Interview mit Claus Weyrich und Bernd Kolpatzik
Prof. Dr. Claus Weyrich (58), Mitglied des Vorstands der Siemens AG, leitet die Zentralabteilung Corporate Technology, in der 1800 Mitarbeiter an Standorten in aller Welt für die technologische Zukunftssicherung des Unternehmens arbeiten
Im ersten Heft der Zeitschrift Pictures of the Future haben wir die gleichnamige Methode vorgestellt, mit der Siemens ein ganzheitliches Bild der künftigen technischen Entwicklung entwirft. Die wichtigsten Trends in den Siemens-Arbeitsgebieten sind damit identifiziert, doch wie geht es weiter?
Weyrich: Mit dem Verfahren der Pictures of the Future verfolgen wir vor allem drei Ziele: Wir wollen uns einen Überblick über die Technologien verschaffen, die in Zukunft eine wesentliche Rolle spielen werden. Das sind einmal diejenigen, die das künftige Marktwachstum tragen, dann die, die einen multiple impact haben, also in viele Geschäfte hineinwirken, und schließlich jene, die zu Diskontinuitäten, also Entwicklungssprüngen, führen. Als zweites Ziel wollen wir systematisch neue Geschäftsmöglichkeiten aufspüren, und drittens wollen wir nach innen und außen kommunizieren, dass Siemens ein visionäres und innovatives Unternehmen ist. Ein wichtiges Instrument dafür ist nicht zuletzt diese Zeitschrift.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein solches Picture of the Future erstellen?
Kolpatzik: Wir bilden ein Arbeitsteam mit Fachleuten aus Corporate Technology und dem operativen Geschäft. Zu Beginn laden wir auch externe Experten ein, z.B. von Hochschulen, Instituten, Wettbewerbern oder auch Kunden, die ihr Wissen zu einem bestimmten Lebensbereich mit uns teilen. Gemeinsam erarbeiten wir die Szenarien, aus denen wir dann die wesentlichen Technologien, Geschäftschancen und Handlungsempfehlungen ableiten. Das ist ein Prozess, der sich über drei, vier Monate erstreckt.
Können Sie konkrete Beispiele für neue Geschäftsmöglichkeiten nennen, die auf diese Weise identifiziert wurden?
Kolpatzik: Information und Kommunikation haben sich als wesentliche Querschnittstechnologien herausgestellt. Ein Beispiel: Wir untersuchen gerade, was die Medienlandschaft künftig an Technologien braucht von den Informationsnetzwerken bis zu den Möglichkeiten, Inhalte personen- und situationsbezogen auf mobile Endgeräte zu bringen. Da geht es um Stichworte wie die persönliche Zeitung, Voice Portals, UMTS und auch schon die übernächste Generation mobiler Netze. Oder ein weiteres Synergiethema, die Sensorik wichtig für die Automatisierungstechnik und die Verkehrstechnik, aber auch für viele andere Bereiche. Stellen Sie sich z.B. ein Handy mit Beschleunigungssensor vor, das das Umfeld erfasst, in dem es sich befindet. Wenn es bewegt wird, etwa in der Einkaufstasche, klingelt es lauter, wenn es ruhig liegt, etwa auf dem Tisch eines Restaurants, vibriert es nur leise oder gibt optische Signale von sich.
Steht dann am Ende all dieser Untersuchungen eine Top-10-Liste der wichtigsten Technologiefelder für Siemens?
Weyrich: Technologiestrategien zu entwickeln ist ein sehr komplexer Prozess. Eine bestimmte Technologie kann z.B. in einem Geschäftsfeld Treiber sein, aber in einem anderen nur eine unterstützende Funktion besitzen. Man muss sie immer im Zusammenhang des Geschäftsgeschehens sehen und sich fragen: Zu welchem Marktwachstum führt sie? Wie kann sich das Geschäft entwickeln? Wie attraktiv ist es für Siemens? Haben wir eigene Kompetenzen? Lässt sich die Technologie von mehreren Bereichen nutzen? und so weiter. Sie sehen schon, eine einfache Bundesliga-Tabelle von Technologien kann es nicht geben.
Was sind dann die wesentlichen Vorteile des neuen Verfahrens?
