Manfred Remmel (55) verantwortet seit Oktober 2000 im RWE-Vorstand das Ressort Multi Utility, also die Versorgung mit Strom, Gas und Wasser. Der Wirtschaftsingenieur wechselte 1999 von DaimlerBenz jetzt DaimlerChrysler zum größten deutschen EVU. Bei dem Automobilkonzern arbeitete Remmel in verschiedenen Positionen u.a. im Rechnungswesen, Controlling und der Konzernplanung und war zuletzt Bereichsvorstand Produktion und Materialwirtschaft Pkw
In Werbespots für RWE kann man Brennstoffzellen im Supermarkt kaufen. Ist das realistisch?
Manfred Remmel: Die Werbung läuft unter dem Titel Imagine, also: man stelle sich vor. Das heißt natürlich nicht, dass sich dies alles heute schon so realisieren lässt. Aber was wir zeigen, hat einen konkreten und ernsthaften Hintergrund. Wir glauben an diese Technologie, und wir wollen beweisen, dass sie eine marktfähige Lösung darstellt.
Welchen Zeitraum haben Sie da im Auge?
Fünf bis zehn Jahre.
Welche Trends werden bis dahin die Energielandschaft prägen?
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. In Europa werden zur Zeit die Energiemärkte geöffnet, seit einigen Jahren bereits der Strommarkt, der Gasmarkt folgt. Auf die einzelnen Länder der EU bezogen erfolgt die Liberalisierung allerdings zum Teil in sehr unterschiedlichem Umfang und unterschiedlichen zeitlichen Schritten.
Daneben gibt es z.B. in Deutschland gesetzliche Regelungen zur Unterstützung ökologischer Ziele, die in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben dürfen. Ich denke hier insbesondere an das Gesetz für erneuerbare Energien und das Gesetz zur Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Beim KWK-Gesetz begrüßen wir, dass, wie vorgesehen, nicht nur bestehende Anlagen beziehungsweise neue Anlagen auf Basis konventioneller Technologien subventioniert werden, sondern dass auch neue Technologien, etwa die Brennstoffzellen, gezielt gefördert werden. Inwieweit bei der Brennstoffzellen-Technologie allerdings diese Förderung ausreicht, um mit der weiteren weltweiten Entwicklung in technischer und wirtschaftlicher Hinsicht Schritt halten zu können, wird sich sehr bald zeigen.
Was ist denn in Ihren Augen der vielversprechendste Ansatz für die Energieversorgung der Zukunft?
Auf die nächsten 20 bis 30 Jahre bezogen ist dies ein deutlich steigender Anteil dezentraler Versorgung und zwar basierend auf Naturgas und überall dort, wo sich ein Betrieb mit Kraft-Wärme-Kopplung anbietet. Auf der anderen Seite wird die zentrale Großstromerzeugung weiterhin eine ganz wichtige Rolle spielen, wobei hier der Wirkungsgrad und die Umweltverträglichkeit die entscheidenden Optimierungskriterien darstellen.
Wie definieren Sie dezentrale Stromerzeugung?
Wir betrachten jene Stromerzeugungen als dezentral, bei denen Industrie-, Geschäfts- und Privatkunden oder auch Stadtwerke auf Basis der Kraft-Wärme-Kopplung selbst Strom und Wärme erzeugen. Dabei ist die Einbindung ins jeweilige lokale Stromnetz eine Selbstverständlichkeit, um die Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit sicherstellen zu können.
Im Brennstoffzellen-Pavillon in Essen testet RWE verschiedene Brennstoffzellentypen, darunter eine 110-kW-SOFC-Anlage von Siemens, die im Sommer 2002 durch eine noch leistungsstärkere 300-kW-Anlage (kombiniert mit einer Gasturbine) ersetzt wird. Die Brennstoffzellen versorgen ein benachbartes Multimedia-Erlebniszentrum mit Strom und Wärme bzw. Kälte
Wie sehen denn die dezentralen Anlagen der Zukunft aus?
Insbesondere die Brennstoffzelle hat hier erhebliches Potenzial. Denkbar sind z.B. größere Anlagen ab 200 kW installierter elektrischer Leistung aufsteigend bis 2 MW, gegebenenfalls durch Blockung mehrerer Anlagen. Diese Systeme decken den Einsatzbereich von Industrie- und Geschäftskunden oder großer Wohn- und Verwaltungskomplexe ab. Im kleineren Maßstab darunter verstehe ich 3 bis 10 kW Leistung sind Anlagen im Privatkundenbereich geplant, mit denen Ein- oder Mehrfamilienhäuser versorgt werden können.
Wie viel Strom wird denn bis zum Jahr 2015 dezentral erzeugt werden, und wie hoch wird dabei der Anteil der Brennstoffzellen sein?
Der Anteil der dezentralen Stromerzeugung wird sich in Deutschland etwa verdoppeln, von heute fünfzehn auf dreißig Prozent. Darin enthalten sind auch die großen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen sowie kleinere Blockheizkraftwerke. Wir rechnen damit, dass bis zum Jahr 2015 etwa ein Drittel der gesamten dezentralen Stromerzeugung durch Brennstoffzellen abgedeckt werden kann, dies entspricht etwa 10 % der gesamten Stromerzeugung in Deutschland. Wachstum wird es auch bei Windkraft und Photovoltaik geben, aber bei der Brennstoffzelle sehen wir das größte Potenzial. Daran richten wir unsere Planungen aus.
Kernstück der SOFC-Anlage im RWE-Pavillon: Röhren aus Keramik
Warum wird dezentrale Stromerzeugung so wichtig? Provokant gefragt: Bisher kam der Strom doch auch aus der Steckdose?
