Ortsabhängige Dienste – etwa Wegweiser auf dem Handy – sowie das mobile Büro (Bild rechts) gehören zu den attraktivsten Anwendungen künftiger Mobilfunknetze
Die größte Herausforderung bei der Planung des künftigen Multimedia-Mobilfunks hat weder etwas mit der technischen Realisierbarkeit zu tun – wie die UMTS-Feldversuche auf der Isle of Man und an etlichen anderen Standorten oder auch der Blick nach Japan zeigen – noch liegt es an den derzeit spärlich vorhandenen Endgeräten. All diese Anfangsschwierigkeiten können zwar die Markteinführung verzögern, aber nicht verhindern. Was Netzbetreiber, Gerätehersteller, Diensteanbieter und Analysten weit unsicherer macht, ist König Kunde, denn letztlich entscheidet die Nachfrage über den Erfolg. Auf Überraschungen wie die eher verhaltene Nutzung der WAP-Dienste würde man liebend gerne verzichten.
Doch für welche UMTS-Anwendungen lassen sich die Nutzer von morgen begeistern? "Es wird sicherlich keine einzelne Killerapplikation geben", urteilt Bernd Eylert, Vorsitzender des Londoner UMTS-Forums. "Hingegen wird der Handynutzer einen ganzen Cocktail von Multimedia-Diensten genießen, die sehr präzise auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sein werden." Auch Paul Stein, Geschäftsführer von Roke Manor Research – dem Siemens-Forschungs- und Entwicklungszentrum in Großbritannien, in dem viele UMTS-Neuerungen ihren Ursprung haben – ist vom Erfolg des Multimedia-Mobilfunks überzeugt: "UMTS hat ein enormes Potenzial, weil es drei wichtige Technologien verbindet: hohe Datenraten, das Internet sowie die Fähigkeit, den Aufenthaltsort des Handys zu erkennen und das Informationsangebot auf diesen Standort hin anzupassen." Nach Schätzungen von Analysten der ACR-Group, von Dataquest und anderen soll das weltweite Marktvolumen für mobile Datendienste bereits im Jahr 2004 bis zu 10 Mrd. € betragen.
Quelle: Booz-Allen-Hamilton-Studie, Oktober 2001, u.a.
Spekulationen über eine fehlende Attraktivität der dritten Mobilfunk-Generation tritt auch der Branchenreport "Technology Forecast 2001–2003" der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers entgegen. Deren Experte für Mobile Business, Manfred Briede, ist sich sicher: "Bedürfnisse beim Verbraucher zu wecken, funktioniert im Mobilfunk wie auf anderen Märkten auch. Die Autoindustrie bietet schnellere und komfortablere Fahrzeuge, und der Kunde will sie haben. UMTS wird diverse Dienstleistungen schneller und komfortabler machen, und der Verbraucher wird gerne umsteigen." Welche Dienste das sein könnten, erklärt Rob Conway, CEO der GSM Association, so: "Die SMS-Explosion beweist, dass Dienste, die auf offenen Plattformen basieren, also auf allen Endgeräten und Netzen verfügbar sind, eine hohe Attraktivität besitzen. Dasselbe gilt für Dienste, die leicht verständlich und leicht zu bedienen sind, sowie für diejenigen, die auf die Person zugeschnitten sind und nützliche, vielfältige Inhalte haben." Alles in allem glauben die Fachleute und internationale Studien die folgenden wesentlichen Trends mit einiger Gewissheit vorhersagen zu können (siehe Grafik oben):
Das Geschäftsgebiet Solutions des Siemens-Bereichs Information and Communication Mobile erarbeitet Lösungen und Plattformen für derzeitige und künftige Mobilfunknetze. "Wir bündeln die Kompetenzen von Siemens, um unseren Kunden Gesamtlösungen anzubieten", sagt Geschäftsgebietsleiter Volker Ziegler. Besonders wichtig sind für Ziegler überzeugende Konzepte für die Abrechnungsverfahren, "denn nur wer solche anbietet, kann in diesem Geschäftsumfeld bestehen". So wird ein Kunde nur dann zur Kasse gebeten, wenn die Übertragung, etwa eines Videos, erfolgreich war – und nicht, wenn sie unverschuldet unterbrochen wurde. Unter dem Begriff m.traction stellte Siemens auf der Messe CeBIT im März 2002 eine Vielzahl neuer, teils mit Partnern entwickelter, Anwendungen vor:
m.traction City on Air: ein elektronischer Städteführer mit ortsbezogenen Diensten, etwa über Kinos, Restaurants oder Freunde, die sich in der Nähe aufhalten.
