Kleine Brennstoffzellen-Kraftwerke oder ähnliche Anlagen könnten künftig Siedlungen mit Strom und Wärme beliefern. Die Nutzer haben einen Vertrag mit einem Energieversorgungsunternehmen, das mehrere dieser Kraftwerke in einem Netz betreibt. Sie sind mit ausgeklügelter Software miteinander verbunden und können zentral wie ein virtuelles Großkraftwerk gesteuert werden
Frankfurt, 12. Dezember 2020. Gebannt starrt Peter Dost auf die zwei großen flachen Monitore an der Wand seines heimischen Arbeitsplatzes. So eine Gelegenheit ergibt sich nicht oft. Gerade hat der Zertifikatehändler an der Frankfurter Energiebörse erkannt, dass ein französischer Energiekonzern ein virtuelles Kraftwerk wegen eines Softwareproblems vom europäischen Großverbundnetz genommen hat. Als Ersatz für den vorübergehenden Ausfall von mehreren tausend kleinen Brennstoffzellen in Wohnhäusern und einigen hundert größeren Anlagen in Gemeinden muss der Stromversorger jetzt die Leistung eines Ölkraftwerks hochfahren.
Das ist schlecht für den Energiekonzern, denn wie Dost weiß, hat das Unternehmen in diesem Jahr sein CO2-Kontingent bereits weit überschritten. Dost bietet dem Konzern sofort per e-Mail Emissionsrechte an und sucht nach einem passenden Verkäufer. Auf dem linken Display kann der Broker online den Energieverbrauch der Handelsgebiete in Europa, USA und Asien abrufen, aufgeschlüsselt nach Regionen, Kraftwerkseinheiten und Energieträgern. Der andere Flachbildschirm zeigt den derzeitigen und auf zwölf Stunden hochgerechneten Ausstoß an Kohlendioxid.
In der Ukraine wird er fündig. In dem frisch gebackenen EU-Mitgliedsland sitzt ein dankbarer Kunde: Das staatliche Stromunternehmen hat vor einem halben Jahr ein Kohlekraftwerk durch ein modernes Gas- und Dampfturbinenkraftwerk ersetzt. Die freigewordenen CO2-Ausstoßrechte bietet es nun sporadisch auf dem Markt an. Dost ordert ein Kontingent und bekommt umgehend den Auftrag des französischen Versorgers – in ihrer Not bieten sie einen guten Preis. Schnell wickelt er das Geschäft ab und kassiert eine stattliche Provision.
"Karin, wir haben was zu feiern", ruft er ins Obergeschoss, wo seine Frau über einem 3D-Entwurf für ein Bürogebäude brütet. "Was ist?" antwortet sie. "Ich habe gerade quer über Europa Emissionsrechte gehandelt, dem Umweltschutz geholfen und dazu noch einen Batzen Geld verdient" jubelt Dost. "Das ist ja super", meint seine Frau, rennt die Treppe herunter und drückt ihm einen Kuss auf die Wange. "Sollen wir essen gehen?" "Gerne", sagt Dost und spricht ein paar kurze Befehle in Richtung seines Computers. Zu seiner Frau gewandt: "Ich schau mal, ob unser Lieblingsitaliener einen Fang des Tages anbietet."
Es klopft ans Terrassenfenster. Draußen stehen schneeverkrustet ihre zehnjährigen Zwillinge, Dominik und Elisabeth. Sie gestikulieren. Dosts Haushaltsroboter hat ihnen gerade heiße Getränke gebracht, und sie haben einen Schneemann gebaut. Aber das ist nicht der Grund für ihre Aufregung, am Gartentor steht der Wartungsmann des Stromunternehmens. Er hat das Brennstoffzellen-Kraftwerk der Siedlung überprüft. Selten, dass da mal jemand persönlich vorbeikommt, denkt Dost. Vielleicht hat der Wartungsmann einen Fehler entdeckt, der sich nicht per Ferndiagnose und Fernwartung beheben lässt?
Dost öffnet die Schiebetür; sofort strömt eiskalte Luft herein. Es ist der kälteste Dezember seit 25 Jahren. Seit einer Woche liegt der Schnee kniehoch; das ist selbst für die Höhen des Taunus viel. "Gibt es Schwierigkeiten?" ruft er zu dem Techniker hinüber. "Nein", antwortet der. "Das Kraftwerk funktioniert einwandfrei, auch die Wärmeübertragung in die Häuser. Ich brauche nur eine Unterschrift von einem der Anteilseigner." "Kinder, bringt mir mal das Formular", sagt Dost. Er unterschreibt, winkt dem Mann zu und fragt die Kinder: "Habt ihr Lust auf Pizza?" Sie strahlen. "Dann kommt rein und zieht euch um."
Während sich die Zwillinge aus ihren Overalls schälen, klingelt das Telefon. Auf dem Display erscheint ein junger Mann, der sich als Mitarbeiter eines neuen Energiehändlers vorstellt. Dost kennt das Unternehmen, es sind die mit der Strom-Ampel. "Herr Dost, haben sie nicht auch das Gefühl, dass Sie zu viel für ihren Strom bezahlen?" beginnt der Vertreter mit seinem Vortrag. "Wir haben ein völlig neues Konzept: Mit unserer Strom-Ampel können Sie immer sehen, wann es besonders günstig ist, den Rasen zu mähen oder die Waschmaschine anzustellen. Zeigt die Ampel grün, bieten wir den Strom mindestens 20 % unter dem Spot-Preis an der Energiebörse an. Wir installieren nur in all Ihre Haushaltsgeräte mit Internetanschluss ein kleines Programm und schon können Sie unsere Vorteile nutzen, Herr ...".
"Entschuldigung", unterbricht Dost. "Unsere Siedlungsgemeinschaft hat eine 100-kW-Brennstoffzelle mit Mikrogasturbine geleast, wir produzieren Strom und Wärme und verkaufen den Überschuss an den Versorger oder die Strombörse, je nachdem, wer den besseren Preis zahlt. Aber vielleicht haben Sie eine Software, die unser Netzmanagement verbessert? Rufen Sie doch bitte morgen wieder an." Der Vertreter nickt und Dost beendet das Telefongespräch per Knopfdruck. Seine Frau und die Kinder sind schon angezogen. "Auf geht's", lacht Karin, "Wir haben mächtig Kohldampf!"
Norbert Aschenbrenner