Dies liegt an den günstigen Wirkungsgraden und der höheren Umweltverträglichkeit. So wird es z.B. möglich sein, die CO2-Emissionen bei einem Einfamilienhaus gegenüber einer konventionellen Versorgung mit Strom und Wärme um rund 30 % zu reduzieren. Mit Brennstoffzellen-Anlagen, die naturgemäß in der Kraft-Wärme-Kopplung arbeiten, ist ein Gesamtwirkungsgrad bis 85 % erreichbar. Orientiert an den erwähnten 10 % Stromerzeugung und entsprechender Wärmenutzung lässt sich somit, auf Deutschland bezogen, eine erhebliche Verringerung der CO2-Emissionen alleine auf diesem Gebiet erreichen. Ein Grund mehr, über eine gezielte, auch weitergehende, staatliche Förderung dieser Technologie nachzudenken.
Wollen Sie also mehr staatliche Förderung für die Brennstoffzelle eine Art 100 000-Dächer-Programm wie für die Photovoltaik?
Die Frage ist, ob wir in Europa eine Anschubförderung brauchen, wenn die Brennstoffzelle zwar technisch marktreif, aber die Wirtschaftlichkeit noch nicht erreicht ist. Denn die Kosten entscheiden: Bei Hausenergieanlagen dürfen wir ungefähr bei maximal 1 300 pro installiertem Kilowatt liegen, bei großen Anlagen nur bei 1 100 /kW. Heute sind wir bei der Schmelzkarbonat-Brennstoffzelle (MCFC), bei der Festoxid-Brennstoffzelle (SOFC) und bei der Polymerelektrolyt-Zelle (PEM) von diesen Werten noch weit entfernt, da es sich im derzeitigen Entwicklungsstadium naturgemäß nur um Prototypen handeln kann.
Welche zusätzlichen Einsatzgebiete außerhalb der dezentralen Stromerzeugung sehen Sie für Brennstoffzellen?
Da gibt es eine große Anwendungsbreite, das fängt bei Handys an, geht über Brennstoffzellen für eine unterbrechungsfreie Stromversorgung, Brennstoffzellen auf dem Flugfeld zur Versorgung von Flugzeugen bis hin zu Meerwasserentsalzungsanlagen. Für alle Brennstoffzellentypen und -größen gibt es also vielfältige Einsatzgebiete.
Bis wann ist dieses Marktpotenzial realistischerweise zu erschließen?
Etwa ab 2005, aber das hängt sehr davon ab, wann die einzelnen Systeme serien- und marktreif sind.
Fachleute gehen davon aus, dass der erste Markteintritt der Brennstoffzelle in den USA erfolgt.
Das möchte ich nicht ausschließen, zumal die US-Regierung diese Technologie massiv fördert. Das gibt den Unternehmen Planungssicherheit und trägt dazu bei, die Entwicklungsarbeiten zielgerichtet voranzutreiben.
Wäre RWE in den USA dabei?
Bei den Brennstoffzellen für die Hausenergieversorgung wollen wir mit Nuvera, mit Firmensitz in Italien und in den USA, zusammenarbeiten. Bei den größeren Anlagen testen wir Systeme von Siemens Westinghouse (SOFC) und MTU (MCFC). Bezüglich der künftigen Vermarktungsmöglichkeiten in den USA werden wir die weitere Entwicklung genau beobachten und rechtzeitig unsere Entscheidungen treffen.
RWE hat einen Multi-Utility-Ansatz. Welche dezentralen Dienstleistungen wollen Sie in Zukunft anbieten?
Generell gilt: Wenn wir nicht in die dezentrale Energieerzeugung gehen, dann tun es andere. Daher setzen wir uns lieber an die Spitze der Bewegung. Wir können z.B. ein rundum versorgtes Haus oder Büro anbieten. Der Kunde muss sich dann um nichts mehr kümmern. So könnten wir im Rahmen von Contracting- und Betreibermodellen die gesamten Dienstleistungen übernehmen. Der Kunde kann somit von uns Strom, Wärme, klimatisierte Arbeitsplätze und vieles mehr zum Festpreis bekommen.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Akquisitionen von RWE im Gassektor und der Brennstoffzelle?
Auch unabhängig von der Brennstoffzelle spielt Gas wegen der begrenzten Ressourcen von Öl und Kohle eine bedeutende und weiter zunehmende Rolle. Allein deshalb stellt Gas ein wesentliches Element im Rahmen unseres Kerngeschäfts dar.
Gehen wir ein Stück weiter in die Zukunft. Wie ist Ihre Vorstellung der Energieversorgung im Jahr 2050?
Das ist weit entfernt. Aber ich glaube, wie übrigens auch viele Experten, dass wir, wenn wir in solchen Zeiträumen denken, auch ein Ende des fossilen Zeitalters in Betracht ziehen müssen. Insofern kann die Brennstoffzelle auch eine wichtige Übergangstechnologie darstellen im Hinblick auf ein solares Zeitalter, in dem dann auch die Wasserstoffwirtschaft ihren Platz haben könnte.
Wie weit sind wir von der Wasserstoffwirtschaft entfernt?
Photovoltaik in Kombination mit Elektrolyse zur Wasserstofferzeugung und der entsprechende Betrieb von Brennstoffzellen zur Strom- und Wärme- bzw. Kälteerzeugung ist heute dort schon interessant, wo es auf eine autarke Versorgung ankommt. Dass dies funktioniert, sehen Sie an diesem kleinen Modell auf meinem Tisch. Eine Solarzelle erzeugt aus Wasser Wasserstoff, der dann wieder in einer kleinen Brennstoffzelle in Strom für meinen Ventilator umgewandelt wird.
Sind Sie damit autark?
Zumindest was die Frischluft an meinem Schreibtisch angeht, schon.
Interview führte Norbert Aschenbrenner