"Das istein Ball, kleiner Freund" Liebevoll werden die Fußballroboterder Technischen Universität München auf Sieg programmiert
Bastler sind sie, Tüftler, Visionäre. Mit ihren Robotern verbringen sie so manche Nacht im Labor. Dann schrauben, löten und bohren die Informatik-Studenten und -Studentinnen der Technischen Universität (TU) München an den Maschinen herum und programmieren deren Laptop-Gehirne auf Sieg. Um aus kleinen Blechkisten Weltmeister zu machen einmal im Jahr beim Robocup, der Weltmeisterschaft der Fußballroboter. 2002 wurde sie am gleichen Ort und zur gleichen Zeit ausgetragen wie die Fußballweltmeisterschaft: in Japan zwar in einem Baseballstadion, doch Roboter sind da nicht kleinlich.
Forschergruppen, meist von Universitäten, schickten ihre Geschöpfe nach Ligen sortiert in den Wettkampf. Andras Hofhauser, er studiert im sechsten Semester an der TU München Informatik, war bereits zum zweiten Mal für sein Team bei der WM: "Wir waren sehr optimistisch, denn die Hardware hatten wir rundum erneuert." Und an ihrer Software feilen die "Agilo Robocuppers", so nennt sich das Team, seit 1998. Während die Erfolgsstrategie manch anderer Roboter darin besteht, wild aufs Tor zu stürmen, ohne zu wissen, wo sie sich auf dem Spielfeld befinden allein in der Hoffnung, den Gegner zu übertölpeln , arbeiten die Münchner Maschinen mit Köpfchen: Durchs Kameraauge nehmen sie das 4 × 9 m² große Spielfeld wahr, analysieren über eine Bilderkennungssoftware die Umgebung, orientieren sich an Pfosten, dem gegnerischen Tor und Farbkontrasten, beispielsweise zwischen dem roten Ball und der grünen Spielfläche. Über Funk tauschen die vier Blechspieler auf dem Feld ihre vermuteten Positionen aus, passen, punkten und siegen wenn denn alles klappt. Derart gut gerüstet traten die Robocuppers gegen 15 Konkurrenten in der Middle-size-league an, der Königsklasse, in der sich die maximal 50 × 50 cm² großen Maschinen autonom bewegen, also ohne jede Hilfe von außen. Auf Maschinen wie diesen ruht die Hoffnung der Robocup-Veranstalter. Deren Ziel: 2050 sollen Roboter erstmals gegen Menschen eine Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen.
"Ich bin da zwar skeptisch," sagt Andras, "aber es ist schon ein großartiges Erfolgserlebnis, zu sehen, dass sich etwas nach einem Programm bewegt, an dem ich mitgearbeitet habe." Fasziniert waren auch die 120 000 Zuschauer, die zur vier Tage dauernden WM ins japanische Fukuoka kamen. Zu den Maschinen-Wettkämpfen tanzte auf einer Empore der humanoide Honda-Roboter P3, der sich bewegt wie ein Mensch. "Es ist spannend wie beim richtigen Fußball," sagt Andras. Und so gibt es auch wahre Tragödien: Nach zwei Spielen schieden die Münchner Blechkicker aus. Die sonst sehr wendigen Roboter wollten sich kaum bewegen. Ein neues Kabel, so vermuten die Informatiker, funktionierte nicht richtig. Aber ob das der einzige Fehler war, werden sie in langwieriger Detailarbeit herausfinden müssen. "Natürlich war unsere Stimmung im Keller", erinnern sich die Studenten. Einige von ihnen hatten seit drei Jahren an den kleinen Maschinen gearbeitet.
Doch ihrer Roboter-Begeisterung kann der Misserfolg nichts anhaben. Die Motivation für die Arbeit ist eine andere: "Es geht um den wissenschaftlichen Fortschritt", sagt Andras, "und um den Spaß. Warum spielen Kinder mit Bauklötzen? Aus den gleichen Gründen, aus denen wir Roboter bauen: Bastelleidenschaft". Roboter-Wettbewerbe auf der ganzen Welt scheinen dies zu bestätigen. Allein 70 Großveranstaltungen sind schon fest fürs Jahr 2003 geplant. Darunter der Robo Fire-Fighter Contest und die in Japan beliebten Sumo-Wettkämpfe von Kleinrobotern, bei denen jedes Jahr bis zu 7000 Blechkämpfer antreten. Sind Roboterforscher also schlicht Kind geblieben?
