Roboter – Gastkommentar/Vision
Wir werden alle Cyborgs sein
Cyborg: Cybernetic Organism, Mischung aus Mensch und Maschine
Das Zeitalter der Cyborgs nähert sich mit großen Schritten. Schon heute verfügen wir über Neuroimplantate für eine stetig wachsende Anzahl von Hirnregionen, die sich an der Funktionsweise des Gehirns orientieren. So wird derzeit eine neue Generation von Hörimplantaten entwickelt, die Frequenzbereiche hörbar machen sollen, die dem menschlichen Ohr normalerweise verborgen bleiben. Oder das Beispiel des Max-Planck-Instituts für Biochemie in Martinsried bei München: Dort gelang es Forschern, Transistoren zu entwickeln, die mit Nervenzellen kommunizieren können.
Intelligente Maschinen werden künftig durch unsere Blutbahn navigieren. Es gibt Dutzende von Entwicklungsprojekten für biologisch-mikroelektromechanische Systeme (bioMEMS), die Krankheitserreger selbstständig aufspüren und Medikamente präzise abgeben können. So hat etwa ein Forscher an der Universität von Illinois in Chicago eine winzige Kapsel mit 7 nm kleinen Poren entwickelt. Über diese Poren kann die Kapsel Insulin freisetzen und gleichzeitig verhindern, dass Antikörper in ihr Inneres dringen. Mit ähnlichen Systemen könnte man Parkinson-Patienten gezielt mit Dopamin behandeln oder auch Krebsmittel direkt am Tumorgewebe ausschütten.
Computer werden verschwinden. Am Ende dieses Jahrzehnts wird es keine Computer mehr geben – zumindest nicht die, die wir heute kennen und mit uns herumschleppen. Wir werden uns an hochauflösende Bilder gewöhnen, die von Brillen oder Kontaktlinsen direkt auf die Netzhaut projiziert werden. Unser Sichtfeld wird rund um die Uhr mit orts- und zeitspezifischen Informationen angereichert sein. Wir werden ständig über mobile High-Speed-Verbindungen ans Internet angeschlossen sein, die Elektronik dafür wird in unserer Kleidung stecken. Derart persönliche Computer werden uns dann Begegnungen mit anderen Menschen in lebensechten virtuellen Realitäten ermöglichen.
Bis 2030 wird man Schaltungen in Molekülgröße realisieren und die bioMEMS werden sich zu bioNEMS (N für Nano) weiterentwickeln. Milliarden von Nanobotern – Roboter in Nano-Größe – werden in den Kapillaren des Gehirns herumschwirren und sowohl miteinander (über ein drahtloses LAN) als auch mit unseren Nervenzellen und dem Internet kommunizieren. Diese Technik wird sämtliche Sinne simulieren können. Wenn wir uns in eine bestimmte virtuelle Umgebung einloggen, werden die Nanoboter die Wahrnehmungen unserer Sinnesorgane so perfekt gegen simulierte Signale austauschen, dass wir denken, wir wären tatsächlich vor Ort.
Es wird uns eine ganze Palette virtueller Umgebungen zur Verfügung stehen, vertraute irdische Welten oder solche, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Dort können wir mit echten oder künstlichen Menschen interagieren – Geschäfte treiben oder in sinnlichen Kontakt treten, ganz nach Belieben. Wir werden auch nicht auf unsere eigene Persönlichkeit beschränkt sein. Im virtuellen Leben können wir unser Aussehen verändern und uns in andere Menschen verwandeln.
Computer werden immer leistungsfähiger ... ... und auf die Größe von Neuronen schrumpfen Quelle: Ray Kurzweil
In Zukunft werden wir unsere ganzen sinnlichen Erfahrungen wie auch die neuronalen Entsprechungen unserer Emotionen ins Netz speisen, genauso wie man heute mit der Webcam sein Schlafzimmer ins Internet stellt. In ihrer Freizeit werden sich Leute an den sensorisch-emotionalen Strahl anderer Personen anschließen, um zu erfahren, wie es ist, dieser andere Mensch zu sein – wie im Film "Being John Malkovich". Auch ein riesiges Erfahrungsarchiv wird es geben. Die Entwicklung von virtuellen Umgebungen und archivierten lebensechten Erfahrungen wird zu einer neuen Kunstform werden.
Ray Kurzweil (54) ist nicht nur einer der bekanntesten Visionäre des Computerzeitalters, sondern auch erfolgreicher Unternehmer. Er gründete Firmen für maschinelle Zeichenerkennung, Computermusik, Finanzanalyse und Gesundheitserziehung. 1990 erschien sein erstes Buch "The Age of Intelligent Machines". 1999 veröffentlichte er "The Age of Spiritual Machines, When Computers Exceed Human Intelligence". Kurzweil hat zahlreiche nationale und internationale Ehrungen erhalten, darunter die National Medal of Technology – die höchste Auszeichnung der USA in diesem Bereich – und neun Ehrendoktortitel in Naturwissenschaft, Technik, Musik und Geisteswissenschaften
Entwicklung zum Weltbewusstsein. 2030 wird die wichtigste Anwendung der Nanoboter die Erweiterung unseres Bewusstseins sein. Heute sind wir auf etwa 100 Billionen Verbindungen zwischen unseren Gehirnzellen beschränkt. Dann, mit Hilfe der Nanoboter-Kommunikation, werden wir über erheblich mehr Kontakte und Rechenleistung verfügen können. So werden wir unser fotografisches Gedächtnis, unser Erinnerungsvermögen und unsere Denkkraft erheblich verbessern und direkt mit leistungsstarken Formen nicht-biologischer Intelligenz kommunizieren.
Diese nicht-biologische Intelligenz wird sich – wie alle Informationstechnologien – exponentiell ausbreiten, wenn sie erst einmal in unseren Gehirnen Fuß gefasst hat. Man bedenke, dass bereits ein Würfel von 2 cm Kantenlänge, voll mit Nanoröhren-Verschaltungen, mindestens eine Million mal mehr Rechenleistung erbringt als unser Gehirn. Im Labormaßstab gibt es bereits funktionsfähige Schaltungen mit diesen winzigen Kohlenstoffröhrchen. Bis 2040 wird der nicht-biologische Anteil unserer Intelligenz leistungsfähiger sein als der biologische. Dennoch: Auch dies wird immer noch Teil der vom Menschen gemachten maschinellen Zivilisation sein, denn er wurde dank menschlicher Intelligenz geschaffen und basiert auf der Funktionsweise unseres Nervensystems.
In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Focus prophezeite Stephen Hawking, dass die Computerintelligenz die des Menschen in wenigen Jahrzehnten überrundet haben wird. Er sprach sich dafür aus, "so schnell wie möglich Technologien zu entwickeln, die eine direkte Verbindung zwischen Hirn und Computer ermöglichen, damit künstliche Gehirne die menschliche Intelligenz unterstützen und nicht bekämpfen." Hawking kann beruhigt sein. Genau dies geschieht zur Zeit.
Ray Kurzweil