits an Forschungsfahrzeugen getestet
Die Entwicklungen in der Automobilindustrie sind nicht auf bestimmte Länder oder Regionen begrenzt. Wir entwickeln unsere Automobile für den Weltmarkt und verkaufen sie auch weltweit, so dass alle unsere Kunden rund um den Globus von den gleichen Innovationen profitieren. Der internationale Forschungs- und Entwicklungsverbund der BMW Group mit Technologiezentren nicht nur in Deutschland, sondern z.B. auch in den USA oder in Japan ermöglicht es uns, neue interessante Technologien möglichst schnell aufzugreifen und sie für die Automobilindustrie nutzbar zu machen. Denken Sie hier nur an den Controller des iDrive Bedien- und Anzeigesystems im neuen 7er BMW. Die Grundlagen dafür stammen aus unserem Technology Office in Palo Alto, Kalifornien. Die Serienentwicklung haben dann unsere Ingenieure im Münchner Forschungs- und Innovationszentrum vorangetrieben.
Wie sieht die politische Unterstützung aus? Gibt es rechtliche oder politische Hindernisse, die der Entwicklung im Wege stehen?
Rechtliche oder politische Hindernisse bei der Entwicklung intelligent vernetzter Fahrzeuge gibt es eigentlich keine. Natürlich müssen für alle Neufahrzeuge die gesetzlich erforderlichen Zulassungen vorliegen. Und bei neuen Technologien gilt es auch erst einmal, Gesetzesgrundlagen zu schaffen, damit eine Zulassung erfolgen kann. Das ist aber ein ganz normaler Vorgang; es gibt keine speziellen Hürden vom Gesetzgeber gegen die oben beschriebenen Technologien und Innovationen.
Das Interview führte Ulrich Eberl