Roboter als Spiegelbild des Menschen. Wissenschaftler auf der ganzen Welt glauben an tiefere Ursachen, an den heimlichen Wunsch des Ingenieurs, seinen Doppelgänger in die Welt zu setzen. So auch der Roboterfachmann Professor Wolfgang Coy von der Humboldt-Universität Berlin: "Viele Roboterfantasien sind Unsterblichkeitsfantasien: Wir machen einfach ein Back-Up von uns, aus Sehnsucht nach der Begegnung mit uns selbst." Vieles spricht für diese These vom archaischen Wunsch nach dem Spiegelbild. Der Traum vom selbsterschaffenen Gegenüber ist Jahrtausende alt: Die jüdische Geheimwissenschaft der Kabbalistik gab ihm im 11. Jahrhundert Gestalt mit der Mythenfigur Golem. Ein klobiges Wesen aus Lehm, dem ein Geheimzeichen auf der Stirn Leben einhaucht. Während die männlichen Golems zum Holzhacken marschierten, standen die weiblichen Exemplare im Verdacht, ihren Herren Liebesdienste zu leisten. Schon die Vorform des modernen Roboters entlarvt sich also als Männerfantasie. Immer dienstbar, immer hörig der Roboter als seelenloser Sklave.
Schnell den Ball vor sich hertreiben, den Gegner austricksen und dann ... doch wo war das Tor gleich wieder? Roboter-Fußball ist fast so spannend wie der menschliche
Moderne Fronarbeiter. Die Etymologie des Begriffs bringt es ans Licht: In Karel ?apeks sozialistisch angehauchtem Theaterstück "R.U.R. (Rossum's Universal Robots)" von 1921 werden Kunstmenschen zur Fronarbeit, auf Tschechisch "robota", gezwungen nach der Übertragung ins Englische geht der Begriff um die Welt. Doch die Industriesklaven brechen bei ?apek aus ihrer Abhängigkeit aus und proben den Aufstand. Dieser Plot beherrscht die Roboterfantasien: Die Schöpfung entwickelt ein Seelenleben und bedroht ihren Schöpfer. Kinoklassiker wie "Metropolis", "Blade Runner" oder "Terminator" übersetzen die Schauervision in Bilder.
Moderne Fronarbeiter. Die Etymologie des Begriffs bringt es ans Licht: In Karel ?apeks sozialistisch angehauchtem Theaterstück "R.U.R. (Rossum's Universal Robots)" von 1921 werden Kunstmenschen zur Fronarbeit, auf Tschechisch "robota", gezwungen nach der Übertragung ins Englische geht der Begriff um die Welt. Doch die Industriesklaven brechen bei ?apek aus ihrer Abhängigkeit aus und proben den Aufstand. Dieser Plot beherrscht die Roboterfantasien: Die Schöpfung entwickelt ein Seelenleben und bedroht ihren Schöpfer. Kinoklassiker wie "Metropolis", "Blade Runner" oder "Terminator" übersetzen die Schauervision in Bilder.
Auf den Kinoleinwänden sehen wir dann vor allem eines: unsere eigenen Zombies, meint Prof. Peter Gendolla. Der Literaturwissenschaftler der Universität Siegen schrieb zahlreiche Aufsätze zu künstlichen Menschen in Film und Literatur. Er stellt fest: "Visionen von Maschinenmenschen treten verstärkt zu Zeiten auf, wenn eine Gruppe oder Gesellschaft durch ihren eigenen technischen Fortschritt überfordert ist. Wir identifizieren uns mit dem perfekten, weil künstlichen Menschen, der uns bedroht. So können wir die Verletzungs-Erfahrung und den Kontrollverlust verarbeiten." Beispielsweise zur Zeit der Romantik: Mit den Anfängen der Industrialisierung wurde der einzelne Mensch zum Rädchen in der undurchschaubaren Produktionsmaschinerie. Entsprechend bezeichnete Jean Paul das 18. Jahrhundert als Jahrhundert der Maschinenmenschen. Gehäuft tauchen sie in den Novellen Eichendorffs und E.T.A. Hoffmanns auf.
Die Mensch-Maschine. Im 20. Jahrhundert schließlich beginnt die Grenze zu verschwimmen: In Literatur und Film werden Mensch und Maschine einander zum Verwechseln ähnlich. Mit dieser Unsicherheit spielen Autoren aller Genres. Doch auch Forscher, Visionäre und Fanatiker brüten über der Frage: Werden Roboter eines Tages fühlen und eine eigene Persönlichkeit entwickeln? Werden sie sogar lernen zu lieben wie in Steven Spielbergs Film "Artificial Intelligence"? Ein Informatiker der TU München sinniert gar, ob wir Menschen vielleicht nur sehr gut funktionierende Roboter seien: die Summe von biochemischen und physikalischen Prozessen. Professor Coy, der auch Philosophie studierte, sieht das gelassen: "Es fragt ja auch keiner, ob Menschen nicht vielleicht Klaviere sind. Ich bin sicher kein Roboter." Nach einer Pause fügt er langsam hinzu: "Oder aber ich bin derart gut programmiert, dass ich es nicht weiß."
Freilich, so weit sind die Informatiker der TU München noch nicht. Doch eines Tages, wer weiß, werden ihre Blechkicker sich womöglich über die Siege freuen und über die Niederlagen trauern. Oder werden sie gegen ihre Herren rebellieren und das Spielfeld verwüsten, wie ?apeks Arbeitssklaven? Ihre Schöpfer jedenfalls schrauben und programmieren schon wieder. Für die nächste WM.
Andreas Kleinschmidt