m.traction 3G shopping: Einkaufen per Handy mit spezieller Oberfläche für kleine Displays.
m.traction 3G Mail: Multimedia Messaging Lösung. e-Mails mit Farbbildern, Videoclips oder Musikdateien, die der Empfänger multimedial kommentieren und weiterleiten kann.
m.traction 3G Chat: Chatrooms, in denen die Besucher durch Avatare, kleine Comic-Figuren mit Gestik und Mimik, vertreten werden. Textbotschaften werden vom Endgerät in Sprache umgewandelt.
m.traction HotStreams: eine Applikation der von Siemens angebotenen MultimediaStreaming-Lösung mit Interaktionsfähigkeiten. Damit können Torszenen aus dem Fußball ebenso übermittelt werden wie Filmausschnitte, Nachrichten oder Schulungen. Anklickbare Bildausschnitte führen den Nutzer direkt zu Internet-Links, Bestellmöglichkeiten oder auch Börsenkursen.
m.traction gaming: Interaktive Spiele zwischen Handys, etwa Fußball oder Schach. Funktioniert auch auf unterschiedlichen Endgeräten: So sieht ein Spieler beispielsweise das Schach-Spielfeld auf dem Display, und sein Gegner mit einem nicht videotauglichen Handy bekommt den Zug per SMS geschickt.
Auch für professionelle Anwendungen, etwa das Projekt-, Vertriebs-, Wartungs- oder Flottenmanagement, werden laufend neue m.traction-Dienste entwickelt.
"Mit UMTS wird das Internet mobil", heißt eine der plakativen Werbebotschaften. Doch was der Nutzer in Zukunft auf seinem Handy sehen dürfte, werden kaum die konventionellen Internet-Seiten sein. In den Vordergrund tritt hier – vor allem wegen des kleineren Bildschirms – die reine Information, allerdings angereichert mit Bildern, Tönen und mitunter auch Video. Ein Handybesitzer wird daher verhältnismäßig kurz aufs Internet zugreifen, dafür aber mehrmals am Tag. Wesentlich ist dabei die Personalisierung der Dienste: Jeder Nutzer dürfte in Zukunft über sein persönliches Portal verfügen, das genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten ist.
Bei der Marktdurchdringung des Multimedia-Mobilfunks setzen die Experten neben den professionellen Nutzern vor allem auf die jüngere Generation. "Das Multimedia-Handy wird das Medium junger Menschen, es wird Statussymbol und Ausdruck eines neuen Lebensstils sein", schätzt Shum Shingh, Senior-Analyst bei Durlacher-Research in London. Diese Einschätzung bestätigen auch verschiedene Umfragen. So belegt eine Studie der Marktforscher von Taylor Nelson Sofres, dass vor allem männliche Mobilfunk- und Internetnutzer unter 35 Jahren Interesse an künftigen UMTS-Handys haben. Erfolgreich werden daher vor allem Anwendungen sein, die auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind und unter dem Motto "Menschen unterhalten und verbinden" zusammengefasst werden können. Dabei dürfen vor allem die Betreiber der so genannten Multimedia Messaging Services (MMS) auf hohe Umsätze hoffen. Darunter versteht man eine Weiterentwicklung des beliebten SMS-Dienstes. Geht es bei SMS nur um die Übertragung begrenzter Textmitteilungen, so ermöglicht MMS (und in geringerem Maß auch sein Vorläufer EMS "Enhanced Messaging Services") Nachrichten nahezu unbegrenzter Länge und mit Bild- und Ton-Anhängen – ähnlich wie man das von e-Mails am PC gewohnt ist. In den Bereich Lifestyle fallen auch Musik und Spiele, die sich der Anwender aus dem Netz auf sein Endgerät laden und interaktiv mit anderen Handy-Nutzern spielen kann oder die Möglichkeit des animierten Chattens: Dabei wird der Kunde im Netz durch virtuelle Kunstfiguren, z.B. Figuren aus Comics, vertreten, die über Mimik und Gestik agieren. Anfangs eher ein Nischenmarkt dürfte dagegen das Ansehen von Videos oder Live-Übertragungen sein. Das liegt an den zunächst noch kleinen Bildschirmen und der hohen und daher teuren Datenmenge, die übermittelt werden muss. Sinnvoller sind Ausschnitte aus Filmen, die als Werbung für Kinos wirken, oder auch kurze Torszenen aus einem gerade laufenden Fußballspiel. Der Mobilfunk der Zukunft wird also dafür sorgen, dass die Nutzer immer und zu jeder Zeit mit genau den Informationen versorgt werden, die sie gerne hätten oder brauchen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Nachrichtendiensten zu. Aus der Flut von neuen Informationen müssen die für den Kunden wichtigen Nachrichten herausgefiltert werden – auch hier ist Personalisierung sehr wichtig. Beispielsweise können Software-Agenten eine persönliche elektronische Zeitung zusammenstellen (siehe die Artikel über Agententechnologie in Pictures of the Future, Oktober 2001): Der eine Kunde bekommt dann morgens Sport-Nachrichten auf sein Handy geschickt, der andere sein Horoskop und lokale News und der dritte die neuesten Börsen- und Wirtschaftsdaten.
