Roboter – Szenario 2020
Diener aus Stahl
Ob Gepäckträger, Küchenhilfe, Pflegekraft oder Tankroboter – intelligente Assistenten aus Stahl sollen in Zukunft die unterschiedlichsten Aufgaben übernehmen und uns so den Alltag erleichtern. Auch als Entertainer sind sie gefragt, etwa in Form eines High-Tech-Hündchens. Künstliche Lehrer werden den Menschen nicht nur Tennis beibringen, sondern sie auch als wandelnde Litfasssäule über Wissenswertes informieren – stets freundlich, kompetent und nie ungeduldig
Eltville, Rheingau, Herbst 2020. Flink bewegen sich die kleinen Roboter durch die Rebzeilen und pflücken behutsam die reifen Trauben. Jetzt muss die Weinlese zügig ablaufen, denn ab morgen sind starke Regenschauer vorhergesagt. Faulen dürfen die Beeren auf keinen Fall, denn die Winzer sind sich sicher: "2020 wird ein Spitzenjahrgang!" Schon jetzt klettert der Aktienkurs des Rheingau Wine Investment Fund auf ein Rekordhoch.
"Da seid ihr ja endlich!" Christine Dost und ihr Sohn Peter liegen sich in den Armen. "Entschuldigung Mutti, aber wir hatten eben noch Besuch von einem Vertreter für den neuen Multi-Rob. Du, das ist schon ein tolles Ding, ein Roboter für alles: Fenster putzen, Boden wischen, Staub saugen, Getränke holen. Es gibt so viel Zubehör, wie man sich nur wünschen kann. Das wär' doch auch was für euch, oder?" Doch Peters Mutter winkt ab. "Ich habe doch schon so viele kleine Helfer im Haushalt. Da brauche ich nichts Neues". Peter schmunzelt, immer das Gleiche mit seinen Eltern – wenn jemand so ein hohes Alter erreicht hat, ist er eben nicht mehr so flexibel. Doch er ist sicher: Wenn Multi-Rob zu Weihnachten an ihrer Haustür klingeln wird, mit seinem schönsten Lächeln im Gesicht und einem Geschenkband um den stählernen Leib gewickelt, dann werden sie sich doch darüber freuen.
Schon rollt ein Gepäckroboter an ihnen vorbei und trägt ihre Koffer ins Haus. "So einen will ich auch haben", platzt die kleine Elisabeth Dost plötzlich heraus und deutet auf den Robo-Doggy, den ein Mädchen stolz spazierenführt. "Jetzt kommt doch erst einmal herein", lenkt Christine Dost ab. "Opa kommt auch gleich zum Kaffee". Oben im ersten Stock zieht sich der stark gehbehinderte Markus Dost gerade aus der Badewanne in einen intelligenten Rollstuhl. Alleine würde es Christine nicht schaffen, Markus zu versorgen und zu pflegen. Doch mit den mobilen Heinzelmännchen ist bislang alles gut gegangen. Automatisch fährt ihn der Rollstuhl achtsam ins Wohnzimmer im Parterre. Den Weg dorthin hat er sich bei der ersten Erkundungsfahrt problemlos gemerkt.
Als die Besucher ins Wohnzimmer gehen, rollt ein Siromob aus der Küche kommend an ihnen vorbei, einer der fast humanoiden Roboter mit rundem Schädel und sehr gelenkigen Armen. Wegen seines geräuschlosen Piezomotors hätten die Dosts den 1,50 m großen stählernen Gesellen fast nicht bemerkt. Doch zu Zusammenstößen kam es noch nie, denn mit seinen Sensoren und der neurokognitiven Programmierung erfasst der schlaue Roboter jede Situation blitzschnell. Sollte ihm etwa Christine zu nahe kommen, macht er ganz nach Wunsch mit Lichtsignalen oder verbal auf sich aufmerksam und weicht ihr rechtzeitig aus.
Gemütlich sitzt Familie Dost beisammen. Siromob schenkt Kaffee ein und verteilt die Kuchenstücke. "Ich will das größte", sagt Dominik. "Nein, ich", erwidert seine Zwillingsschwester Elisabeth. Siromob scheint verwirrt, wem er nun das Stück geben soll, entscheidet sich dann aber für Dominik, nachdem dieser ihn nochmals darum bittet. "Wir haben etwas zu feiern", gibt Peters Frau Karin bekannt. "Ihr wisst doch, letztes Jahr haben wir Aktien des Rheingau Wine Investment Fund gekauft. Gestern konnten wir sie mit einem Supergewinn verkaufen."
Gefeiert wird aber nicht nur drinnen bei den Dosts. Draußen geht gerade eine Gruppe weinseliger Touristen vorbei. Ihr Führer, ein humanoider zweibeiniger Roboter, zeigt ihnen Sehenswürdigkeiten und erklärt den Weinanbau. Fragen der Gruppe – ob auf Deutsch oder Englisch gestellt – versteht er im Allgemeinen gut und beantwortet sie gerne. Nur regelmäßig am Ende der Tour kommt er ins Schlingern, weil die Artikulation seiner Gäste zu wünschen übrig lässt.
"Wir haben auch eine Überraschung für euch. Seht mal, wer hier ist", sagt Christine verheißungsvoll. Durch die Wohnzimmertür tritt Melanie Dost, Peters Schwester. Sie sieht ziemlich geschafft aus. Zum x-ten Mal hat sie versucht, ihren Gegner im Tennis zu schlagen. "Hallo alle zusammen. Ich mache mich schnell noch frisch. Hat doch der verdammte Kerl schon wieder gewonnen. Beim nächsten Mal wähle ich Level 4. Auf Level 5 und mit zwei Schlägern ist er einfach zu stark." Ihr Tennispartner braucht keine Auszeit. Voller Energie wartet er auf sein nächstes Match. Spezielle Brennstoffzellen sorgen dafür, dass der Spieleroboter stets einsatzbereit ist.
"Siromob, bringst du mir bitte ein Glas Wasser?" Melanie ist zurück, fällt aufs Sofa. Kurze Zeit später rollt der Roboter heran und reicht ihr das Wasser. "Meine Güte, ich kann mir schon gar nicht mehr vorstellen, wie wir das früher ohne die Robos geschafft haben." "Jetzt tu bloß nicht so. Du hast dich ja schon immer um Hausarbeiten gedrückt", frotzelt Peter. "Ihr ändert euch aber auch nie", amüsiert sich Christine.
Als Siromob Orangensaft für die Zwillinge holen soll, muss er passen. Die Vorräte sind aufgebraucht. Mit einem traurigen Gesichtsausdruck teilt er dies den Kindern mit. Karin steht auf: "Ich hole euch welchen von der Tankstelle. Dann kann ich auch gleich noch unsere Brennstoffzellen im Auto betanken". Sie macht sich auf den Weg.
"Schau mal, Siromob sieht fast ein wenig erleichtert aus. Du Oma, hat der eigentlich echte Gefühle?" will Elisabeth wissen. "Nein, hat er nicht. Aber wer weiß, in einigen Jahren vielleicht schon." An der Tankstelle ordert Karin den gewünschten Orangensaft. Genüsslich lehnt sie sich im Sitz ihres neuen Fahrzeugs zurück und wählt auf dem Display einen ihrer alten Lieblingssongs, der auch sofort per Internetverbindung geladen wird. Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht sieht sie den Tankrobotern zu, während aus den Lautsprechern das über 50 Jahre alte Lied "In the year 2525" von Zager & Evans ertönt ...
Ulrike Zechbauer