Weyrich: Die Pictures of the Future sind nicht nur eine Ansammlung von Ideen und Visionen, sondern ein systematisches Verfahren, das in einem überschaubaren Zeitraum zu Marktprognosen, zu den wichtigsten Trends, zu den ihnen zu Grunde liegenden Technologien und zu Ideen für neue Geschäftsmöglichkeiten führt. Vor allem zeigt es auch, wie die Ziele der Zukunft aus der Gegenwart heraus erreicht werden können: Es gibt also Anleitungen zum Handeln. Dabei ist gar nicht so wichtig, ob die Zukunftsprognosen letzten Endes auch exakt zutreffen, denn dazu ist die Welt der Technik zu dynamisch und mitunter auch zu turbulent. Nein, wie so oft gilt auch hier: Der Weg ist das Ziel. Der Prozess ist das Wesentliche.
Kolpatzik: Unser Tool der Pictures of the Future ist sehr pragmatisch und zielführend. Das stellen wir auch immer wieder fest, wenn wir mit anderen Firmen unsere Erfahrungen austauschen.
Weyrich: Für die Zukunftsplanung gibt es sehr unterschiedliche Verfahren. So ist z.B. die Delphi-Methode sehr populär und wurde schon häufig in Zukunftsstudien eingesetzt. Auch wir nutzen für die Pictures of the Future Ergebnisse von Delphi-Umfragen. Darüber hinaus beziehen wir aber auch die Extrapolation aus dem laufenden Geschäft und die Retropolation aus Zukunftsszenarien mit ein. Die Pictures of the Future sind also das ist ihr besonderer Vorzug ein ganzheitliches Verfahren. Dazu kommt ein weiterer Vorteil: Sie malen, wie schon der Name sagt, ein Bild der Zukunft, das den Menschen in seinen Lebensbereichen zeigt, wie er in der vernetzten Welt von morgen agiert. Die Bilder sprechen den Betrachter damit auch auf einer emotionalen Ebene an.
... und diese anschauliche Herangehensweise kommt bei den Empfängern an?
Weyrich: Ja. Siemens hat mit den Pictures of the Future einen Weg gefunden, bei Kunden und auch in der Öffentlichkeit seine Vorstellungen über die Zukunft klar zu artikulieren und zur Diskussion zu stellen.
Doch sicherlich gibt es auch Dinge, die noch verbessert werden können. Was sind Ihre nächsten Schritte?
Dr. Bernd Kolpatzik (36) ist Leiter des Strategiefelds für Information, Communications and Automation bei Corporate Technology. Zu seinen Aufgaben gehört die Erstellung der "Pictures of the Future" für die Arbeitsgebiete Information and Communications sowie Automation and Control. Kolpatziks Team arbeitet mit einem Netzwerk interner und externer Partner zusammen, spricht Handlungsempfehlungen aus und bereitet die Umsetzung im Unternehmen vor
Kolpatzik: Natürlich lernen wir immer dazu. Wie man den Prozess möglichst effizient gestaltet oder wie sich die Methodik anpassen und auf konkrete Geschäfte fokussieren lässt. Das sind auch unsere Stoßrichtungen für die Zukunft: In den Strategiefeldern wenden wir veranlasst durch viele Nachfragen die Pictures of the Future jetzt auch auf neue Gebiete an, konkret etwa auf Materialien oder BSH Bosch und Siemens Hausgeräte. Auch suchen wir nach Synergien über die Arbeitsgebiete des Hauses hinweg, etwa im Bereich Sensorik. Darüber hinaus gehen wir bei einigen Gebieten sehr in die Tiefe, detaillieren also bestehende Pictures of the Future. Und schließlich entwickeln wir die Methodik weiter, untersuchen z.B. die Frage, wie man aus mehreren Pictures of the Future übergreifende Technologiestrategien entwickeln kann, z.B. auf dem Gebiet der Dienstleistungen.
Weyrich: Zugleich müssen wir die Pictures of the Future unserer Arbeitsgebiete aktuell halten. Das ist wie mit den chinesischen Tellern im Zirkus die muss der Artist auch stets erneut in Drehung versetzen, damit die Balance gehalten wird. Die Pictures of the Future müssen also ein systematisch durchgeführter, sich wiederholender Prozess werden, nur dann werden sie zum integralen Bestandteil unserer Innovationskultur. Da sind wir schon weit gekommen. Doch man sollte das Verfahren auch nicht mit Erwartungen überfrachten: Es ist zweifellos ein sehr nützliches Tool für den Innovationsprozess. Um die Ergebnisse in Geschäftserfolge umzusetzen, braucht man aber noch viel mehr: technologische Spitzenleistungen, ein überzeugendes Patentportfolio, ein effizientes Projektmanagement, und, last but not least, Weltklasseteams. Letztlich sind sie es, die auf dem Spielfeld des Marktes stehen und erfolgreich Tore schießen müssen!
Das Interview führte Ulrich Eberl