Wer auf Reisen geht, wird in seinem Handy einen wertvollen Begleiter finden. Mit den "Location Based Services" wird es möglich, den Kunden mit orts- und situationsspezifischen Informationen zu versorgen. In fremden Städten kann der Tourist der Zukunft über das Mobiltelefon nützliche Informationen erhalten: Was ist in dem Stadtteil, in dem ich mich gerade befinde, los? Wo gibt es günstige Angebote? Wer von meinen Freunden befindet sich in der Nähe? Solche Informationen können in Form einer Landkarte mit besonderen Hinweisen auf dem Display des Mobiltelefons angezeigt werden.
Das Mobiltelefon könnte auch die Funktion eines Reiseleiters übernehmen und Touristen Hinweise zu Sehenswürdigkeiten geben. Ein Geschäftsessen in einer fremden Stadt? Kein Problem: Das Handy kennt den momentanen Aufenthaltsort, sucht ein geeignetes Restaurant in der Nähe und weist den Weg zum nächsten freien Parkplatz. Solche Dienstleistungen sehen die Analysten der Durlacher-Research Group als eine sinnvolle und erfolgreiche Zukunftsanwendung, besonders für Nutzer in Großstädten.
Auf Basis dieser Location Based Services sind jedoch noch eine ganze Reihe weiterer neuer Anwendungen und Geschäftsmodelle denkbar. Gezielte Verkehrshinweise und Umleitungsempfehlungen können dazu beitragen, Staus zu vermeiden. Die Übertragung von Positionsdaten beim Absetzen eines Notrufs kann helfen, das Leben von Kranken oder Unfallopfern zu retten.
Beim Chat in virtuellen Räumen nehmen die Nutzer die Identität von Fantasiefiguren an
Auch Geschäftsreisende oder Mitarbeiter im Außendienst dürften von der hohen Datenrate des künftigen Mobilfunks profitieren. Sie verwenden dann vielleicht weniger das Handy als einen Personal Digital Assistant oder das Notebook. Der Zugriff auf Firmennetze wird in Zukunft über einen mobilen Intranetzugang möglich. Umfangreiche Datenbanken oder Präsentationen können so von jedem Ort der Welt heruntergeladen werden. Für extrem hohe Datenraten werden den Geschäftsreisenden auch W-LANs zur Verfügung stehen, etwa an "Hot Spots" wie Hotels, Messen oder Flughäfen (siehe Datenraten im Mobilfunk: UMTS und mehr). Eine wichtige Voraussetzung für Business-Anwendungen ist die Datensicherheit, um Firmennetze vor unberechtigtem Zugriff oder Manipulationen zu schützen. Gleiches gilt für den Erfolg von Finanzanwendungen – Bank- und Börsengeschäften – und Einkäufen übers Mobiltelefon. Erst wenn die Nutzer auf die Sicherheit dieser Dienste vertrauen, können sie zum Erfolg werden. Weniger schwierig ist dagegen der Einsatz des Handys fürs Bezahlen kleinerer Geldbeträge, etwa am Automaten oder beim öffentlichen Nahverkehr (siehe die Artikel über elektronisches Geld in Pictures of the Future, Herbst 2001).
Über die großen Trends herrscht also relative Einigkeit. "Mit UMTS wird eine neue Plattform für die mobile Informations-, Unterhaltungs- und Konsumgesellschaft geschaffen", sagt Theo Kitz, Analyst bei der Merck Finck&Co Privatbank. Doch wie das Beispiel der SMS-Dienste zeigt, könnte der Markt sehr schnell eine ungeahnte Eigendynamik entwickeln und völlig neue Dienstleistungsmodelle ins Leben rufen: Wer hätte noch vor wenigen Jahren, auch als die Short Message Services technisch schon möglich waren, prophezeit, dass heute weltweit eine Milliarde Textbotschaften pro Tag an Handys verschickt werden – ein Dienst, der inzwischen 10 bis über 20 % der Einnahmen ausmacht? Ob es derartige Überraschungen auch beim Multimedia-Mobilfunk geben wird – niemand vermag es zur Zeit zu sagen.
Sebastian Moser / Ulrich Eberl