Rudolf Siegert, der Siemens-Projektleiter, mit einer UMTS-Designstudie. "Isle of Man on Air" heißt der standortbezogene Dienst von Siemens, der mit einem UMTS-Handy von NEC und einem Notebook den Kunden schnurstracks zur nächsten Tankstelle, dem nächsten Hotel oder auch dem nahegelegenen Pub führt
"Stellen Sie sich vor, im Urlaub genügt ein Anruf, um ihren Freunden zu zeigen, wie es bei Ihnen am Strand aussieht. Oder, falls ein Alarmsystem mit Kamera in Ihrer Wohnung vorhanden ist, können Sie dort jederzeit nach dem Rechten sehen", schwärmt Richard McGuinness, Projektleiter von Manx Telecom.
Die Keimzelle der dritten Generation des Mobilfunks ist ein kleines Eiland in der irischen See, das weder zu Großbritannien noch zur Europäischen Union gehört. Die Isle of Man ist zwar Territorium der britischen Krone, hat aber eine eigene Regierung und ist unabhängig. Mit einer Fläche von 588 km² und 75 000 Einwohnern sowie einer modernen Telekommunikations-Infrastruktur ist sie ein ideales Testgelände für UMTS.
Bereits 1999 hat die Regierung eine kostenlose Lizenz an Manx Telecom, eine Tochter von mmO2 (ehemals British Telecom Wireless), vergeben, um ein kommerzielles UMTS-Netz aufzubauen das erste in Europa. Nachdem Siemens und die japanische Firma NEC das Netz installiert haben, sind die Techniker seit einigen Monaten dabei, es zu erproben und zu optimieren. "Wir haben hier 28 UMTS-Basisstationen, das entspricht einer Abdeckung von 85 %", berichtet der Siemens-Projektleiter Rudolf Siegert.
Januar 2002: Im Hauptquartier von Manx Telecom schauen die eingeladenen Journalisten interessiert auf das Mobilfunkgerät der Zukunft. Der NEC-Silberling besitzt ein aufklappbares Farbdisplay, das etwas kleiner ist als eine Kreditkarte, und eine Tastatur, die zusätzlich noch vier Cursortasten hat. Die Anrufe nach Deutschland sowohl aufs Mobilfunk- als auch aufs Festnetz gelingen auf Anhieb. Die Verbindung ist stabil und rauschfrei.
Nun der nächste Schwierigkeitsgrad: Surfen im Internet. Ein Mitarbeiter ruft das Manx-Portal "Pronto" auf und lässt ein UMTS- gegen ein GSM-Handy antreten. Mit einer Datenrate von 384 kbit/s dauert es per UMTS nur ein paar Sekunden, um zur Eingangsseite von Pronto zu gelangen. Für das GSM-Handy dagegen ist das ein beschwerlicher Job. Mit 9,6 kbit/s müht es sich nach einer Minute immer noch mit dem Bildaufbau ab. Trotzdem, um im Internet zu surfen oder e-Mails zu schreiben, muss beim UMTS-Gerät derzeit ein Notebook als Hilfsmittel herhalten, das über die USB-Schnittstelle mit dem Handy verbunden ist. Erst dann kann der Nutzer bequem einen elektronischen Brief verfassen, Nachrichten anschauen oder Videos herunterladen.
Und dann der höchste Schwierigkeitsgrad für UMTS: das Videotelefonat. Zwar klappt es erst beim dritten Anlauf, aber immerhin ist der Gesprächspartner zu sehen, auch wenn das Bild noch verschwommen ist und der Kontrast etwas dunkel. Auch hier kommt der Anwender nicht ohne Hilfsmittel aus: Erst die eingebaute Kamera und der Bildschirm des so genannten Image Viewer Terminals sorgen für das Live-Abbild des Gesprächsteilnehmers.
Auf der Isle of Man haben die Nutzer derzeit die Wahl unter sieben Anwendungen, etwa Informationen über das lokale Kinoprogramm mit kleinen Filmausschnitten oder den Sportteil von Pronto. Wer sich langweilt, kann sich mit Online-Spielen die Zeit vertreiben. Ein weiterer Dienst ist "Isle of Man on Air". Er versorgt den Anwender abhängig von seinem Standort mit ortsspezifischen Informationen. Also auf zum Auto, das vor der Eingangstür wartet. Zu seiner Ausstattung gehören ein Navigationssystem und ein Notebook, das per Kabel mit dem UMTS-Telefon verbunden ist. Auf dem Bildschirm ist eine vergrößerte Straßenkarte zu sehen, auf der sich das Fahrzeug, ein roter Punkt, langsam vorwärts bewegt. Am rechten Rand geht ein weiteres Fenster auf: Nun erscheinen erste Hinweise zu Golfplätzen, Sehenswürdigkeiten und Tankstellen. Wer übernachten will, kann über den Hotel-Finder Zimmer suchen und online reservieren. Ein Klick auf den Menüpunkt "Find the nearest" und schon wird der Weg zum nächsten Pub angezeigt, wo es den "Manx Spirit", den inseleigenen Whisky, gibt und das System liefert dazu sogar noch einen Hinweis auf den nächsten Geldautomaten.
Videotelefonate per UMTS-Handy: Im Testbetrieb auf der Isle of Man benötigt der Nutzer dazu zwar noch ein Zusatzterminal einen Image Viewer mit Kamera und Bildschirm , aber der Gesprächspartner ist klar zu erkennen
Manx Telecom hat im Januar 200 Telefone an ausgewählte Testpersonen Schüler, Geschäftsleute, Hausfrauen und Regierungsmitglieder verteilt. Auf deren Erfahrungen und Ideen sind die Experten schon gespannt. Sie möchten nämlich "nicht nur das Netzwerk betreiben und optimieren", so McGuinness, "wir wollen richtige Services bieten".
Nur, mit einem größeren Display und einer nutzerfreundlicheren Tastatur würden sich die Probanden leichter tun. Würde dann noch die Kamera integriert und die Kapazität der Akkus von anderthalb Stunden deutlich gesteigert, wäre das Handy nahezu perfekt. Rudolf Siegert: "Die Geräte müssen noch überarbeitet werden. Wir benötigen stromsparendere Chips, und sie müssen sowohl im GSM- als auch im UMTS-Netz klarkommen." Die ersten UMTS/GSM-Handys von Siemens hat Rudi Lamprecht, der Vorsitzende des Bereichsvorstands von Information and Communication Mobile, für das 4. Quartal 2002 angekündigt.
Evdoxia Tsakiridou